Artikel über Auswirk. des Behind.glst.gesetzes in CH (Allgemeines Forum)
ArbitroCollina, Mittwoch, 11.06.2014, 08:58 (vor 4317 Tagen)
bearbeitet von ArbitroCollina, Mittwoch, 11.06.2014, 08:59
Buongiorno!
Welche Auswirkungen das Behindertengleichstellungsgesetz (gibt's da eigentlich ne landläufige Abkürzung für?) unter anderem für die Bahnen, deren Bahnhöfe und Ausschreibungen hat, gibt's hier zu lesen.
Viele Grüße aus dem auf einer für 17 Minuten vorgesehen Strecke, 7 Minuten rausholende RV 2227.
Christian
Korrigierter Link und Kommentar
Alphorn (CH), Mittwoch, 11.06.2014, 09:58 (vor 4317 Tagen) @ ArbitroCollina
Der Artikel findet sich hier.
Ich finde es erstauntlich, dass die Zeit einem so unscheinbaren Thema im Nachbarland einen langen Artikel widmet - aber es ist berechtigt. Das BehiG (Behindertengleichstellungsgesetz) hat gewaltige Auswirkungen, die vielleicht auch noch auf Deutschland zukommen.
In der Schweiz gilt der Grundsatz, dass der Zugang zum öffentlichen Verkehr für Behinderte autonom (d.h. ohne Hilfe) möglich sein soll. Das finde ich richtig: In der alternden Gesellschaft wird es immer mehr Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer geben; wenn jedem einzeln geholfen werden soll, ist der Personalaufwand unbezahlbar hoch -alle Züge müssten begleitet sein - und die Fahrpläne wären nicht mehr zu halten - was in der Schweiz fatal wäre, denn es müssen ITF-Knoten unbedingt erreicht werden.
Für mich geht aber das BehiG in zwei Punkten zu weit: Erstens sind die Kosten zu hoch und zweitens die Verschlechterungen für Nichtbehinderte inakzeptabel.
Die Kosten für das BehiG sind unter anderem aufgrund des ehrgeizigen Zeitplans sehr hoch. Je mehr Zeit man sich lässt, desto mehr Perronanpassungen lassen sich in turnusgemässe Bahnhofserneuerungen integrieren, was die Kosten signifikant senkt. Zudem wundert mich, dass immer der ganze Bahnsteig auf 55 cm neu gebaut wird, statt ihn zum Beispiel wie bei Trams nur teilweise zu erhöhen - was ausreichen würde, weil neuere Züge überall Niederflureinstiege haben.
Zudem ist es natürlich ein Rückschritt, wenn nun die 99% Nichtrollstuhlfahrer auf Toiletten und Haltestellen verzichten müssen, weil diese nicht rollstuhlgerecht ausgeführt werden können. Hier wäre mehr Augenmass gefordert.
Korrigierter Link und Kommentar
Twindexx, St. Gallen (CH), Mittwoch, 11.06.2014, 11:18 (vor 4317 Tagen) @ Alphorn (CH)
Hoi,
Das BehiG (Behindertengleichstellungsgesetz) hat gewaltige Auswirkungen, die vielleicht auch noch auf Deutschland zukommen.
Spannend ist auch die Frage des internationalen Fernverkehrs. Will man TGV, ICE und railjet wirklich deswegen einstellen? Da werden dann wohl sämtliche Bahngesellschaften und Tourismusregionen sowie die Städte, die von den internationalen Zügen bedient werden, sich dagegen auflehnen. Das wäre dann nämlich definitiv nicht mehr verhältnismässig. Fehlt nur noch, dass Mindestumsteigezeiten an Bahnhöfen auf Rollstuhlfahrer angepasst werden müssen...
Zumindest die die Türbereiche müssen sich schon deutlich vom Rest des Zuges unterscheiden. Der railjet musste ja schon mit etwas Zusatzfarbe an den Türen bemalt werden. Und ich habe es schon mal gesagt: Mal sehen, welche Farbkleckse die ICx der DB mit CH-Zulassung an den Türen erhalten.
Zudem wundert mich, dass immer der ganze Bahnsteig auf 55 cm neu gebaut wird, statt ihn zum Beispiel wie bei Trams nur teilweise zu erhöhen - was ausreichen würde, weil neuere Züge überall Niederflureinstiege haben.
Ein behindertengerechter Zustieg ist nur an einer Tür vorgeschrieben. Und solange das so ist, kann nicht ausgeschlossen werden, dass diese Tür dann im nicht behindertengerechten Perronabschnitt zu halten kommt. Die EC250 sind die neuesten Beispiele, wo der ebenerdige Zustieg nur an zwei Türen machbar sein wird. Und dort, wo sämtliche Einstiege ebenerdig sind, sind sie wegen der WC-Erreichbarkeit eben nicht alle für Rohlstuhlfahrer nutzbar. Und dann verändert sich die Position des Einstiegs dann auch noch, wenn man Triebzüge statt in Einfach- plötzlich in Mehrfachtraktion fährt. Und schon hat man plötzlich beinahe die gesamte Perronlänge, wo dieser Einstieg zum halten kommen könnte. Und wenn man dann also eh schon mal dran ist, die Perrons zu erhöhen, kann man es dann auch gleich auf der gesamten Länge machen.
Aber beispielsweise in Arth-Goldau wird der Zuger Bahnhofsteil nur zum grössten Teil auf 55 cm erhöht. Der nordwestlichste Teil der Perrons wird wegen des Kurvenradius nicht angepasst.
Zudem ist es natürlich ein Rückschritt, wenn nun die 99% Nichtrollstuhlfahrer auf Toiletten und Haltestellen verzichten müssen, weil diese nicht rollstuhlgerecht ausgeführt werden können.
Die angesprochenen Triebzüge der Appenzeller Bahnen ohne WC zu liefern, ist jetzt aber auch kein Weltuntergang. Bisher hats da in den Zügen auch noch nie ein WC gegeben. Und nachdem die Fahrzeiten dann auch noch leicht reduziert werden mit der Durchmesserlinie, sollte der Bedarf dafür dann auch nicht allzu hoch sein.
Spannend wird es dann bei den thurbo-GTW. Da fahren 105 GTW durch die Ostschweiz, welche alle nur ein Standard-WC haben. Die damals mit den ersten thurbo-GTW zeitgleich gebauten RM-GTW, die heute bei den SBB von Solothurn über Moutier und Sonceboz-Sombeval nach Biel und als Flügelzug auch Biel - Sonceboz-Sombeval - La Chaux-de-Fonds fahren, wurden damals allerdings mit behindertengerechtem WC geliefert. Da hatte unser Ostschweizer Mobilitätsdienstleister damals ein wenig gespart.
Wenn die das nachträglich noch umbauen können, dann werden dafür auf jeden Fall viele Sitzplätze zum Opfer fallen. Dafür braucht es dann wohl bei manchen Zügen eine zusätzliche GTW-Einheit, für die man vielleicht wieder Perronverlängerungen machen muss. Noch dümmer wäre, wenn man auf Ende 2023 auf einen Schlag 105 neue Triebzüge beschaffen müsste. Der letzte thurbo-GTW wurde erst im Dezember 2013 geliefert, natürlich auch ohne behindertengerechtem WC. Der wäre dann erst zehn Jahre alt, wenn Ende 2023 das BehiG umgesetzt sein muss.
Bei den Twindexx gabs im Zeitungsartikel noch etwas zu lesen:
Da hatte der Hersteller Bombardier aber bereits zwei Züge nach den Wünschen der Behindertenverbände ausgebaut; in den restlichen 57 verzichtet er nun darauf.
Das ist dann also nicht ganz richtig. Die ersten beiden Züge werden sowieso IR200 und die IR-Versionen waren nie Bestandteil der Klage. Aber die IC200 wurden nochmals etwas zusätzlich verzögert, weil man da nach dem Bundesgerichtsurteil wieder zurückruderte auf nur ein behindertengerechtes Abteil unterhalb des Speisewagens. Von den IC200 soll aber der erste dann auch bereits nächstes Jahr ausrollen, nur halt eben nicht mehr in diesem Jahr.
Grüsse aus der Ostschweiz.
--
![[image]](https://abload.de/img/fvd139kqh.jpg)
Aktuell im Einsatz auf den Linien IC 1, IC 2, IC 3, IC 21, IR 13, IR 15, IR 27 und IR 70:
Der SBB FV-Dosto.
Die Behindertenverbände als «nützliche Idioten»
heineken, Mittwoch, 11.06.2014, 17:57 (vor 4317 Tagen) @ Twindexx
Oder, um Charlie Wilson und Gust Avrakotos zu zitieren:
«Mit Sex und Drogen in der linken Hand kann man hinter der Rechten ganze Flugzeugträger verstecken, ohne dass es irgendwen interessiert.»
Wie schön für manch Beteiligte an diesem Verzögerungsspiel, dass die Behindertenverbände sich als die «nützlichen Idioten» erwiesen haben.
Nicht nur
Alphorn (CH), Mittwoch, 11.06.2014, 23:39 (vor 4316 Tagen) @ heineken
Wie schön für manch Beteiligte an diesem Verzögerungsspiel, dass die Behindertenverbände sich als die «nützlichen Idioten» erwiesen haben.
Niemand behauptet, dass die ganze Verzögerung bei den Twindexx der Einsprache der Behindertenverbände zuzurechnen ist - der Konsens ist etwa sechs Monate der zwei Jahre. Aber viele andere Erschwernisse und Kosten sind durchaus dem BehiG zuzurechnen. Das Ziel der Barrierefreiheit ist absolut wünschenswert, aber in eingen Fällen wie z.B. kleinen Bahnhöfen wäre meiner Meinung nach mehr Verhältnismässigkeit nötig.
Nicht nur
Twindexx, St. Gallen (CH), Donnerstag, 12.06.2014, 01:44 (vor 4316 Tagen) @ Alphorn (CH)
Hoi,
Niemand behauptet, dass die ganze Verzögerung bei den Twindexx der Einsprache der Behindertenverbände zuzurechnen ist - der Konsens ist etwa sechs Monate der zwei Jahre.
Es sind acht Monate gemäss SBB: http://www.sbb.ch/sbb-konzern/medien/archiv.newsdetail.2012-4-2704_02.html
Fakt ist, dass die SBB damit mindestens ein Jahr der Verzögerungen nicht dem Hersteller anlasten, darüber herrscht auch Konsens zwischen SBB und Bombardier. Für jeden einzelnen der 59 Züge gibts exakte Liefertermine, beginnend von Dezember 2013 bis ca. Mitte 2019. Diese Termine sind nun natürlich um ein Jahr verschoben worden. Den Termin des ersten Zuges, Dezember 2014, wird man zwar noch um ein Jahr verfehlen, aber den letzten will man trotzdem bis Mitte 2019 liefern, was dann wieder ein Jahr früher wäre, als der um ein Jahr verschobene Lieferplan sagen würde. Die Verzögerungen sollten also schon differenziert betrachtet werden.
Grüsse aus der Ostschweiz.
--
![[image]](https://abload.de/img/fvd139kqh.jpg)
Aktuell im Einsatz auf den Linien IC 1, IC 2, IC 3, IC 21, IR 13, IR 15, IR 27 und IR 70:
Der SBB FV-Dosto.
Korrigierter Link und Kommentar
JeDi, überall und nirgendwo, Mittwoch, 11.06.2014, 23:38 (vor 4316 Tagen) @ Twindexx
Die angesprochenen Triebzüge der Appenzeller Bahnen ohne WC zu liefern, ist jetzt aber auch kein Weltuntergang. Bisher hats da in den Zügen auch noch nie ein WC gegeben. Und nachdem die Fahrzeiten dann auch noch leicht reduziert werden mit der Durchmesserlinie, sollte der Bedarf dafür dann auch nicht allzu hoch sein.
Mmmh. Haben die AB aktuell nur im Adhäsionsteil WC? Irgendwie kann ich mich an welche erinnern...
--
Weg mit dem 4744!
AB-Züge.
Twindexx, St. Gallen (CH), Donnerstag, 12.06.2014, 01:34 (vor 4316 Tagen) @ JeDi
Hoi,
Mmmh. Haben die AB aktuell nur im Adhäsionsteil WC? Irgendwie kann ich mich an welche erinnern...
Ja, nur auf der Strecke Gossau-Wasserauen können dir WC begegnen. Allerdings gibts auch da manchmal Module ganz ohne WC. Und noch besser sind die Wagen, die zwar eine milchige Scheibe haben, dahinter sich aber trotzdem kein WC befindet.
Aber auch für Gossau-Wasserauen sollen neue Triebzüge beschafft werden, die allerdings mit dem bisherigen breiteren Lichtraumprofil und nicht dem Tramprofil der neuen Durchmesserlinie nach Trogen hoch.
Achja: Wer versteht den Wortwitz im Beitragstitel? ;-)
Grüsse aus der Ostschweiz.
--
![[image]](https://abload.de/img/fvd139kqh.jpg)
Aktuell im Einsatz auf den Linien IC 1, IC 2, IC 3, IC 21, IR 13, IR 15, IR 27 und IR 70:
Der SBB FV-Dosto.
Korrigierter Link und Kommentar
guru61, Arolfingen, Donnerstag, 12.06.2014, 09:26 (vor 4316 Tagen) @ JeDi
Die angesprochenen Triebzüge der Appenzeller Bahnen ohne WC zu liefern, ist jetzt aber auch kein Weltuntergang. Bisher hats da in den Zügen auch noch nie ein WC gegeben. Und nachdem die Fahrzeiten dann auch noch leicht reduziert werden mit der Durchmesserlinie, sollte der Bedarf dafür dann auch nicht allzu hoch sein.
Mmmh. Haben die AB aktuell nur im Adhäsionsteil WC? Irgendwie kann ich mich an welche erinnern...
Hast recht:
https://farm7.staticflickr.com/6079/6041173552_08e6d7561b_o.jpg
minestens die Steuerwagen hatten WCs. (manchmal nützt auch ein versch.... Bild was :-)
Gruss Guru
Artikel über Auswirk. des Behind.glst.gesetzes in CH
flierfy, Mittwoch, 11.06.2014, 23:14 (vor 4316 Tagen) @ ArbitroCollina
Welche Auswirkungen das Behindertengleichstellungsgesetz (gibt's da eigentlich ne landläufige Abkürzung für?) unter anderem für die Bahnen, deren Bahnhöfe und Ausschreibungen hat, gibt's hier zu lesen.
Heisst das auch, dass in der Schweiz die Bürgersteige an vielen Stellen abgesenkt werden, um im Strassenraum Stufenfreiheit zu schaffen? Und laufen in schweizer Kinos die Filme nur noch mit Sehbehinderten-Kommentaren sowie Untertiteln für Hörgeschädigte?
Artikel über Auswirk. des Behind.glst.gesetzes in CH
Alphorn (CH), Mittwoch, 11.06.2014, 23:35 (vor 4316 Tagen) @ flierfy
Heisst das auch, dass in der Schweiz die Bürgersteige an vielen Stellen abgesenkt werden, um im Strassenraum Stufenfreiheit zu schaffen? Und laufen in schweizer Kinos die Filme nur noch mit Sehbehinderten-Kommentaren sowie Untertiteln für Hörgeschädigte?
Ja, nein, ja. Die Bürgersteige werden bei Fussgängerstreifen und ÖV-Haltestellen definitiv abgesenkt und die Filme haben sowieso Untertitel, weil sie zumeist in Orignalfassung gezeigt werden. Hörfilme gibt es zwar nicht in den Kinos, aber im ÖV werden für Blinde und Sehbehinderte viele Anpassungen gemacht (tastbare Führungsstreifen in Bahnhöfen, Türfindepiepser an Zügen, Haltestellendurchsagen, hochkontrastige Türen, Verbot von Laufschriften).
CH: barrierefreie Berge?
sb, Donnerstag, 12.06.2014, 10:52 (vor 4316 Tagen) @ Alphorn (CH)
Gemäß BehiG müssten dann voll auch die Alpen barrierefrei d.h. geplättet werden...? ;(
Vielleicht liegt das unterschiedliche Verständnis auch in der Orthographie begründet?
DE: Barrierefreier Ausbau in Maßen.
CH: Barrierefreier Ausbau in Massen.
(Anm. für Bundesdeutsche: Die genannte Schweizer Schreibweise ist doppeldeutig und entspricht auch dem Sinn der genannten deutschen Schreibweise.)