Dieselparadies Nordböhmen (Reiseberichte)

sflori, Samstag, 21.11.2015, 23:06 (vor 3824 Tagen)

Hallo,

ich war heute in Tschechien unterwegs und möchte euch ein paar Bilder von der Tour zeigen. Ausgangspunkt war Podebrady, das sich etwa 1 Fahrstunde östlich von Prag befindet. Nördlich davon befindet sich ein riesiges Dieselnetz, das aus einspurigen Strecken besteht. Diese wollte ich schon seit Jahren mal erkunden - heute ergab sich endlich die Gelegenheit dazu. :)

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In dem Netz verkehren die Zuggattungen R und Oz. Ersterer ist der Expresszug, die anderen halten an jeder Milchkanne.

Hier im Bild ein R-Zug, der mich von Podebrady bis nach Ceska Lipa gebracht hat.

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Der vordere Teil ist ein Steuerwagen, hintendran der Motortriebwagen. Letzter kann auch alleine verkehren, manchmal sieht man ihn auch als Triebwagen mit einigen klassischen Abteilwagen hintendran. Der Führerstand des Triebwagens (hier nicht sichtbar) besitzt in der Mitte eine Tür, damit ein Übergang auch während der Fahrt möglich ist.

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Der Ausflug heute war für mich wie eine Reise in die Vergangenheit. Und das meine ich positiv! Teilweise uralte Fahrzeuge, aber gepflegt und so sauber, dass man glaubt, der Wagen käme gerade aus der Hauptuntersuchung. Und dann fährt man da über Gleise mit Tempo 60, gefühlt 80, tatsächlich 40. Man wird durchgeschüttelt von den Schienenstößen und an jedem Bahnhof steht der Bahnhofsvorsteher und grüßt, wenn der Zug vorbeifährt. Wahnsinn!

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Zu trinken gab es Engelswasser, das ist grün gefärbte Zitronenlimonade, auf deren Verpackung lauter kleine Engel abgebildet sind.

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Hier nocheinmal ein R-Zug, jedoch in der alten Lackierung rot-beige. Nebenan ein Oz in der neuen Bauweise (erinnert mich ein wenig an die Stadler Regioshuttle).

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Die Tschechen haben ein geniales Umsteigekonzept: In der Mitte des Bahnhofs befindet sich ein breiter Übergang, der sämtliche Gleise kreuzt. Sind alle Züge eingetroffen, läuft jeder Fahrgast zum gewünschten Bahnsteig. Ein Posten achtet darauf, dass niemand unter die Räder kommt, und wenn jeder eingestiegen ist, fahren alle Züge wieder ab. Das spart Unterführung, Aufzüge und lange Wege.

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Generell arbeitet die CD mit hohem Personaleinsatz. Nicht nur die zahlreichen Stellwerke sind besetzt, sondern auch die Züge verkehren zu 100 % mit Schaffnern. Oft sprechen die Mitarbeiter sogar ein bisschen Deutsch (zu meinem Glück, denn mein Tschechisch ist leider noch sehr begrenzt). Bahntickets werden wahlweise im Zug verkauft oder am Schalter. Fahrkartenautomaten findet man dort keine.

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Mit so etwas macht man mir eine Riesenfreude! Nicht nur die Fenster lassen sich öffnen - man kann auch das Licht ausschalten! Wie genial ist das denn! Jede Deckenlampe hat ihren eigenen Lichtschalter und man kann sie in Nachtbeleuchtung oder Vollbeleuchtung schalten.

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Nach so viel Lobhudelei nun auch ein Nachteil: Durch die Eingleisigkeit und die Umsteigepunkte ist das Netz Verspätungen gegenüber sehr anfällig. Im folgenden Bild schön zu sehen, denn die letzte Spalte enthält die Verspätungen. Ist auf den eingleisigen Strecken mit den maroden Gleisen ein Zug zu spät, wirkt sich das schnell auf alle anderen Züge aus. Die gute Nachricht: Da mancherorts im 2-Stunden-Takt gefahren wird, wartet man auch mal ein paar Minuten auf Anschlussreisende.

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Hier nochmal ein Umstiegsfoto aus Mlada Boleslav. Aus nicht weniger als fünf Richtungen tuckern die Dieselwagen an. Rangierer und Bahnhofsvorsteher behalten den Überblick, und ein paar Minuten später sitzt jeder Reisende wieder im richtigen Zug.

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Damit endet mein kleiner Reisebericht. Danke fürs Lesen und viele Grüße nach Deutschland! :)


Sbohem. Flo.

Danke!

Destear, Berlin, Samstag, 21.11.2015, 23:29 (vor 3824 Tagen) @ sflori

Schöne Bilder; man fühlt sich in solchen Gegenden wie zurückgeworfen in eine andere, alte, (vermeintlich?) "schönere" Zeit. Ich habe direkt das Titellied aus Alois Nebel auf dem Ohr ;-)

Vielen Dank

462 001, Taunus, Samstag, 21.11.2015, 23:57 (vor 3824 Tagen) @ sflori

Klasse Bilder:)

Weiter als Domažlice hab ich es bisher noch nicht geschafft, doch dein kleiner(und trotzdem guter) Bericht fordert zum hinfahren auf.

Gruß
ICE1223

--
Von mir besuchte Bahnhöfe
- Deutschland: 1627
- Euro. Ausland: 717

Dieselparadies Nordböhmen

KR, Bärlin, Sonntag, 22.11.2015, 04:05 (vor 3824 Tagen) @ sflori

Schöner Bericht.

Ebenerdige Übergänge gibt und gab es in Deutschland aber auch.
Nur in der heutigen Zeit werden sie sukzessive ersetzt eben durch die
Unterführungen.

Viele Leute schauen aber beim Überqueren von Bahngleisen auch gar nicht mehr
nach links und rechts. Da wundert es nicht, dass da ab und an mal unter die Räder
kommt.

Danke!

oppermad, Wuppertal/Wunstorf, Montag, 23.11.2015, 07:45 (vor 3823 Tagen) @ sflori

Moin,

auch ich kann mich nur ausdrücklich anschließen. Andere Länder, andere Kulturen; ich fand den Bericht sehr interessant, Text wie Fotos. Dort war ich noch nie, aber das kann sich irgendwann ändern. Wie zuvor schon geschrieben, hat Deine Fahrt eine inspirierende Wirkung.

Grüße,

Dirk (war Sonntag immerhin 10 Km auf der Nordtrasse in Wuppertal im SEV zu Fuß unterwegs)

--
Wer ist kundig auf folgenden Baureihen:
101, 103, 110, 111, 112, 120, 139, 140, 141, 143, 150, 151, 155, 181.2, 218, 225, 233, 362, 420, 472, 601, 605, 624, 628, 643 und 644?
Richtig: Bender!

Dieselparadies Nordböhmen

Harald S, Montag, 23.11.2015, 22:02 (vor 3822 Tagen) @ sflori

Da war ich im Oktober. Damals gab es überall výluky, Streckensperrungen, und mehr als einmal war der Bus unser Beförderungsmittel. Z B drei der vier von Turnov ausgehenden Strecken waren betroffen.

Aber auch hier gilt sinngemäß, was Du geschrieben hast. Beste Information und Betreuung der Reisenden. Das geht so weit, dass der Zugführer mit in den Bus steigt, nachdem er sich vergewissert hat, keines seiner Schäflein zu verlieren. Er steigt auch mit um in den Fortsetzungszug, wo er ebenfalls wieder Zugführer wird.

Im Bus werden sogar Fahrkarten kontrolliert. Einmal mussten wir nachzahlen, weil der Bus ein rychlík war und kein osobní vlak. Mein Einwand, ein Bus sei doch kein rychlík, ließ er nicht gelten. Ordnung muss sein! Aber freundlich blieb er trotzdem.

Gute Fahrt
Harald

? Tarif für R und Os

sflori, Montag, 23.11.2015, 22:57 (vor 3822 Tagen) @ Harald S

Einmal mussten wir nachzahlen, weil der Bus ein rychlík war und kein osobní vlak.

Ah! Wie ist denn da der tarifliche Unterschied zw. R und Os? Ich hatte ein Normalpreisticket, das galt dann wohl in beiden Zuggattungen!? Mir ist nur aufgefallen, dass die Zuggattung R rot hinterlegt war.

Ps: Im Ausgangsbeitrag habe ich fälschlicherweise Oz statt Os geschrieben.


Bye. Flo.

? Tarif für R und Os

JeDi, überall und nirgendwo, Montag, 23.11.2015, 23:00 (vor 3822 Tagen) @ sflori
bearbeitet von JeDi, Montag, 23.11.2015, 23:02

Einmal mussten wir nachzahlen, weil der Bus ein rychlík war und kein osobní vlak.


Ah! Wie ist denn da der tarifliche Unterschied zw. R und Os? Ich hatte ein Normalpreisticket, das galt dann wohl in beiden Zuggattungen!? Mir ist nur aufgefallen, dass die Zuggattung R rot hinterlegt war.

In Tschechien gibt es im normalen Eisenbahntarif keine Unterschiede (bis auf die Reservierungspflicht beim SC). Es gibt jedoch einige wenige Angebote, die nur in Os und Sp gelten (selbst beim Wochenendticket wurde die Unterscheidung mal abgeschafft).

--
Weg mit dem 4744!

Tarif für R und Os

Harald S, Montag, 23.11.2015, 23:57 (vor 3822 Tagen) @ JeDi

Das lag wohl daran, dass es eine Fahrkarte des Verkehrsverbundes

IDOL
Integrovaný dopravní systém Libereckého kraje

war, und die ist extrem preiswert, gilt aber nur im Os.

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