Auf ins wilde Kurdis... ähm, Emsland! (Reiseberichte)
Hallöchen!
Unser Maestro der Bahnhofsportraits verschläft die Strecke ja nun lieber. Das ist ein Jammer. :-)
Der Auftrag: 5:02 Uhr ab Münster bis Emden Kunden zählen und auf dem Rückweg auch wieder. Es sind Ferien, also keine "Piss-Blagen" (wie es mal ein Reisender so "schön" ausdrückte) und Arbeiters werden auch weniger unterwegs sein. Das verspricht eine schöne Tour. Bis Rheine wird ein paar Mal öfter gehalten als üblich, in Rheine wird dann der Schaffner ausgetauscht und dann ab durch die herrliche Landschaft hoch gen Küste.
Vorher steigen in Emsdetten noch ein paar junge Nachtschwärmerinnen aus und stellen fest: "Abends" um 5:20 Uhr morgens ist Emsdetten tot und überhaupt alles Murks, weil sie um 9 Uhr schon wieder arbeiten müssen. Ja, die Jugend hat es nicht leicht. Aber es sei ihnen gegönnt. Unsereins im gesegneten Alter muß nach einem 24-Std.-Wachbleibe-Tag anschließend die Infusionen aus dem Schrank holen, sich selbst an den Tropf anschließen und die nächsten Stunden im vorher hergerichteten Sauerstoffzelt verbringen, damit man wieder fit wird in angemessener Zeit.
Aber jetzt sitzen wir ja im Zug und wollen gen Norden. Herrlich, wenn über den unendliche Weiten des Emslandes zwischen ein paar Wolken langsam die Sonne aufgeht. Die Windräder ziehen sanft ihre Kreise. Die ersten Vögel bereichern den Himmel. Auf den Straßen spiegelt sich der Regen der Nacht. Die Schiffe in den Häfen in Papenburg und Emden wecken das Fernweh und die Sehnsucht nach der großen weiten Welt. Das Geschepper beim Überqueren der Klappbrücken macht die Technik hörbar. Und in der Ferne zeigt sich für eine Weile ein herrlicher Regenbogen. Modernisierte Bahnhöfe welchseln sich ab mit Bahnhöfen, wo man aus dem Zug purzelt dank Niedrigstbahnsteig und noch das Gegengleis überqueren muß.
Neben den üblichen Stammfahrgästen sind auch schon ein paar Urlauber mit Sack und Pack unterwegs. Am besten sitzt man dann direkt neben der Dosto-Durchgangstür und stört sich dann daran, dass die ständig aufgeht und Leute durchlaufen und es so ständig lärmt. Da helfen keine Pillen: Reif für die Insel! (das sogenannte Peter-Cornelius-Syndrom).
Genial auch die Bäckerei in Emden Main Station: Ich kaufe ein belegtes Brötchen und die Verkäuferin tippt zig Preise einzeln in die Kasse. Ich staune noch und denke: Hey, ich wollte nur ein Brötchen und nicht die ganze Auslage. Da verlangt sie 2,92 € von mir - der erste Bäcker mit krummen Preis für ein verzehrfertiges belegtes Brötchen.
Also Brötchen, BILD und Coke. Und nach passender Pause wieder retour. In Papenburg steigen 3 sprachunkundige Arbeiter ein, vermutlich Rumänen, die für eine bekannte ansässige Firma tätig sind und offenkundig über Ostern gen Heimat wollen. Sie zeigen mir den Fahrschein: Man hat ihnen bis Frankfurt einen Normalpreis(!) für 276 €(!) verkauft, wo ich mich so frage, wer ihnen den wohl angedreht hat und wer den wohl bezahlt hat.
Dieses Anfahr-Geruckel der 111 wird langsam ein wenig nervig - wobei das ja eigentlich die ideale Fuzzy-Lok ist - sofern man IM Zug sitzt und nicht von außen knipst: Einfach Hand anlegen, der Rest kommt dann von ganz allein.
Am Bahnübergang bremsen wir den Apothekenkurier aus - tröstlich, dass auch die Kollegen leiden und nicht immer nur ich derjenige bin, dem die Bahn in die Quere kommt im anderen Job.
Plötzlich ziehen am vordersten Fenster bergeweise Federn vorbei - ui, da wurde wohl eine Taube ins Jenseits befördert. Wollte der Täuberich seiner Auserwählten mal zeigen, wie mutig er ist, was er nun mit dem Leben bezahlt und Mausi zur Witwe macht. Auch nicht klüger als manch anderes zweibeiniges Geschöpf auf Erden. Okay, das ist eine freihändige Interpretiation des Poeten; möglich auch, dass Mausi im Werbeprospekt des Schuhhändlers blätterte und ihren Hintern samt Rumpf nicht rechtzeitig hochbekam. Da ist er dann Witwer, aber vielleicht heimlich gar nicht so unglücklich - muß er nicht mehr ewig mit ihr Samstags nach Bremen zum Einkauf fliegen; dank Westwind ist der Hinweg zwar problemlos, aber zurück... Und dann noch mit Gepäck...
Derweil zuckeln wir weiter, die magische 9:00 Uhr-Grenze für Ländertickets wird zwischen Geeste und Lingen überquert. Hinter Lingen scheppert man dann direkt an den Kühltürmen des Kraftwerks vorbei, wo ich mich immer frage, ob das Wasser, was dort drunter tröpfelt und aufgefangen wird, wohl auch Trinkwasserqualität hat. Oder wird man beim Genuß verstrahlt und als Folge schreibt man Beiträge wie diesen?
Bis vor Rheine geht alles gut. Dann heißt es warten, warten, warten, weil derzeit nicht alle Bahnsteigkanten nutzbar sind. Man baut mal wieder in Rheine - wobei man sich dort im allgemeinen Zeit läßt mit der Rumwerkelei; Kenner des Bahnhofsumbaus vermuten ja, dass der ProblemBER früher fertig wird.
Nach der Verspätung ab Rheine paßt es dann in Greven und dem dortigen faktisch eingleisigem Betrieb natürlich auch nicht mehr. Also wird Münster mit 12 Minuten Verspätung erreicht; der IC unserer Rumänen ist weg (schadet auch nicht, sie hätten in Schweizer Waggons fahren müssen und wer macht das schon gerne).
In Münster wird dann der Zähler ausgetauscht - denn die DB besteht auf einer "Wendezeit" von 10 Minuten zwischen 2 Zügen; und planmäßig sind es in Münster nur 9 - dass es dieselbe Garnitur ist, die zurückfahrt, man die als Zähler also gar nicht verpassen kann, interessiert dabei wenig. Bzw. gar nicht. Vorschrift ist Vorschrift.
Und so nahm der bahntechnische Arbeitstag erstmal eine Pause und der nächste Job wartete - bevor es abends auf den Rhein-Haard-Expreß ging mit Quietschie hin und zurück ENDLICH mal wieder in einem Aquarien-Dosto!
Schöne Grüße aus der Friedensstadt Osnabrück von
jörg
Sie sehen, lieber Herr H.: Auch die Emsland-Strecke hat einiges zu bieten! :-)))
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