Ziemlich zuglos, Teil 1 (Reiseberichte)
Moin!
Gleich zu Anfang ein Hinweis für die Ortsunkundigen: Der Ortsname hat drei Silben, wobei die erste und zweite lang ausgesprochen werden und ineinander übergehen: Zieh-eh-sar. Im Kursbuch findet man Ziesar nicht mehr. Als die Eisenbahn für die Stadt im Westen Brandenburgs noch wirklich wichtig war, stand dort sogar zeitweise Ziesar Hbf. Ebenso ungewöhnlich ist, daß Ziesars letztgebaute Bahnstrecke auch die letztbetriebene war, andere spät gebaute Bahnstrecken hatten oft nur ein kurzes Leben.
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Da Ziesar in Brandenburg liegt, entnehme ich die Informationen zum historischen Teil dem von Dirk Endisch herausgegebenen Band Sachsen-Anhalt aus dem Archiv deutscher Klein- und Privatbahnen, verfaßt von Wolfgang List, Hans Röper und Gerhard Zieglgänsberger und erschienen 1998 in Stuttgart. Die beiden Brandenburg-Bände habe ich leider nicht. Uns haben die Genthiner Kleinbahn und die KJ I zu interessieren.
Einen Überblick über die Eisenbahnen in Ziesar erhält man am besten auf einem Meßtischblatt, bei Geogreif das aus dem Jahr 1911, noch ohne die Strecke nach Güsen und ohne den späteren Hauptbahnhof. Die Mormonen haben eine spätere Ausgabe mit allen Bahnstrecken.
Beginnen wir mit der KJ I. Ausgeschrieben heißt das Kleinbahn des Kreises Jerichow I. Dieser hatte seinen Sitz in Burg und wurde 1948 in Landkreis Burg umbenannt. Die Hauptstrecken erschlossen nur wenige Regionen des Landkreises, so daß es Bestrebungen zum Bau einer Kreisbahn gab. Man entschied sich für eine Spurweite von 750 Millimetern, 1895 begannen die Bauarbeiten. Zwei Monate später traf auch die Konzessionsurkunde ein. Die Bauarbeiten dauerten länger als ursprünglich gedacht, aber am 4. April 1896 war es soweit: Die KJ I nahm den Betrieb auf der Strecke von Burg über Grabow nach Magdeburgerforth und auf der Strecke von Burg nach Stegelitz auf. Die Fortsetzungen von Stegelitz nach Lübars und von Magdeburgerforth nach Ziesar Ost gingen am 19. Juli 1896 in Betrieb. Die Verbindung von Magdeburgerforth und Lübars folgte am 8. Oktober 1896. Die Verlängerung der KJ I von Ziesar nach Brandenburg war schon in Bau, den brach man jedoch ab. Denn der Kreis befüchtete, daß die Einwohner von Ziesar und Umgebung ihre Erledigungen in Brandenburg tätigen würden und nicht in der Kreisstadt. (Ziesar wechselte in den ersten Jahren der DDR den Kreis und kam so 1990 zum Land Brandenburg.) Im Juli 1902 wurde der Betrieb zwischen Lübars und Loburg eröffnet (die Strecke Loburg - Altengrabow erhielt ein Dreischienengleis wegen des Verkehrs zum Truppenübungsplatz), am 20. April 1903 erreichte die KJ I ihre größte Ausdehnung mit Eröffnung der Strecke von Loburg nach Gommern.
1923 geriet die KJ I in Schwierigkeiten, sie sollten durch die Übernahme der Betriebsführung durch das Land (Kleinbahnabteilung in Merseburg) gelöst werden. Die KJ I sollte auf Normalspur umgebaut werden und nach Fertigstellung mit der Genthiner Kleinbahn fusionieren. Das Projekt wurde geplant. Hinterher ist man klüger und hätte die Kosten sinnvoller nutzen können, denn die Beteiligten konnten sich nicht einigen, wer das bezahlen sollte. Und so blieb die KJ I bis aufs Dreischienengleis bis zum Ende schmalspurig, denn auch ein zweites Umspurprojekt Mitte der 30er scheiterte. 1949 wurde die KJ I durch die Reichsbahn übernommen. Die jüngste der Kleinbahnstrecken hatte da nur noch elf Jahre vor sich: Am 2. Mai 1960 endete der Reiseverkehr zwischen Loburg und Gommern, am Jahresende auch der Güterverkehr. Am 26. Mai 1963 wurde der Abschnitt offiziell eingestellt, ebenso der Schmalspurbetrieb zwischen Loburg und Altengrabow - stattdessen wurden die Normalspurpersonenzüge bis nach Altengrabow verlängert. Am 1. Juli 1965 endete der Verkehr zwischen Burg und Lübars, am 25. September 1965 war auch zwischen Burg, Magdeburgerforth und Ziesar West sowie auf der Stichstrecke nach Altengrabow Schluß. Wenige Monate später wurden diese Strecken abgebaut.
In Ziesar bestand im Prinzip Anschluß zur Genthiner Kleinbahn. Allerdings wurde der Reiseverkehr zwischen Ziesar West und Ziesar Ost bereits 1930 eingestellt und die Strecke wohl Ende der 1940er abgebaut.
Die Genthiner Kleinbahn (offiziell bis 1942 Kleinbahn-AG in Genthin, danach Genthiner Eisenbahn AG) war aus der Fusion zweier Gesellschaften entstanden. Die ursprüngliche Genthiner Kleinbahn AG könnte man auch als Bahn des Kreises Jerichow II beschreiben, denn ihre Strecken lagen hauptsächlich dort. Es waren die Verbindungen Genthin - Jerichow - Schönhausen, Genthin - Milow und Schönhausen - Sandau; deren Geschichte kann ich hier nicht weiter beschreiben.
Zweiter im Bunde war die Ziesarer Kleinbahn AG. Sie war am 21. Mai 1901 als Kleinbahn AG Ziesar-Groß Wusterwitz gegründet worden und sollte Ziesar den Eisenbahnanschluß nach Brandenburg bringen. Die Stadt war wirtschaftlich dorthin orientiert und nicht ins weiter entfernt gelegene Burg. Am 1. Oktober 1901 wurde die Strecke von Wusterwitz (an der Strecke Berlin - Magdeburg) nach Ziesar eröffnet. Dort endete die Strecke am alten Bahnhof weit außerhalb der Stadt, mit Anschluß zur KJ I. 1910 änderte sie ihren Namen in Kleinbahn AG Groß Wusterwitz-Ziesar-Görzke, am 11. August 1911 wurde die gut elf Kilometer lange Verlängerung eröffnet. Keinen Widerhall im Namen fand die am 4. Februar 1912 eröffnete Stichstrecke von Rogäsen (zwischen Ziesar und Wusterwitz) nach Karow. Am 21. Februar 1914 faßten die Aktionäre der Kleinbahn AG Groß Wusterwitz-Ziesar-Görzke zwei wichtige Beschlüsse: Der eine war der der Umbenennung in Ziesarer Kleinbahn AG, der zweite der zum Bau einer Strecke von Ziesar nach Güsen. Der Weltkrieg führte zu Verzögerungen im Bauablauf, am 15. September 1916 wurde der Abschnitt Ziesar - Tucheim (sic!) für den Güterverkehr eröffnet (südwestlich von Ziesar kreuzte die Bahn die KJ I auf freier Strecke niveaugleich), am 21. Oktober auch für den Personenverkehr. Am 2. April 1917 kam der Abschnitt Tucheim - Güsen dazu. Am 28. März 1923 fusionierten die Ziesarer und die Genthiner Kleinbahn zur neuen Kleinbahn AG Genthin-Ziesar. Am 25. Okotber 1924 wurden die Netze durch Eröffnung der Strecke Güsen - Jerichow miteinander verbunden.
1949 erfolgte die Verstaatlichung. Am 3. Oktober 1951 wurde die Strecke Rogäsen - Karow stillgelegt, der Oberbau anderweitig verwendet. Zum 23. Mai 1971 endete der Reiseverkehr auf der Stammstrecke der Ziesarer Kleinbahn, zwischen Ziesar und Wusterwitz, am 29. September 1973 auch zwischen Ziesar und Görzke (1996 erfolgte die Gesamtstillegung). Am 29. Mai 1999 fuhr zwischen Güsen und Ziesar der letzte Zug, auch die übriggebliebenen Teile der alten Genthiner Kleinbahn verloren an diesem Tag den Reiseverkehr.
Teil 2 als Antwort.
gesamter Thread:
- Ziemlich zuglos, Teil 1 -
Sören Heise,
21.03.2015, 17:51
- Ziemlich zuglos, Teil 2 (40 Bilder) -
Sören Heise,
21.03.2015, 17:51
- Ist das Dein erstes Bahnhofsportrait, ... -
Steffen,
21.03.2015, 18:49
- Nicht das erste Mal - Sören Heise, 21.03.2015, 19:38
- Ziemlich zuglos und nicht nur das... -
462 001,
21.03.2015, 21:29
- Statt einer Sammelantwort - Sören Heise, 22.03.2015, 14:21
- Ziemlich zuglos, Teil 2 (40 Bilder) -
Breisgau-S-Bahn,
23.03.2015, 15:07
- Nochmals statt der Sammelantwort - Sören Heise, 23.03.2015, 20:50
- Ist das Dein erstes Bahnhofsportrait, ... -
Steffen,
21.03.2015, 18:49
- Ziemlich zuglos, Teil 2 (40 Bilder) -
Sören Heise,
21.03.2015, 17:51