seehas und seehäsle im Portrait (1/2 m. 48 B.) (Reiseberichte)

TD, Donnerstag, 02.04.2015, 17:38 (vor 4068 Tagen)

Hallo zusammen,

wenn man nicht gerade in den Schnee fährt oder eine Städtereise zu Weihnachtsmärkten unternimmt, reizen die Wintermonate nicht unbedingt für schöne Bahntouren. Nur zu Hause sitzen wollte ich aber auch nicht, und so habe ich etwas Heimatkunde betrieben und mich den Strecken von seehas und seehäsle gewidmet. Ich war mit dem Zug zwar schon in halb Europa zwischen Madrid, London, Warschau und Zagreb unterwegs – dabei war der eigene Landkreis aber teilweise noch ein weißer Fleck auf meiner Bahnkarte.

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Dieser etwas andere „Reisebericht“ dreht sich um die Strecken des seehas von Konstanz nach Engen und des seehäsle von Radolfzell nach Stockach. Die Bilder entstanden in mehreren Etappen zwischen November und März, teilweise war ich auch mit dem Fahrrad unterwegs. Ich habe die Bilder nachfolgend als fiktive Reise von Konstanz über Singen nach Engen und auf der Rückfahrt mit einem Abstecher nach Stockach geordnet. Einige gesichtslose Neubau-Haltepunkte habe ich übersprungen.

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So, jetzt geht’s aber los. Wir starten in Konstanz, aber nicht am Bahnhof, sondern am Kaiserbrunnen auf der Marktstätte. Dort wenden wir uns jedoch nicht den Kaisern und den anderen großen Skulpturen zu, sondern den skurrilen Gestalten am Fuße des Brunnens. Während der Wolpertinger als bayerisches Fabelwesen auch über die Grenzen des Freistaats bekannt ist, ist der Seehas nur in der Bodenseeregion heimisch. Für alle, die einen Seehasen noch nicht in freier Wildbahn gesehen haben, ist das Mischwesen aus Fisch und Hase hier als Brunnenfiguren dargestellt. Mit dem Meeresfisch Seehase ist der Seehas vom Bodensee übrigens nicht verwandt.

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Nach diesem kleinen Ausflug in die Fabelwelt geht es weiter an den Bahnhof Konstanz. Der Palazzo Vecchio in Florenz diente als Vorbild für das Empfangsgebäude mit dem markanten Turm.

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Und hier begegnen wir nun einem weiteren „seehas“, als Eigenname für die Nahverkehrslinie jedoch kleingeschrieben. Den Namen erhielt die Verbindung im Rahmen eines Namenswettbewerbs. Seit dem Jahr 2006 verkehren Flirt-Triebzüge auf der Linie.

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1994 wurde die Verbindung zunächst von der schweizerischen Mittelthurgaubahn (MThB) als grenzüberschreitende Linie von Wil über Konstanz nach Engen aufgenommen. Nach einem Intermezzo von Thurbo und EuroThurbo (die auch am Alex beteiligt war) wird der seehas heute von der SBB GmbH betrieben. Die Züge verkehren mittlerweile nur noch auf dem deutschen Abschnitt zwischen Konstanz und Engen, in Tagesrandlage kann man aber auch mal einen seehas-Zug jenseits der Grenze antreffen, zumindest frühmorgens ist mir schon ein seehas-Zug als S-Bahn zwischen Weinfelden und Konstanz entgegengekommen, wohl im Rahmen der Werkstattanbindung.

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Im Zug hängt auch ein gleichnamiges Magazin aus, das jedoch nicht von der SBB ausgegeben wird, sondern von einem Verlag und auch außerhalb der Züge frei verteilt wird.

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Der Bahnhof Konstanz ist der einzige linksrheinische Bahnhof in der Stadt, rechtsrheinisch folgen dann drei weitere Haltepunkte.

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Jetzt fahren wir aber erstmal über die Rheinbrücke mit Blick zum Obersee, in der Ferne lässt sich das Alpenpanorama erahnen. Unter uns fließt der Rhein aus dem Bodensee. Dann gerät die Seestraße mit ihren prächtigen Fassaden des Historismus und des Jugendstils ins Blickfeld des Fahrgasts.

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Kurz darauf ist der Haltepunkt Petershausen erreicht. Am dortigen Bahnhof gab es einstmals größere Gleisanlagen, Güterumschlag und Lagerhallen, diese sind jedoch einer Wohnbebauung gewichen (auf dem Bild rechts). Auch das Empfangsgebäude gibt es nicht mehr. Geblieben ist lediglich ein Mittelbahnsteig. Die Stadt Konstanz plant hier eine z-förmige Fußgänger- und Radfahrerbrücke über die Gleise, die eigentlich auch den Mittelbahnsteig anbinden sollte, allerdings wurde man dann von Planungen der Bahn überrascht, den Mittelbahnsteig durch Außenbahnsteige zu ersetzen.

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Die nächsten beiden Neubau-Haltepunkte Fürstenberg und Wollmatingen zwischen Industrie- und Wohngebieten überspringen wir und erreichen nun Reichenau (Baden). Die gleichnamige Insel gehört zum UNESCO-Welterbe, ein Bus verbindet den Haltepunkt auf dem Festland mit der Insel. Den alleegesäumten Damm zur Insel kennen sicherlich die meisten Fernsehzuschauer, denn es vergeht kaum eine Folge des Konstanzer Tatorts, in der die Kommissare nicht mehrfach über den Damm fahren, auch wenn das für die Handlung und die Schauplätze gar keinen Sinn macht. Das Bahnhofsgebäude beherbergt derzeit das NABU-Naturschutzzentrum Wollmatinger Ried.

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Entlang dieses Naturschutzgebiets führt die Strecke in Sichtweite der Insel Reichenau weiter entlang des Untersees. Dabei passieren wir ein ehemaliges Bahnwärter-Häuschen, das heute als Ferienhaus gemietet werden kann.

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Dann folgt der Haltepunkt Hegne mit eher rustikalem Bahnsteig. Der Streckenabschnitt von Konstanz bis Singen wird zwar auch von Zügen der Schwarzwaldbahn befahren, er gehört aber historisch und auch von der Kilometrierung zur Hochrheinbahn bzw. zur Badischen Hauptbahn von Mannheim über Basel nach Konstanz.

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Der Ort Allensbach ist überregional wohl hauptsächlich als Sitz des Instituts für Demoskopie bekannt, wir widmen uns heute aber nicht der Meinungsforschung, sondern dem Bahnhofsgebäude. Dort ist ein Reisebüro und das Kultur- und Verkehrsbüro untergebracht.

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Eine Infotafel am Bahnhof nimmt mir etwas Arbeit ab, da brauche ich selbst nicht so viel zu schreiben.

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Und noch ein Blick vom Bahnhof in den schmucken Ort mit der barocken Nikolauskirche und deren markanten Zwiebelturm aus dem Jahr 1698.

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Ich muss zugeben, für dieses Bild der Uferpromenade von Allensbach und hinüber zur Insel Reichenau bin ich dem seehas untreu geworden, aber vom Oberdeck der Schwarzwaldbahn-Doppelstockwagen ist der Ausblick über Hecken und Mauern einfach besser.

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Der nächste Halt des seehas ist Markelfingen. Im Sommerhalbjahr wird das Bahnhofsgebäude vom örtlichen Tourismusbüro genutzt, derzeit liegt der Bau im Winterschlaf.

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Auch das nächste Streckenbild ist wieder aus erhöhter Position eines Schwarzwaldbahn-Zuges entstanden. Hier der Blick über den Markelfinger Winkel zur Halbinsel Mettnau und zur Stadt Radolfzell mit dem dortigen Münsterturm in der Bildmitte. Auf der Rückfahrt steigen wir in Radolfzell auf das seehäsle um, deshalb überspringen wir den Bahnhof Radolfzell zunächst...

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...und fahren gleich weiter zum Haltepunkt Böhringen-Rickelshausen. Schon seit über 6 Jahren ist ein Bahnhofsmodernisierungsprogramm für die Haltepunkte entlang der seehas-Strecke im Gespräch und es wird wohl auch noch einige Jahre dauern, bis die Bahnsteige angehoben werden. Besonders nötig hätte es der Bahnsteig in Böhringen-Rickelshausen, wo der Höhenunterschied zum Zug fast einen halben Meter beträgt.

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Die unendliche Geschichte der untauglichen Bahnsteige führt auch dazu, dass die Kommunen entlang der Strecke nicht besonders gut auf die Bahn zu sprechen sind. In Markelfingen und Böhringen bringt die Stadt Radolfzell dies durch solche Hinweisschilder zum Ausdruck. Es sind auch Berichte im Umlauf, wonach Gäste die Kurtaxe zurückgefordert haben sollen, weil sie wegen der Höhenunterschiede nicht aus dem Zug aussteigen konnten.

Es geht gleich weiter...

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seehas und seehäsle im Portrait (Fortsetzung)

TD, Donnerstag, 02.04.2015, 17:41 (vor 4068 Tagen) @ TD

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Den Haltepunkt Singen Industriegebiet unweit des Hupac-Terminals Singen lassen wir aus und fahren bis Singen (Hohentwiel). Jenseits der Gleise befindet sich das Maggi-Stammwerk, in der nicht nur die berühmte Würze in der braunen Flasche hergestellt wird, sondern auch Ravioli und Suppen.

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Zwischen den Städten Konstanz und Singen gibt es eine gewisse Rivalität, die vergleichbar dem Verhältnis von Köln und Düsseldorf insbesondere zur närrischen Zeit wieder aufgewärmt wird. Somit kann ich natürlich völlig objektiv anmerken, dass ein Besuch in der wenig attraktiven Innenstadt nicht lohnt. Wir schauen uns deshalb nur am Bahnhof um und wollen uns dann dem Namenszusatz „Hohentwiel“ widmen.

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Entlang der Radolfzeller Aach laufen wir nun auf den Vulkankegel mit der weit sichtbaren Festungsruine zu. Ich glaube ich war zuletzt im Grundschulalter im Rahmen eines Schulausflugs dort oben, seither bin ich immer nur mit dem Zug am Fuße des Bergs entlanggefahren. Also höchste Zeit, den Hohentwiel mal wieder zu besteigen.

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Schon beim Aufstieg gibt es einen schönen Ausblick über den Hegau, dann erreichen wir den Gipfel mit der Festung. Der Hohentwiel ist 686 Meter hoch und wird geologisch ein Phonolith-Schlotpfropfen bezeichnet. Auf dem Hohentwiel befindet sich eine der größten Burgruinen Deutschlands, die jedes Jahr zahlreiche Besucher anlockt. Im Jahr 915 wurde der Hohentwiel erstmals urkundlich erwähnt und so feiert man in diesem Jahr 1100 Jahre Hohentwiel.

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Hier nun ein paar Bilder vom Hohentwiel auf den Hegau. Der Landstrich nordwestlich des Bodensees ist vulkanisch geprägt von weiteren Phonolith- und Basaltbergen, die ebenfalls von mehr- oder weniger erhaltenen Burgruinen gekrönt sind.

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Ausgehend vom rechten unteren Bildrand verläuft die Schwarzwaldbahn nach Norden, dort werden wir später Richtung Engen weiterfahren.

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Hier schlängelt sich nun die Radolfzeller Aach ins Bild, dazu der erste Teil des Stadtgebiets von Singen.

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Und hier der Blick über das Zentrum von Singen, rechts der Bildmitte das markante Maggi-Werk am Bahnhof. Über die Gleise von links oben sind wir angereist, rechts geht es in Richtung Schaffhausen und zu unseren Füßen verläuft die Schwarzwaldbahn. Am Horizont der Bodensee, wo wir unseren Ausflug begonnen haben.

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Die Festung auf dem Hohentwiel besteht aus mehreren Ebenen, hier der Blick von oben auf die Untere Festung.

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Und weiter geht der Rundumblick in Richtung Süden und Westen, in der Ferne liegt die Schweiz.

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Mit der mächtigen Rundbastion des Rondells Augusta nun aber genug der Hohentwiel-Bilder, jetzt wollen wir uns wieder der Bahn widmen.

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Diesmal wählen wir den kürzeren Weg, direkt am Fuße des Hohentwiels befindet sich nämlich der Haltepunkt Landesgartenschau. Wie unschwer zu erraten wurde der Haltepunkt im Rahmen der damaligen Landesgartenschau eröffnet, das war im Jahr 2000. Von hier aus fahren wir nun mit dem seehas eine Station weiter.

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Die nächste Station wird heute teilweise nach der politischen Gemeinde Mühlhausen-Ehingen bezeichnet, etwas zugewachsen ist am ehemaligen Empfangsgebäude aber noch die eigentliche Bezeichnung „Mühlhausen (b Engen)“ zu lesen. Auch dieser Haltepunkt leidet unter einem äußerst niedrigen Bahnsteig.

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Der nächste Haltepunkt Welschingen-Neuhausen liegt im Grünen zwischen den beiden namensgebenden Orten. Das Empfangsgebäude wird privat genutzt, der Prellbock links gehört zu Ladegleisen, wo hin und wieder Holz verladen wird. Ansonsten bin ich nicht traurig, als wir mit dem nächsten seehas den ungastlichen Bahnhof wieder verlassen.

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Wer schon einmal auf der Schwarzwald- oder Gäubahn durch Engen gefahren ist, kennt sicherlich diesen Anblick der Altstadt. Heute wollen wir nun auch die andere Seite dieser Häuserzeile erkunden – allerdings erst im zweiten Teil, denn nach der Hälfte der Bilder wollen wir hier einen Schnitt machen.
Der nächste Teil kommt dann voraussichtlich am Wochenende.

Viele Grüße

Tobias

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seehas und seehäsle im Portrait

Turbonegro, Donnerstag, 02.04.2015, 19:00 (vor 4068 Tagen) @ TD
bearbeitet von Turbonegro, Donnerstag, 02.04.2015, 19:01

Warum in die Ferne schweifen? - Sieh das Gute liegt so nah. (frei nach Goethe)

Was man von den Bahnsteigen nicht gerade behaupten kann, die sind ja unterirdisch für das, dass alle halbe Stunde n Zug hält.

seehas und seehäsle im Portrait

462 001, Taunus, Donnerstag, 02.04.2015, 20:48 (vor 4068 Tagen) @ TD

Hallo Tobias,

danke für den Bericht. Ich war zwar schon oft auf der Schwarzwaldbahn unterwegs und auch schon desöfteren in Konstanz, bin aber noch nie mit dem seehas und seehäsle gefahren. Also danke für die Eindrücke.

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...und fahren gleich weiter zum Haltepunkt Böhringen-Rickelshausen. Schon seit über 6 Jahren ist ein Bahnhofsmodernisierungsprogramm für die Haltepunkte entlang der seehas-Strecke im Gespräch und es wird wohl auch noch einige Jahre dauern, bis die Bahnsteige angehoben werden. Besonders nötig hätte es der Bahnsteig in Böhringen-Rickelshausen, wo der Höhenunterschied zum Zug fast einen halben Meter beträgt.

Hier in Hessen gibt es auch so was. An der Ländchesbahn(Wiesaden - Niedernhasuen) sollen seit etwa 3 oder 4 Jahren die Bahnhöfe modernisiert werden(da die Bahnsteige teilweise auch so hoch sind wie bei deiner Reise). Doch die Modernisierung fängt nicht vor Frühjahr ´16 an, wenn der Termin überhauüt gehalten wird.

Gruß und frohe Ostern wünscht
ICE1223

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Von mir besuchte Bahnhöfe
- Deutschland: 1627
- Euro. Ausland: 717

seehas und seehäsle im Portrait (1/2 m. 48 B.)

ffz, Donnerstag, 02.04.2015, 20:47 (vor 4068 Tagen) @ TD

Die Bilder aus Konstanz werden bald historisch sein, denn die Weichen in der Mitte zwischen Gleis 1 und 2 werden noch dieses Jahr entfernt und die Ls angepasst, sodass in Gleis 2a dann 2 FLIRT der SBB passen und in Gleis 1b alle Gtw der Thurbo bis 2 gekuppelte Gtw 2/8

Die schöne Welt vor der eigenen Haustür

Destear, Berlin, Donnerstag, 02.04.2015, 21:10 (vor 4068 Tagen) @ TD
bearbeitet von Destear, Donnerstag, 02.04.2015, 21:10

Hallo zusammen,

wenn man nicht gerade in den Schnee fährt oder eine Städtereise zu Weihnachtsmärkten unternimmt, reizen die Wintermonate nicht unbedingt für schöne Bahntouren. Nur zu Hause sitzen wollte ich aber auch nicht, und so habe ich etwas Heimatkunde betrieben und mich den Strecken von seehas und seehäsle gewidmet. Ich war mit dem Zug zwar schon in halb Europa zwischen Madrid, London, Warschau und Zagreb unterwegs – dabei war der eigene Landkreis aber teilweise noch ein weißer Fleck auf meiner Bahnkarte.

So ist es ja doch relativ häufig - man ist im ganz positiven Sinne darauf fixiert, viel von der Welt zu sehen, weil es ja auch genügend Möglichkeiten gibt, die Welt zu erkunden. Ich erinnere mich da gerade an den SZ-Artikel, der hier gestern verlinkt wurde. Man vergisst dabei leider gelegentlich, dass viel Schönes auch direkt um die Ecke wartet, was der Entdeckung würdig ist.

Danke für den Bericht!

Edit: Nachträgliche Änderung der Überschrift.

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