Auf dem Weg nach Kiruna: Die heimische Vorgeschichte... (Reiseberichte)

Blaschke, Donnerstag, 24.12.2015, 22:52 (vor 1624 Tagen), gefällt einem Benutzer

Hallo!


Als Europa (sich) noch ein wenig einiger war und als die Flüchtlinge noch nicht wußten, dass sie bald Flüchtlinge sein werden, da begab es sich, dass ein paar Bahnen Europas das "Europa-Sepzial Schweden" erweiterten und man jetzt mit dem Fahrschein auch nach Nordschweden fahren konnte.

Das ließ mir keine Ruhe, die Meldung wirkte auf mich wie ein Trompetenstoß auf ein altes Schlachtroß. Das mußte ich nutzen. So kramte ich die letzten Geldreserven zusammen und machte mich eines Sonntags im Juni auf zum Reisezentrum. Dort war wie immer gut was los, irgendwann aber kam auch ich mal dran. Und äußerte meinen Wunsch, mal nach Kiruna fahren zu wollen. Hin und vor allem ohne Übernachtung direkt wieder zurück.

Einzig bezahl- und buchbare Reiseverbindung war dann eine Verbindung Mitte Juli. Auf die genauen Daten schaute ich gar nicht erst drauf - Blaschi sabberte beim Anblick der möglichen Buchung wie ein Bernhardiner beim Anblick der Frolic-Futter-Dose. 178 Euro sollte Hin- und Rückfahrt kosten, dazu jeweils 6,60 Euro für die Sitzplatzreservierung im X2 und jeweils 20 Euro für den Liegewagenplatz UNTEN im D-Zug von/nach Kiruna. 231,20 Euro. "NICHT FRAGEN! BUCHEN!" konnte ich nur noch stammeln. Bestimmt hätte man noch Stunden tüfteln können und hier und da was optimieren können, aber ich war zufrieden. Zumal ich, wie sich später herausstellte, fälschlicherweise den EC 239 für den Nacht-EC über Flensburg nach Kopenhagen hielt (auf die genauen Unterwegszeiten habe ich gar nicht geschaut). Und bevor mich die Warteschlange hinter mir noch ganz woanders hinwünscht, wollte ich doch buchen.

Selbstredend gab es zwischendurch ein Problem. Wenn ich's richtig verstanden habe, mußte für den X2 noch ein bestimmter Buchungscode her - aber der Mitarbeiter konnte das in den hinterlegten Buchungshinweisen alles eruieren und dann klappte es auch; zu meiner Verwunderung und zu der des Bahners gab es keine weiteren Hürden und Besonderheiten! Erwartet man ja gar nicht.

Mit einer ganzen Batterie von Zetteln - für den deutschen IC gab's noch in beiden Richtungen eine Platzreservierung -, dafür mit ein paar bedruckten Scheinen, die man "Geld" nennt, weniger, machte ich mich dann vom Acker.

Und schaute zu Hause erstmal nach, was genau ich eigentlich jetzt gebucht und bezahlt habe.

Das hier:


11.07.

17:23 Uhr ab Osnabrück Hbf mit IC 2312
19:13 Uhr an Hamburg Hbf
19:28 Uhr ab Hamburg Hbf mit EC 239

12.07.

00:13 Uhr an Kobenhagen H
08:36 Uhr ab Kobenhagen H mit X2 530
13:39 Uhr an Stockholm Central
17:55 Uhr ab Stockholm Central mit D 94

13.07.

11:06 Uhr an Kiruna
15:48 Uhr ab Kiruna mit D 93

14.07.

09:16 Uhr an Stockholm Central
10:13 Uhr ab Stockholm Central mit X2 10529
15:23 Uhr ab Kobenhagen H
17:13 Uhr ab Kobenhagen H mit EC 30
22:16 Uhr an Hamburg Hbf
22:46 Uhr ab Hamburg Hbf mit IC 2021

15.07.

00:35 Uhr an Osnabrück Hbf


Im Prinzip war ich zufrieden. Bis auf die 8 Std. Pause in Kobenhagen. Es war eben nicht der Nacht-IC über Flensburg. Soooooooo tragisch war das jetzt nicht. Die Strecke bin ich mal gefahren, mit EC hin und im Nachtzug zurück - geile Sache. Und dann von Kobenhagen rübergehüpft mit dem Öresundzug nach Malmö und wieder retour mit Zwischenausstieg in Malmö-Syd Svaagertorp station. War auch ein echtes Blaschi-Erlebnis. Irgendwie würde ich die 8 Std. in Kobenhagen schon rumbekommen. Alles wird gut.


Nachdem ich dann beschäftigter war als geplant und der Reisetag immer näher rückte, lagen mir die 8 Std. doch schwerer im Magen als gedacht. "Vorab ausruhen" wurde nix und so reifte mein Entschluß, mir doch noch eine Übernachtungsmöglichkeit zu besorgen. Also am Freitag vor der Fahrt mittags ab ins Reisebüro, nach einem Hotel fragen. Da schaute man mich nur entgeistert an, "geht nicht, gibt's nicht, ham wa nich, tschüssi!". Was ist naheliegend? Mal beim Bahnhofsreisezentrumreisebüro nachfragen. Dort war man sehr nett, "Dänemark haben wir aber irgendwie nicht im Programm!" - auf mein Nachfragen, wo ich denn wohl Glück haben könne, verwies man mich ans DER-Reisebüro. Also dort hin gewandert, ist nicht weit. Die Mitarbeiterin war super freundlich und nahm sich des Wahnsinnigen an. Ein bezahlbares Hotel fand sich. Dann ging's los: Anreise erst nach Mitternacht. Okay, ließ sich regeln. Dann: Bezahlung per Lastschrift. "Nee, nee", sagt Blaschi, "is nich. Nur bar!". Was ich denn gegen das Lastschriftverfahren habe? "Nix! Nur kein Konto!" Also wurde wieder telefoniert - Thomas am anderen Ende der Leitung kochte zwar nicht, wie es sein Nachname verhieß, war aber etwas genervt. Aber auch die Hürde wurde genommen: Ich möge das Geld JETZT UNVERZÜGLICH SOFORT einzahlen und mit dem Beleg beim Hotel vorsprechen, dann ginge alles in Ordnung. Die Mitarbeiterin war berechtigt stolz auf sich und reif für die Mittagspause - ich war reif eher für eine Insel statt für Skandianvien, zumal "amadeus" mir auf etlichen Zetteln mittelte, dass der "Veranstalter" Thomas Cook aus Pfäffikon ist und der Absicherer die "Zurich Versicherung"; mit soviel Schweiz in Kontakt zu kommen, hatte ich gar nicht erwartet. Der Spaß sollte nun 134,95 Euro kosten - fast soviel wie die ganze Fahrt, aber das war es mir dann wert. Also bei der örtlichen Spaßkasse reingeschneit und dort Geld abgedrückt. Es ging dann weiter, wieder zurück zum Bahnhof. Um vorsorglich eine Fahrkarte Kobenhagen H - Oesterport zu erwerben, denn am dortigen Bahnhof sollte das Hotel liegen und ich wollte nicht noch mitten in der Nacht mit einem dänischen Fahrkartenautomaten eine Freundschaft schließen. Das klappte dann mit der Fahrkarte auch, zwar erst im 2. Anlauf, weil das Hotel laut Ausdruck in "Osterport" sein soll, der Bahnhof aber "Oesterport" heißt. 6,40 Euro kostete das. Und ich bin noch immer faziniert, wie wenig auf dem Fahrschein an Angaben draufsteht - wenn man sich dagegen Sparpreistickets so anschaut...

Der restliche Tag diente der Erholung und der Vorfreude. Samstag wurde noch morgens gearbeitet und dann machte ich mich nach kurzem Rucksack-Packen auf dem Weg zum Bahnhof.

In der Erwartung, dass IC 2312 mindestens so viel Verspätung haben würde, dass der ganze Plan schon vor der Abfahrt ins Wasser fällt. Aber mein Buchungswunsch hatte sich wohl bis zur Bahnspitze und Bundesregierung herumgesprochen - die Aussicht, den ewig motzenden, alles besserwissenden Blaschi außer Landes zu transportieren, ließ alle Beteiligten alle Anstrengungen unternehmen, den Zug pünktlichst verkehren zu lassen.

Vorher trudelte 17:14 Uhr der wagentechnisch prähistorisch bestückte HKX ein und ferkelte mit seiner hochmodernen Zuglok wieder raus aus dem Gleis. IC 2312 folgte. Zum guten Ton gehörte die umgekehrte Wagenreihung. Im letzten Wagen zeigte sich die Klimaanlage ("die" ==> weiblich!) zickig, "the equipment you have need, is temporarily not available at present" oder so ähnlich. Aber es fand sich dann im vorletzten Wagen ein schickes Plätzchen; die Reservierung, irgendwo in Zugsmitte, interessierte mich nicht wirklich. So sausten wir friedlich und pünktlich durch die Lande. In Harburg bei Hamburg wurde uns noch ein schöner Regenbogen draußen präsentiert. Vorm Hauptbahnhof in Hamburg legten wir ein paar Gedenkminuten ein, aber mit nur 5 Min. Verspätung standen wir dann quasi pünktlich am Bahnsteig.

Soviel unerwartete Pünktlichkeit nutzte ich dazu, bei der Reisebank noch eben mein Anti-Euro-Starterpaket zu erwerben. Im Gegensatz zur ersten Tour nach Dänemark war mir diesmal klar, dass es da keinen Euro gibt. Also für 20 Euro dänische Kronen und für's selbe Geld eben noch schwedische Kronen eingekauft. Die Mitarbeiterin schaute mich ob der Kleinstbeträge zwar etwas sparsam an (im Gegensatz zur Gebühr und zum Kurs, sparsam war da wenig).

Aber so what? Und jetzt muß ich eben mal kurz was erklären: Ich bereite mich auf solche Reisen nicht sonderlich vor! Ich schaue also nicht vorab auf Google Maps und Street und Openraildingsoderso mir alle Streckenverläufe an; plane nicht: dies mußte sehen und das; informiere mich nicht großartig über Zugskompositionen und wie ich in Stockholm auf kürzestem Wege vom Ankunftsgleis zum Abfahrtsgleis komme. Ich lasse sowas alles immer in kleinkindlicher Vorfreude auf mich zukommen. So ein bißchen Abenteuer wie früher, als es Internet und sowas alles gar nicht gab. Deswegen hatte ich auch nur ein Notfallhandy aus Kriegszeiten mit, ohne Internet und nur für absolute Notfälle zu gebrauchen. Ansonsten nur ein paar Klamotten; fertig. Manches ist für mich also ein Erlebnis, wo der informierte Reisende nur gähnt. Manches verpasse ich bestimmt, wo die Freaks dann sagen: Meine Güte, ist das 'ne Schnarchnase. Dafür zittere ich nicht schon stundenlang vor Aufregung, ob ich Motiv soundso auch erlebe und vergesse für lauter Vorplanung, Erwartung und Vorfreude die vielen anderen Augenblicke bis dahin. Ich lebe nämlich im jetzt und nicht in der Vergangenheit und auch nicht in der Zukunft; vor lauter Planung des "morgen" vergessen die meisten ja das "heute". Blaschi ist also irgendwo ein Fall für sich. Was sich auch noch optisch bemerkbar macht: Fett und kugelrund wie ein echter Bahnfuzzy, dann mit blauem Hawaiihemd unterwegs, schwarzer Trainungsbuxe (Ja, Lagerfeld hat recht: wer in denen rumläuft, hat die Kontrolle über sein Leben verloren) und uralten, völlig verschlissenen Chucks mit garantiert funktionierender Air-Condition dank diverser Risse und Löcher. Dem Irren kann man gar nicht böse sein, wenn er wieder was irres anrichtet...

Zurück zum Hamburger Hauptbahnhof. Mit diversen Devisen und etwas Mampfe stand ich also freudig am Bahnsteig, wo mich die dänische Dieselmöhre erwartete, die mich weiterbefördern sollte. Der reservierte Sitzplatz wurde eingenommen, pünktlich ging es los...

Wie es weiterging, steht dann im nächsten Teil... ;-)


Schöne Grüße von

jörg


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