Vom Hauptstadtbahnhof zum Provinzhauptbahnhof, Teil 1 (Reiseberichte)

Sören Heise, Region Hannover, Samstag, 16.08.2014, 16:33 (vor 4252 Tagen)

Moin!

Nach Schwerin und Rostock ist heute mit Neustrelitz der letzte Hauptbahnhof in Mecklenburg an der Reihe - perspektivisch sind jedoch weitere Bahnhofsportraits aus diesem Land angedacht. Neustrelitz war einstmals die Hauptstadt des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz, heute sitzt nicht einmal der Landrat mehr in der Stadt.


------------


Neben einzelnen Fernzügen der Relation Rostock - Berlin und weiter nach Leipzig - München wird der Bahnhof durch drei Unternehmen bedient. Die Eisenbahngesellschaft Potsdam (deren Reiseverkehr mittlerweile als Hans firmiert) verkehrt auf der Strecke nach Mirow, entweder mit einem eigenen NE81 oder mit einer regional verwurzelten Ferkeltaxe. Auf dieser Strecke gilt ein Haustarif.

Die Ostdeutsche Eisenbahn bedient zweistündlich die Strecke von Neustrelitz über Waren, Karow, Parchim und Ludwigslust nach Hagenow. Eingesetzt werden Regioshuttles. Der Verkehr zwischen Malchow und Parchim soll im Dezember enden.

DB Regio Nordost bedient die elektrischen Strecken. Der RE kommt stündlich aus Berlin und fährt zweistündlich weiter über Waren nach Rostock oder über Neubrandenburg nach Stralsund. Auf letztgenannter Strecke ergänzen weitere Züge das Angebot zum Stundentakt. Die Berliner Züge bestehen aus Loks der Baureihe 112/114 und vier modernen Doppelstockwagen. Auf dem Pendel nach Stralsund sah ich eine 143 mit drei Reichsbahndoppelstockwagen, ich weiß nicht, ob das generell so ist.


------------


Beginnen wir die Streckengeschichte mit der Berliner Nordbahn. Diese wurde am 10. Juli 1877 zwischen Berlin und Neubrandenburg eröffnet, am 1. Dezember die Fortsetzung nach Demmin und am 1. Januar des Folgejahres der Rest bis an den Strelasund. Die Elektrifizierung erfolgte in mehreren Etappen, Anfang der 80er Jahre der Südabschnitt bis Neustrelitz (das seit 2. Juni 1984 elektrisch erreichbar ist), weiter nach Stralsund erst nach der Wende: 23. Mai 1993 Neustrelitz - Neubrandenburg, 29. Mai 1994 weiter bis Stralsund.

In Neustrelitz zweigt die Lloydbahn über Waren nach Rostock ab. Sie wurde am 1. Juni 1886 eröffnet und einen Monat später nach Warnemünde verlängert. Der Großteil der Strecke ging 1945 als Reparation an die Sowjetunion, am 18. Mai 1961 wurde sie wiedereröffnet. In den 80ern wurde die Strecke elektrifiziert, der erste Abschnitt ab Neustrelitz ging am 2. Juni 1984 in Betrieb, der letzte am 15. Dezember 1985.

Dann wären da noch zwei fahrdrahtlose Strecken. Die 1890 gegründete Blankensee-Woldegk-Strasburger Eisenbahngesellschaft wurde am 15. Oktober 1893 für den Reiseverkehr eröffnet (Güterverkehr gab es schon eher). Diese Bahngesellschaft fusionierte im Folgejahr mit der Neustrelitz-Wesenberg-Mirower Eisenbahngesellschaft zur Mecklenburgischen Friedrich-Wilhelm-Eisenbahn-Gesellschaft (MFWE), die zum 1. Januar 1941 von der Deutschen Reichsbahn übernommen wurde. Zwischen Neustrelitz und Blankensee hatte die Gesellschaft noch keine Strecke, man nutzte das Gleis der Nordbahn mit. Das hatte am 15. Dezember 1907 ein Ende, als die MFWE-Strecke Neustrelitz - Blankensee in Betrieb ging. Der Streckenabschnitt Thurow (das ist zwischen Neustrelitz und Blankensee, hier zweigt die Strecke nach Feldberg ab) - Woldegk - Strasburg wurde am 7. Juni 1947 eingestellt, nachdem die Besatzungsmacht die Demontage der Strecke angeordnet hatte. Die Strecke von Thurow nach Feldberg folgte dann recht spät, am 21. Dezember 1910. Die zuletzt durch die Ostmecklenburgische Eisenbahn bediente Strecke verlor zum Fahrplanwechsel im Mai 2000 ihren Reiseverkehr, existiert aber noch.

Alle Welt träumte einstmals von einer direkten Eisenbahnverbindung in die Hauptstadt. Für Mirow und Wesenberg wurde dieser Traum am 17. Mai 1890 wahr: Die Bahnstrecke von Neustrelitz wurde eröffnet, am Tag darauf begann der Regelbetrieb. Schon fünf Jahre später war Mirow kein Endbahnhof mehr, die Fortsetzung nach Buschhof (Gr) wurde eröffnet, wo Anschluß an die Prignitzer Eisenbahn bestand. Diese führte den Betrieb bis in den mecklenburg-strelitzischen Grenzbahnhof Buschhof. Der Verkehr zwischen Mirow und Wittstock wurde 1998 eingestellt, seit 2003 ist die Strecke endgültig gesperrt. In Neustrelitz fuhren die Züge, wie auch jene gen Strasburg und Feldberg einen eigenen Bahnhof an. Südlich der Bahnhofs der Reichsbahn gelegen, trägt er den Namen Neustrelitz M.F.W.E. und später Neustrelitz Süd. Seit 2003 wird die Strecke aus Mirow in den Neustrelitzer Hauptbahnhof eingeführt, der Südbahnhof hat seitdem keinen regelmäßigen Reiseverkehr mehr. Vom Dezember 2002 bis zum Dezember 2012 wurde die Strecke durch Regioshuttles der Ostdeutschen Eisenbahn bedient. Eine Wiedereinführung der Mirower Strecke in den Südbahnhof war zwischenzeitlich beabsichtigt, kommt aber doch nicht.

Es folgt nun ein bildlicher Rundgang über den Bahnhof, der seit 15. Juni 1941 Neustrelitz Hbf heißt. Das Empfangsgebäude wurde nach 1945 vereinfacht wiederaufgebaut. Aufnahmen ohne Datumshinweis entstanden am 13. August 2014.


------------


Überlänge. Teil 2 folgt gleich.

Provinzhauptbahnhof, Teil 2 (40 Bilder)

Sören Heise, Region Hannover, Samstag, 16.08.2014, 16:33 (vor 4252 Tagen) @ Sören Heise

[image]

1 Auf Gleis 4a steht VT 120 der EG Potsdam zur Fahrt nach Mirow bereit.


[image]

2 Damit begrüße ich euch nach der Sommerpause wenige Minuten verspätet wieder zum Hauptbahnhofsportrait. Die Serie biegt übrigens so allmählich auf die Zielgerade ein, auf Neustrelitz folgen nur noch 29 Teile.


[image]

3 Das denkmalgeschüzte alte Klo.


[image]

4 Der Zug nach Hagenow stand am Stumpfgleis 1, 2012 fuhr er noch von Gleis 4. Rechts verläßt der Zug nach Stralsund den Bahnhof.


[image]

5 Die Nordausfahrt. Links die Anlagen des Bahnbetriebswerkes, rechts das von 1983 bis 2004 in Betrieb gewesene Stellwerk B2. Wo befindet sich eigentlich das seitdem betriebene ESTW? Das wird, sofern ich es richtig verstehe, vom aus Berlin ferngesteuerten Stellwerk in Fürstenberg ferngesteuert.


[image]

6 Ein Blick in Richtung Bahnhof.


[image]

7 Der Interconnex wirbt mit den Preisen ab Waren.


[image]

8 Nebengebäude mit Rosenbusch.


[image]

9 Der Wagenstandanzeiger täuscht eine nicht vorhandene Fernverkehrsdichte vor, es fahren maximal drei Züge pro Tag.


[image]

10 Der Zugang zum Personentunnel ist abseits des Empfangsgebäudes.


[image]

11 Am 26. Juli 2012 steht 112 188 mit einem RE nach Stralsund am Bahnsteig. In Gelb das Empfangsgebäude.


[image]

12 Güterverkehr in Form von 189 021.


[image]

13 Der Zug nach Mirow...


[image]

14 ...fährt ab. Rechts zwischen den Signalen der Südbahnhof.


[image]

15 In der Südausfahrt das 1912 in Betrieb genommene Stellwerk W1, auch es wurde am 29. Januar 2004 außer Betrieb genommen.


[image]

16 Bahnhofsansicht von Süden.


[image]

17 Der Südbahnhof.


[image]

18 Formsignal dort, vom Hauptbahnhof aus gesehen.


[image]

19 Er ist durch den Personentunnel zu erreichen (hier Blickrichtung Hbf).


[image]

20 Im Südbahnhof stehen abgestellte Güterwagen, hier Blickrichtung Mirow.


[image]

21 Richtung Feldberg.


[image]

22 Blick vom Süd- zum Hauptbahnhof (26.7.2012).


[image]

23 Wir verlassen den Personentunnel zum Bahnhofsplatz hin.


[image]

24 Wegweiser.


[image]

25 Der Bahnhofsplatz ist im Umbau befindlich.


[image]

26 Am 26. Juli 2012 sah er so aus.


[image]

27 Gedenkstein für Rudi Arndt.


[image]

28 Anno 2012 befand sich hier auch ein Straßenschild Rudi-Arndt-Platz und der Stein stand in einer eher ungepflegten Grünanlage.


[image]

29 Der Giebel des Empfangsgebäudes.


[image]

30 Selbiges mit Bahnhofsplatzbaustelle.


[image]

31 Busbahnhof.


[image]

32 Ein Obelisk gedenkt der Opfer des Faschismus.


[image]

33 Die Augustastraße führt ins Stadtzentrum.


[image]

34 Im Empfangsgebäude.


[image]

35 Der Eingang vom Hausbahnsteig.


[image]

36 Der Südteil des Empangsgebäudes nebst umfangreicher Schließfachanlage, vom Mittelbahnsteig aufgenommen.


[image]

37 Anno 2012 kämpft man für den Fortbestand der Strecke nach Mirow (26.7.2012) und hat Erfolg.


[image]

38 Anno 2014 kämpft man für den Fortbestand der Strecke nach Hagenow (Klick aufs Bild führt zur Seite). Ob auch hier in letzter Minute eine Lösung auf Kreisebene zustande kommt?


[image]

39 Gleise mit Kiesbettung.


[image]

40 Und schon ist der Zug nach Berlin da.


------------


Wir steigen ein und fahren der nächsten Baustelle entgegen, auch dort, über sieben Zugreisestunden entfernt, ein gelbliches Empfangsgebäude.

Viele Grüße
Sören


Literatur:
Peter Bley: Berliner Nordbahn: 125 Jahre Eisenbahn Berlin-Neustrelitz-Stralsund. Berlin 2002.
Rudi Buchweitz: Mecklenburgische Friedrich-Wilhelm-Eisenbahn (MFWE): Privatbahn im Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz. Berlin 2005.
Lothar Schultz: Die Lloyd-Bahn. Neustrelitz - Rostock - Warnemünde. Berlin 2010.

--
[image]

Verstehen Sie Bahnhof!
Europa: Linkliste Fahrplantabellen und mehr

Vom Hauptstadtbahnhof zum Provinzhauptbahnhof, Teil 1

lokuloi, Samstag, 16.08.2014, 17:21 (vor 4252 Tagen) @ Sören Heise
bearbeitet von lokuloi, Samstag, 16.08.2014, 17:22

Moin!

Nach Schwerin und Rostock ist heute mit Neustrelitz der letzte Hauptbahnhof in Mecklenburg an der Reihe.


Für mich der einzige (Haupt-)Bahnhof in Mecklenburg an dem ich je war. Vermtl. damit auch der nordöstlichste Bahnhof, den ich je mit dem Zug erreicht habe, für 10 Jahre sogar der nördlichste...

Ist jetzt allerdings ziemlich genau 20 Jahre her. Ich fürchte ich hätte es nicht wiedererkannt. Ich kann mich da auch mehr an der IR erinneren, und dass es damals eine Gleisverwerfung gab, so dass der letzte Kilometer nach Neustrelitz gut 20 Minuten dauerte.

Für die Rückfahrt hab ich gerade sogar noch den passenden "Ihr Fahrplan" gefunden. Es war IR 2273 Rostock - Chemnitz (den ich dann bis Berlin-Lichtenberg benutzte).

Die Fahrkarte ging sogar bis Mirow, wir wurden dann aber in Neustrelitz abgeholt und auch wieder dort hingebracht.

Ach ja: und wie immer gilt: danke fürs portraitieren.

Ciao,
Uli

RSS-Feed dieser Diskussion
powered by my little forum