Fünfundzwanzig Jahre später, Teil 5 (Ellrich) (Reiseberichte)
Guten Tag,
in der Serie über die Bahnstrecken, die die einstige innerdeutsche Grenze queren, besuchen wir heute den Südharz. Bereits am 12. November 1989 wurde hier der Reiseverkehr wieder aufgenommen, denn die Strecke war für den Güterverkehr in Betrieb. Der ist heute weitgehend verschwunden, den Personenverkehr wickelt DB Regio Nord ab. Die Dieseltriebwagen der Baureihe 648 fahren stündlich von Nordhausen nach Northeim. Sie begegenen sich planmäßig in Ellrich.
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Im Jahr 1867 schlossen die beteiligen Staaten einen Vertrag zum Bau einer Bahnstrecke von Northeim über Wulften, Herzberg, Walkenried und Ellrich nach Nordhausen. Am 1. August 1869 fand die Eröffnung statt. Die zweigleisige Strecke war vor dem Krieg eine wichtige Ost-West-Verbindung, in erster Linie für den Güterverkehr. Im Sommer 1939 verkehrten darüber hinaus 15 Reisezugpaare, darunter zwei Schnell- und drei Eilzugpaare. Durch die Zonengrenze wurde der Verkehr zwischen Walkenried und Ellrich und somit auch durch den 269 Meter langen Walkenrieder Tunnel unterbrochen; die beim Tunnelbau entdeckte Höhle ist nicht zugänglich. Bis in die 1930er Jahre hinein gab es hier große Probleme durch Wassereinbrüche aus dem umliegenden Karstgestein. Am 10. November 1947 wurde der Güterverkehr wieder aufgenommen, auch wenn die westliche Seite dies zunächst wegen Kriegszerstörungen westlich von Northeim abgelehnt hatte. Nach dem Ende der Berliner Blockade lief der Verkehr erst am 3. Oktober 1949 wieder an. Ab 1950 wurde zwischen Walkenried und Ellrich nur noch auf einem Gleis gefahren, weiter bis Nordhausen stand damals auch nur noch ein Gleis zur Verfügung. Da hier zwischen Helmstedt/Marienborn und Bebra/Gerstungen der einzige Schienenweg zwischen Bundesrepublik und DDR, stand eine Wiederaufnahme des Reiseverkehr immer wieder zur Debatte. Es sollte jedoch noch bis zum 12. November 1989 dauern, bis man den Tunnel wieder im Reisezug passieren konnte. Dieser Zeitpunkt war auch das Ende für Überlegungen der Bundesbahn, den Reiseverkehr zwischen Herzberg und Walkenried einzustellen. Im Jahresfahrplan 1986/1987 verkehrten die Reisezüge zwischen Nordhausen und Ellrich wie folgt:
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Walkenrieds Bahnhof ist in erster Linie für sein pompöses altes Empfangsgebäude bekannt. Es unterscheidet sich von den anderen Gebäuden entlang der Strecke - Walkenried lag Braunschweigischen, der Rest der Strecke in Preußen bzw. dem kurz zuvor eroberten Hannover. 1989 begann der Bau eines neuen Empfangsgebäudes mit Stellwerk. Es ersetzte zwei mechanische Stellwerke und ist heute noch in Betrieb. Man erhält beim Fahrdienstleiter sogar Fahrkarten. War so etwas auf kleineren Bahnhöfen früher völlig normal, ist es in heutigen Zeiten schon eine Seltenheit. Das alte Empfangsgebäude ist erhalten und dient heute als Wohnhaus. In diesem Beitrag sieht man auf einer Aufnahme im unteren Drittel das einstige Stellwerk Wo.
Im Kohnstein bei Niedersachswerfen (zwischen Nordhausen und Ellrich) sollte von 1936 bis 1943 ein zentrales, bombensicheres Treibstofflager gebaut werden. Der Berg war durch seine Geologie hierfür besonders geeignet. Nach der Zerstörung Peenemündes im Sommer 1943 wurde jedoch die dortige Raketenproduktion in den Kohnstein verlegt. Der zusätzliche Güterverkehr führte zu einer zunehmenden Überlastung der Südharzstrecke. Daher (und zur Umfahrung von Fabrik und Lagern) sollte eine Neubaustrecke von Nordhausen nach Osterhagen durchs Helmetal gebaut werden - diese Linienführung wurde schon im Vorfeld des Streckenbaus ins Spiel gebracht. Im Sommer 1944 begann durch KZ-Insassen und SS-Truppen der Bau zunächst einer eingleisigen Strecke. Es handelte sich um das sogenannte Talgleis Osterhagen -> Nordhausen, der Berggleis sollte wegen der topographischen Verhältnisse eine andere Linienführung erhalten. Bei Kriegsende war das Talgleis weitgehend fertiggstellt. Es wurde jedoch nie befahren, sein Trassenverlauf läßt sich im Luftbild teilweise noch erkennen.
Eines der vielen Außenlager des KZ Mittelbau-Dora, dessen Insassen im Kohnstein arbeiten mußten, war das Lager Ellrich-Juliushütte. Es befand sich südwestlich des Bahnhofs Ellrich beidseits der Grenze. Hier befindet sich heute eine Gedenkstätte. Durch sie führt ein Rundweg, er kommt auch an der zu Zeiten der deutschen Teilung bekannten Fotostelle vorbei. Zwei Aufnahmen aus der Zeit, als hier der Eiserne Vorhang verlief, sind in dieser Diskussion zu finden. Hier textliche Eindrücke von einem Besuch dort in den 1970ern.
Der Bahnhof Ellrich verfügt über zwei Stellwerke, die Mitte der 1930er gebaut wurden. 1994 wurden die Form- durch Lichtsignale ersetzt, aber beide Stellwerke sind noch in Betrieb.
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Zwischen Harz und Eichsfeld wurden einige Strecken durch die innerdeutsche Grenze geteilt. In den heute vorzustellenden Bahnhöfen begann jeweils eine.
Die Kleinbahn Ellrich - Zorge wurde am 11. August 1907 eröffnet. Die nur 7,3 km lange Strecke verband Ellrich mit Zorge im heutigen Niedersachsen. Am 8. April 1945 fuhr der letzte Zug, das isolierte Teilstück im Westen wurde nicht mehr bedient. Von Ellrich aus bestand eine Teilstrecke noch lange Jahre als Anschlußgleis. Die Gesellschaft bestand noch bis 2003 weiter, ehe sie gelöscht wurde.
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Am 15. August 1899 nahm die Südharzeisenbahn den Betrieb auf ihrer Hauptstrecke von Walkenried nach Braunlage auf. Am 24. August folgte die Zweigstrecke von Brunnenbachsmühle, das südlich von Braunlage mitten im Wald liegt, über Sorge nach Tanne. Schon vor ihrer Eröffnung übernahm die Centralverwaltung für Secundairbahnen Herrmann Bachstein die Strecke. Erst 1913 wurde in Sorge eine Gleisverbindung zur ebenfalls meterspurigen Harzquerbahn gebaut.
Am 12. April 1945 fuhr der letzte Zug zwischen Brunnenbachsmühle und Sorge, Sorge - Tanne wurde bis 1958 noch von Güterzügen bedient. Ende September 1962 endete der Reiseverkehr zwischen Walkenried und Braunlage, am 3. August 1963 stellte die Südharzeisenbahn ihren Eisenbahnbetrieb komplett ein. Bachstein betrieb zunächst noch eine Buslinie parallel zur alten Bahnstrecke, mittlerweile liegt die Konzession bei einem Priatunternehmen aus Hohegeiß.
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Am 1. November 1911 wurde die Bahnstrecke Bischofferode - Herzberg eröffnet. Sie schloß in Bischofferode an die ältere Strecke von Bleicherode Ost an. Die innerdeutsche Grenze querte sie im Bahnhofsbereich Zwinge. Während der eigentliche Bahnhof im Osten lag, gab es im Westen ab Mai 1947 eine eigene Haltestelle, zunächst Zwinge Ladestelle, später Zwinge West genannt. Zum Sommerfahrplan 1961 endete der Reiseverkehr bei der Bundesbahn, die Strecke ist mittlerweile stillgelegt. Bei der Reichsbahn endete zum Sommerfahrplan 1972 der Verkehr zwischen Bischofferode und Zwinge, die Strecke Bleicherode Ost - Bischofferode erlebte noch die Deutsche Bahn AG, zum Jahresende 2033 erfolgte die offizielle Stillegung.
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1889 erhielt Duderstadt durch eine Stichstrecke von Wulften aus Eisenbahnanschluß. Am 1. September 1897 wurde die Verlängerung Duderstadt - Leinefelde in Betrieb genommen. Die Bundesbahn beendete den Personenverkehr 1974, 1996 erfolgte die Stillegung. Am 9. Juni 2001 fuhren auch zwischen Leinefelde und Teistungen die letzten Züge, zuletzt war hier die Erfurter Bahn als Subunternehmer der DB unterwegs.
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1 Angekommen in Walkenried. Der Umsteigeweg zwischen Zug und Bus ist alles andere als suboptimal.
2 Wegen der Nachwirkungen von Bauarbeiten verkehrten die Züge im Südharz Anfang September nach einem geänderten Fahrplan mit Kreuzung in Walkenried statt Ellrich. Rechts 648 262 nach Nordhausen, links ein unerkanntes Fahrzeug (255 oder 265 vielleicht?) als zweiter Zug einer Doppeltraktion nach Göttingen.
3 Hierdurch war der Mittelbahnsteig zugänglich, wir sehen das alte Empfangsgebäude.
4 Unters Vordach geschaut.
5 Die Ausfahrt Richtung Herzberg. Kurz hinter den Signalen befindet sich ein kurzer eingleisiger Abschnitt, ehe die Strecke bis Northeim zweigleisig ist.
6 Der einstige Güterschuppen. Schwach ist „Räder müssen rollen für den Sieg” zu lesen.
7 Der Fahrkartenschalter.
8 Öffnungszeiten (beachte die überlange Mittagspause) und Hinweis.
9 Bahnübergang und Empfangsgebäude. Da hätte ich warten können, bis der Zug im Bild ist. Habe ich aber nicht.
10 Erhöhte Ansicht. Im Vordergrund von hinten die Informationstafel zum Bahnhof der Südharzeisenbahn.
Geht sofort weiter.
gesamter Thread:
- Fünfundzwanzig Jahre später, Teil 5 (Ellrich) -
Sören Heise,
17.10.2015, 18:01
- Teil 5 (Ellrich, nur noch 40 Bilder) -
Sören Heise,
17.10.2015, 18:02
- Teil 5 (Ellrich, nur noch 40 Bilder) - apodictor, 17.10.2015, 18:30
- Vielen Dank für den Bericht! -
Berlin-Express,
17.10.2015, 19:23
- Haltetafel und höhengleicher Reisendenüberweg - michael_seelze, 17.10.2015, 23:00
- Besten Dank:) - 462 001, 18.10.2015, 00:10
- Danke! - Sören Heise, 18.10.2015, 21:05
- Teil 5 (Ellrich, nur noch 40 Bilder) -
Sören Heise,
17.10.2015, 18:02
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