HSL-Zuid Seifenoper (172): Seifenoper als Lesebuch! (Allgemeines Forum)
Hallo ICE-Fans,
gestern in unserer Zeitung: die Ankündigung eines Buches über das Fyra-Missgeschick. Auch Treinreiziger.nl berichtete schon. Im Buch wird erklärt, wie der Hochgeschwindigkeitsverkehr auf der HSL-Zuid zu einem gigantischen Flop werden konnte. Eine Zusammenfassung gibt es hier und werde ich hier mal ins Deutsche übersetzt in eigenen Worten posten. Es wird klar, dass der Anfang des Bösen gar keine verkehrstechnischen Gründe hatte, sondern persönliche Streit. Aktuell läuft die parlamentäre Unterschung noch; Entwicklungen dazu kann man hier erfahren.
Die erste Fehlentscheidung war 1996. NL und BE vereinbaren sich über die Streckenlage, aber nicht über Verkehrsunternehmen die über die Strecke fahren sollten. Belgien benutzt sein Recht auf Rotterdam-Antwerpen dadurch, dass es NL so gut es geht querliegt.
1998. Verkehrsministerin zum Parlament: "Die HSL-Zuid muss öffentlich ausgeschrieben werden! EU Gesetz aus Brüssel!"
Nope. Das muss gar nicht, so ging es niemals und nirgendwo. Aber für einige Parteigenossen, die in eine liberale Eisenbahnmarkt glauben, fälscht man die Wahrheit gerne. Hauptsache: die Investition so schnell wie möglich zurückverdienen.
1999. Jetzt kommt vermutlich der entscheidende Fehler. Selbstverständlich darf NS als nationales Bahngeschäft als erster mit einem Angebot kommen. NS entwickelt einen Bahn2000-artigen Plan: Intercity Max. Die Verkehrsministerin lehnt es ab. Nur Amsterdam-Rotterdam-Breda, nicht NL und Nachbarn! Und 15 Jahre, nicht 30! Der Plan ging in den Papierkorb.
Die verkehrstechnischen Unterlagen von IC Max spielten dabei keine Rolle. Die Verkehrsministerin wollte die Arroganz des NS-Chefs bestrafen.
Einen Alternativplan der Verkehrsministerin warf der NS-Vorstand genauso in den Papierkorb.
2000. Damit man ausländisch Konkurrenz ausbannen konnte, wurde eine "Oranjekoalition" von KLM und NS gebildet. Das Angebot war 100 Millionen Euro für 15 Jahre. Der Staat fing also 1,5 Milliarden, so war es auch vorgesehen. Das Parlament sagt nein. Wir sollen öffentlich ausschreiben!
Lies: wir brauchen eigentlich nicht öffentlich auszuschreiben, aber lass NS doch mal bezahlen für deren Wünsche, wir waren ohnehin schon fertig mit denen.
Juli 2000. NS muss und soll die HSL-Zuid haben. "Mache 178 Millionen daraus, es ist ja unser Geld nicht, sondern das der Regierung, die sind ja Großaktieninhaber."
NS erwartete, dass die Regierung die Summe irgendwann wohl verringern würde, aber das geschah nicht.
2001. Die Kürzung kam aber doch, es wurden 148 Millionen pro Jahr, macht 2,2 Milliarden insgesamt.
05.12.2001: NS wurde bereits gezwungen, die Vereinbarung zu unterschreiben; geplant war 12.12.2001. Die Verkehrsministerin möchte aber kein parlamentarisches Gemecker haben.
31.12.2001. Diese freche Affe soll gefeuert werden!
Stattdessen kündigte der komplette NS-Vorstand freiwllig ihren Jobs. Den Jungs wurde vorgeworfen, die erste weibliche Ministerpräsidentin verunmöglicht zu haben.
2002. Das Parlament begrüßt die Kürzung. Ja, mach das! Die Fahrgastzahlen sollen maximiert werden!
Verkehrsministerin: Ich habe es satt! NS soll sich endlich mal als ein Unternehmen verhalten!
März stürzt die Regierung ab.
Die Züge. NS hatte nur wenig Moneten, also durften die Triebwagen nur je 20 Millionen max kosten. Das schaffte nur AnsaldoBreda. ICE und TGV hatten das Nachsehen.
Die Belgier machen sich lustig über uns: "32 Züge pro Tag Amsterdam-Brüssel? Die spinnen. Nach Paris und London zusammen fahren ab Brüssel weniger als 30 Züge pro Tag!"
2006. Ein Besuch an AnsaldoBreda. Ziemlich chaotisch dort. Aber AnsaldoBreda soll wohl den Weg im Chaos wissen, nicht wahr?
2007. AnsaldoBreda kann die Züge nicht liefern. Es muss ein Surrogat her.
Alstom: "Bitte nicht vergessen, eine Rückfallebene fürs ERTMS einzubauen!"
Verkehrsministerin: "Wieviel würde das kosten?"
Alstom "30 Millionen!"
Verkehrsministerin: "Ne, machen wir nicht, viel zu teuer."
2009. Erneuter Besuch an AnsaldoBreda.
"Es ist noch chaotischer als vor 3 Jahren!"
Da NS Financial Services Inhaber der Züge ist, dürfen NS-Techniker sich nicht über die Produktion der Züge äußern.
Qualitätskontrolle war eine Aufgabe von Einkäufer und Juristen, nicht von Technikern.
2011. Eine weitere Kürzung der Summe, sonst geht das Bahngeschäft (HSA) pleite. Es sind nur 101 Millionen pro Jahr.
Oh Ironie: Arriva und Deutsche Bahn hatten damals 100 Millionen pro Jahr geboten.
September 2012. Die ersten Fyras sind da. Am 10. Dezember geht der Betrieb los. Am 18. Januar 2013 ist es Schluß. Endgültig. 5 Wochen hat es gedauert.
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Man kann sich die Frage stellen, was passiert wäre, wenn NS und die Regierung einander etwas mehr respektiert hätten, der Verstand gesiegt hätte und Intercity Max durchgesetzt würde. Das werde ich in Folge 172.1 versuchen zu beschreiben.
gruß,
Oscar (NL).
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Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!
Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!
Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.
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Oscar (NL),
02.12.2014, 20:21
- HSL-Zuid Seifenoper (172): Seifenoper als Lesebuch! - Frank Augsburg, 03.12.2014, 07:44