Die Psychologie der Kundschaft... (Allgemeines Forum)

Blaschke, Montag, 18.11.2013, 20:22 (vor 4524 Tagen)
bearbeitet von Blaschke, Montag, 18.11.2013, 20:25

Hallihallöchen allerseits!


Vorab die Kurzinfo für "MvG": Kunden denken mit, aber manchmal falsch, aber alles wurde gut.


Es ist schon ein paar Sonntage her, da verschlug es mich mal wieder in die äußerste nordöstliche Ecke meines Heimatbundeslandes. Eine Bereisung der Strecke Lüneburg - Büchen war mal wieder angesagt. Finanziell aufgrund der kurzen Entfernung reizlos - aber dafür sieht man mal was anderes als immer nur die Bahnstrecken vor Ort, wo ich jede Schwelle mittlerweile mit Vornamen kenne. Wenn man dann noch etwas Kultur in die Anfahrt einbaut und sich u.a. den (noch!) sinnlosesten U-Bahn-Betrieb aller Zeiten anschaut, nämlich Sonntagsmorgens den 10-Minuten-Takt(!) der U 4 zur Hafen-City (Fahrgastaufkommen ab/bis Jungfernstieg in allen beobachteten Zügen: Ich!), dann steht der Spaß an der Freude doch im Vordergrund.

Das Zugangebot an der Strecke Lüneburg - Büchen (- Lübeck - Kiel) war bei meinen bisherigen Besuchen insofern spannend, als dass es dort 2 Sorten der Baureihe 648 gibt. Die einen haben 122 Sitzplätze, die anderen 125. Erkennen kann man das an den Designer-Punkten draußen (bzw. an den fehlenden). Außerdem muß man bei der einen Sorte die Klotür händisch schließen, während das bei der anderen Sorte mechnisch oder elektrisch oder so, auf alle Fälle irgendwie automatisch bei Knopfdruck, funktioniert.

Der Fahrplan ist ähnlich gestrickt, manchmal haben die Züge große Pausen in Büchen, manchmal geht es direkt weiter. Ab und an gibt's überhaupt keine brauchbaren Anschlüsse, dann aber wieder einen nach Budapest oder, wem das zu östlich ist, nach Rostock. Oder nach Aumühle.

Nun ging die hier besagte Reise in Lüneburg los, mit Verspätung, weil - wer sonst - DB Fernverkehr mal wieder unzuverlässig war. Übrigens ganz spannend, wieviele Leutchen so Milchkannenhalte der Fernzüge nutzen in ihrer Reisekette. Deswegen müssen solche Halte auch bleiben, aber das thematisiere ich ein anderes Mal. Wie geschrieben, wir fuhren mit etwas Verspätung, eine Minutendekade sozusagen (ein Wort, was Google trennen will); Dekandenz nicht nur im alten Rom, sondern auch hinterm modernen Lüneburg. Die Arbeit wurde getan, sprich die Kundschaft befragt. Eine ganz süße Mausi war grummelig, weil ihre Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Fahrt, "Wir besuchen jemanden", von der ca 5-jährigen Tochter lautstark ergänzt wurde, dass es zu Vati ginge. Der habe im übrigen die Mami immer noch lieb, aber Mami habe jetzt einen anderen, der aber doof sei.

Nun ist die Strecke eingleisig - der Gegenzug in Büchen, auf den mein Mitzähler und ich draufhüpfen müssen, würde also warten. In Büchen ist es dann so, dass unsere aussteigende Kundschaft vom Mittelbahnsteig über das andere Gleis rüberläuft auf den Hausbahnsteig - und dabei halt quer vor dem wartenden Gegenzug vorher läuft. Etliche Reisende brauchten den Rostocker-RE, so war das Gerenne groß. Mein Kollege und meine Wenigkeit eilten in den Gegenzug - das war einer derer mit der langen Standzeit.

Wir fuhren direkt nach Abfahrt des anderen Zuges ab - pünktlich. Und begannen, die Kunden zu interviewen. Beim Thema Anschlüsse kamen dann gereizte Antworten, "ja, wenn wir unseren Anschluß in Lüneburg denn noch bekommen!". Ich verstand nur Bahnhof - weil wir ja absolut pünktlich waren. Bis dann ein Kunde seine Gedanken auch öffentlich zu verstehen gab: Da er ja gesehen habe, dass der Gegenzug Verspätung habe, weil die Kunden ja gerannt seien, habe ja auch unser Zug Verspätung, weil man ja schließlich so lange auf den Gegenzug habe warten müssen wegen der eingleisigen Strecke.

SAPPERLOT! Ich war wieder - wie neulich in Hannover - entzückt. Die Kunden denken mit! Sind gar kein Transportvieh, wie mancher ja gern mal vermutet. Und die Gedanken der Kunden waren ja auch sogar nachvollziehbar! Wer weiß schon von dem Aufenthalt der Züge in Büchen, zumal es ja ohnehin nicht bei jedem Zug der Fall ist. Und wer kennt schon die Unterwegsfahrzeiten.

Insofern trat dann jedes Mal eine gewisse Beruhigung ein, wenn ich verkünden konnte, dass wir absolut pünktlich seien, Lauenburg und Echem auch absolut pünktlich verlassen haben und einer pünktlichen Ankunft in Lüneburg nichts entgegenstünde!

Wobei einige Kunden dabei auf den Negativ-Anschluß zum Metronom nach Uelzen spekulierten; ihre zarte Erregung also gewissermaßen nur indirekt angebracht war.

Die Geschichte hat ein langweiliges Ende: Es ging alles gut aus. In Lüneburg trafen wir sogar mit minus 60 Sekunden ein; die beste (bzw. zweitbeste) Privatbahn der Welt hatte Verspätung, so dass nicht nur einige Kunden, sondern auch der Schreiber dieser Zeilen schnurstracks nach Uelzen fahren konnten, was im letzteren Falle eine heimatliche Ankunft früher als beim Weg über die Hansestädte Hamburg und Bremen bedeutete (allerdings nur theoretisch, weil der RE ab Hannover nach Bielefeld "hing" und sich somit der Zeitvorteil verringerte).

Wir halten also fest: Die Kundschaft denkt durchaus mit, wird allerdings manchmal nachvollziehbar unverschuldet mit den Gedanken auf ein falsches Gleis geleitet! Dafür sollten wir "Experten" dann allerdings Verständnis haben! Und im Zweifel haben sie ja das seltene Glück, auf einen Fahrgastzähler zu treffen, der die Dinge wieder auf's richtige Gleis setzt :-)

Schöne Grüße aus der Friedensstadt Osnabrück von

jörg


der allerdings auf einer anderen Strecke im Zug mit dem Automaten drinnen von einigen immer gehaßt wird, weil sie irrtümlich denken, dass er Schaffner-Kompetenzen besitzt und sie dann wider ihres ursprünglichen Willens Fahrkarten kaufen oder solche abstempeln (die 4-er-Karte ist Wochen alt, aber sie fahren täglich Zug...).


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