seehas und seehäsle im Portrait (1/2 m. 48 B.) (Reiseberichte)
Hallo zusammen,
wenn man nicht gerade in den Schnee fährt oder eine Städtereise zu Weihnachtsmärkten unternimmt, reizen die Wintermonate nicht unbedingt für schöne Bahntouren. Nur zu Hause sitzen wollte ich aber auch nicht, und so habe ich etwas Heimatkunde betrieben und mich den Strecken von seehas und seehäsle gewidmet. Ich war mit dem Zug zwar schon in halb Europa zwischen Madrid, London, Warschau und Zagreb unterwegs – dabei war der eigene Landkreis aber teilweise noch ein weißer Fleck auf meiner Bahnkarte.
![[image]](http://www.bahnreiseberichte.de/055-Seehas/55-00Karte.jpg)
Dieser etwas andere „Reisebericht“ dreht sich um die Strecken des seehas von Konstanz nach Engen und des seehäsle von Radolfzell nach Stockach. Die Bilder entstanden in mehreren Etappen zwischen November und März, teilweise war ich auch mit dem Fahrrad unterwegs. Ich habe die Bilder nachfolgend als fiktive Reise von Konstanz über Singen nach Engen und auf der Rückfahrt mit einem Abstecher nach Stockach geordnet. Einige gesichtslose Neubau-Haltepunkte habe ich übersprungen.
So, jetzt geht’s aber los. Wir starten in Konstanz, aber nicht am Bahnhof, sondern am Kaiserbrunnen auf der Marktstätte. Dort wenden wir uns jedoch nicht den Kaisern und den anderen großen Skulpturen zu, sondern den skurrilen Gestalten am Fuße des Brunnens. Während der Wolpertinger als bayerisches Fabelwesen auch über die Grenzen des Freistaats bekannt ist, ist der Seehas nur in der Bodenseeregion heimisch. Für alle, die einen Seehasen noch nicht in freier Wildbahn gesehen haben, ist das Mischwesen aus Fisch und Hase hier als Brunnenfiguren dargestellt. Mit dem Meeresfisch Seehase ist der Seehas vom Bodensee übrigens nicht verwandt.
Nach diesem kleinen Ausflug in die Fabelwelt geht es weiter an den Bahnhof Konstanz. Der Palazzo Vecchio in Florenz diente als Vorbild für das Empfangsgebäude mit dem markanten Turm.
Und hier begegnen wir nun einem weiteren „seehas“, als Eigenname für die Nahverkehrslinie jedoch kleingeschrieben. Den Namen erhielt die Verbindung im Rahmen eines Namenswettbewerbs. Seit dem Jahr 2006 verkehren Flirt-Triebzüge auf der Linie.
1994 wurde die Verbindung zunächst von der schweizerischen Mittelthurgaubahn (MThB) als grenzüberschreitende Linie von Wil über Konstanz nach Engen aufgenommen. Nach einem Intermezzo von Thurbo und EuroThurbo (die auch am Alex beteiligt war) wird der seehas heute von der SBB GmbH betrieben. Die Züge verkehren mittlerweile nur noch auf dem deutschen Abschnitt zwischen Konstanz und Engen, in Tagesrandlage kann man aber auch mal einen seehas-Zug jenseits der Grenze antreffen, zumindest frühmorgens ist mir schon ein seehas-Zug als S-Bahn zwischen Weinfelden und Konstanz entgegengekommen, wohl im Rahmen der Werkstattanbindung.
Im Zug hängt auch ein gleichnamiges Magazin aus, das jedoch nicht von der SBB ausgegeben wird, sondern von einem Verlag und auch außerhalb der Züge frei verteilt wird.
Der Bahnhof Konstanz ist der einzige linksrheinische Bahnhof in der Stadt, rechtsrheinisch folgen dann drei weitere Haltepunkte.
Jetzt fahren wir aber erstmal über die Rheinbrücke mit Blick zum Obersee, in der Ferne lässt sich das Alpenpanorama erahnen. Unter uns fließt der Rhein aus dem Bodensee. Dann gerät die Seestraße mit ihren prächtigen Fassaden des Historismus und des Jugendstils ins Blickfeld des Fahrgasts.
Kurz darauf ist der Haltepunkt Petershausen erreicht. Am dortigen Bahnhof gab es einstmals größere Gleisanlagen, Güterumschlag und Lagerhallen, diese sind jedoch einer Wohnbebauung gewichen (auf dem Bild rechts). Auch das Empfangsgebäude gibt es nicht mehr. Geblieben ist lediglich ein Mittelbahnsteig. Die Stadt Konstanz plant hier eine z-förmige Fußgänger- und Radfahrerbrücke über die Gleise, die eigentlich auch den Mittelbahnsteig anbinden sollte, allerdings wurde man dann von Planungen der Bahn überrascht, den Mittelbahnsteig durch Außenbahnsteige zu ersetzen.
Die nächsten beiden Neubau-Haltepunkte Fürstenberg und Wollmatingen zwischen Industrie- und Wohngebieten überspringen wir und erreichen nun Reichenau (Baden). Die gleichnamige Insel gehört zum UNESCO-Welterbe, ein Bus verbindet den Haltepunkt auf dem Festland mit der Insel. Den alleegesäumten Damm zur Insel kennen sicherlich die meisten Fernsehzuschauer, denn es vergeht kaum eine Folge des Konstanzer Tatorts, in der die Kommissare nicht mehrfach über den Damm fahren, auch wenn das für die Handlung und die Schauplätze gar keinen Sinn macht. Das Bahnhofsgebäude beherbergt derzeit das NABU-Naturschutzzentrum Wollmatinger Ried.
Entlang dieses Naturschutzgebiets führt die Strecke in Sichtweite der Insel Reichenau weiter entlang des Untersees. Dabei passieren wir ein ehemaliges Bahnwärter-Häuschen, das heute als Ferienhaus gemietet werden kann.
Dann folgt der Haltepunkt Hegne mit eher rustikalem Bahnsteig. Der Streckenabschnitt von Konstanz bis Singen wird zwar auch von Zügen der Schwarzwaldbahn befahren, er gehört aber historisch und auch von der Kilometrierung zur Hochrheinbahn bzw. zur Badischen Hauptbahn von Mannheim über Basel nach Konstanz.
Der Ort Allensbach ist überregional wohl hauptsächlich als Sitz des Instituts für Demoskopie bekannt, wir widmen uns heute aber nicht der Meinungsforschung, sondern dem Bahnhofsgebäude. Dort ist ein Reisebüro und das Kultur- und Verkehrsbüro untergebracht.
Eine Infotafel am Bahnhof nimmt mir etwas Arbeit ab, da brauche ich selbst nicht so viel zu schreiben.
Und noch ein Blick vom Bahnhof in den schmucken Ort mit der barocken Nikolauskirche und deren markanten Zwiebelturm aus dem Jahr 1698.
Ich muss zugeben, für dieses Bild der Uferpromenade von Allensbach und hinüber zur Insel Reichenau bin ich dem seehas untreu geworden, aber vom Oberdeck der Schwarzwaldbahn-Doppelstockwagen ist der Ausblick über Hecken und Mauern einfach besser.
Der nächste Halt des seehas ist Markelfingen. Im Sommerhalbjahr wird das Bahnhofsgebäude vom örtlichen Tourismusbüro genutzt, derzeit liegt der Bau im Winterschlaf.
Auch das nächste Streckenbild ist wieder aus erhöhter Position eines Schwarzwaldbahn-Zuges entstanden. Hier der Blick über den Markelfinger Winkel zur Halbinsel Mettnau und zur Stadt Radolfzell mit dem dortigen Münsterturm in der Bildmitte. Auf der Rückfahrt steigen wir in Radolfzell auf das seehäsle um, deshalb überspringen wir den Bahnhof Radolfzell zunächst...
...und fahren gleich weiter zum Haltepunkt Böhringen-Rickelshausen. Schon seit über 6 Jahren ist ein Bahnhofsmodernisierungsprogramm für die Haltepunkte entlang der seehas-Strecke im Gespräch und es wird wohl auch noch einige Jahre dauern, bis die Bahnsteige angehoben werden. Besonders nötig hätte es der Bahnsteig in Böhringen-Rickelshausen, wo der Höhenunterschied zum Zug fast einen halben Meter beträgt.
Die unendliche Geschichte der untauglichen Bahnsteige führt auch dazu, dass die Kommunen entlang der Strecke nicht besonders gut auf die Bahn zu sprechen sind. In Markelfingen und Böhringen bringt die Stadt Radolfzell dies durch solche Hinweisschilder zum Ausdruck. Es sind auch Berichte im Umlauf, wonach Gäste die Kurtaxe zurückgefordert haben sollen, weil sie wegen der Höhenunterschiede nicht aus dem Zug aussteigen konnten.
Es geht gleich weiter...
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