Ausgewählt: Wiesbaden Hbf (Teil 1, 0 Bilder) (Reiseberichte)

Sören Heise, Region Hannover, Samstag, 21.09.2013, 17:55 (vor 4599 Tagen)

Sehr geehrte Damen und Herren,

morgen ist Wahlsonntag. Der Hauptschauplatz ist zweifellos Berlin, der wichtigste Nebenschauplatz hingegen wird Wiesbaden sein. Grund genug, für heute den dortigen Hauptbahnhof auszuwählen. Vor den Bildern aber der historische und betriebliche Überblick, denn: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. ;-)


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Wiesbaden hat Kopfbahnhof.
Alle Züge fahren nach Süden. Manche mehr, manche weniger weit. Vom Umbau des Hauptbahnhofs zu einem Durchgangsbahnhof habe ich noch nie etwas gehört, angeblich gab es aber mal sehr vage Pläne.

Wiesbaden hat Fernverkehr.
Den Löwenanteil macht die ICE-Linie über Mainz, Frankflug, Frankfurt, Erfurt und Leipzig nach Dresden aus. Bis nach Frankfurt ist sie so schnell, daß die Züge in der Reiseauskunft nur auftauchen, wenn man Nahverkehr abwählt.
Daneben gibt es ein paar Einzelleistungen, u.a. zweimal an eingekreisten Alphabetanfangsbuchstaben schnell Köln.

Wiesbaden hat Nahverkehr.
Die Hauptverbindung wird mittlerweile durch die Firma Vias bedient (Via ist bekanntlich lateinisch und bedeutet Weg, das s ist ein falscher Plural). Diese führt von Frankfurt nordmainisch über Höchst nach Wiesbaden und weiter mit einigen Oechsle rechtsrheinisch bis Niederlahnstein, dann über den Rhein nach Koblenz und in Urmitz wieder nach rechts und endet in Neuwied. Eingesetzt werden dachverkleidungslose (sieht doof aus) drei- und vierteilige Flirts.
Vectus ist der derzeitige Name der Dieselzüge. Die Firma, eine gemeinsame Tochter von Hessischer Landesbahn und rheinland-pfälzischer Westerwaldbahn, fährt von Wiesbaden aus nach Niedernhausen und ab und an nach Limburg. Es verkehren ein- und zweiteilige Lints.
Rot ist die letzte zu erwähnende Linie. Sie führt über Mainz und Bischofsheim nach Darmstadt und weiter nach Aschaffenburg. Die DB fährt hier mit modernen Doppelstockwagen und Elloks der Baureihe 143.

Wiesbaden hat S-Bahn.
Aus den erwähnten Gründen enden hier drei Linien der S-Bahn Rhein/Main.
Die S 1 fährt nordmainisch nach Frankfurt und dann weiter nach Offenbach und Ober Roden.
Die S 8 fährt über Mainz nach Bischofsheim und dann südmainisch über Frankflug nach Frankfurt und weiter nach Offenbach und Hanau.
Die S 9 bleibt diesseits des Rheins, fährt über Kastel nach Bischofsheim und dann südmainisch über Frankflug nach Frankfurt und weiter nach Offenbach und Hanau. Auf der S 8/S 9 kommen heilige Elektrotriebwagen zum Einsatz (sie werden demnächst via Hochofen in den Eisenbahnhimmel entschweben), auf der S 1 profane Jungspünde.


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Wiesbaden hat Geschichte.
Und zwar eine ziemlich lange. Die Heilquellen, die Wiesbaden später zum Kurort werden ließen, waren schon den Römern bekannt. Um 830 schleißlich wurde der Name Wiesbaden erstmals urkundlich erwähnt. 1806 erwählten die Nassauer Wiesbaden zu ihrer Hauptstadt. Die standen 1866 auf der falschen Seite, ihr Herzogtum und somit auch Wiesbaden wurden preußisch.

Da hatte das Eisenbahnzeitalter längst begonnen, genauer am 19. Mai 1840, als die von Frankfurt kommende Strecke der Taunus-Eisenbahn-Gesellschaft Wiesbaden erreichte (seit 1960 elektrischer Betrieb). Sechzehn Jahre später, am 11. August 1856, wurde von Wiesbaden aus der erste Abschnitt der Rechten Rheinstrecke eröffnet, es ging bis Rüdesheim. Acht Jahre später wurden Niederlahnstein und Koblenz erreicht. 1961 wurde die Strecke elektrifiziert.

Eine Bahnstrecke, die Wiesbaden erreicht, hat den Personenverkehr verloren. Das ist die Aartalbahn, die über Bad Schwalbach und Zollhaus nach Diez (westlich Limburgs an der Lahntalbahn gelegen) führt. Der älteste Abschnitt ist der nördliche bis Zollhaus, 1870 eröffnet. 1889 folgte der Südabschnitt zwischen Wiesbaden und Bad Schwalbach, das hieß damals noch Langenschwalbach. Dieser Name läßt Wagenfreunde aufhorchen, die sogenannten Langenschwalbacher wurden primär für die Aartalbahn konstruiert, aber auch auf anderen Strecken eingesetzt. Unter langenschwalbacher.de findet sich im Netz eine Seite zu diesen Wagen. Zurück zur Aartalbahn: Der fehlende Mittelabschnitt wurde 1894 eröffnet. Auf dem gebirgsbahnmäßig trassierten Südabschnitt zwischen Wiesbaden und Bad Schwalbach endete der Reiseverkehr 1983, drei Jahre später war auch zwischen Diez und Schwalbach Schluß. Der rheinland-pfälzische Abschnitt bis Zollhaus soll 2015 reaktiviert werden. Die Zukunft des hessischen Teils ist unklar, auch die hier tätige Museumsbahn fährt schon lange keine Züge mehr, da sich die Wiederherstellung einer Brücke in die Länge zieht.

Im Jahr 1879 konnte der Betrieb auf der Ländchesbahn nach Niedernhausen aufgenommen werden.

Erst anno 1904 wurde im Rahmen der Mainzer Güterumgehungsbahn eine direkte Eisenbahnverbindung mit der Großstadt am anderen Rheinufer geschaffen. Auch sie ist schon lange elektrifiziert.

Die jüngste Strecke um Wiesbaden ist die im Jahr 2002 eröffnete Anbindung an die ICE-Strecke nach Köln. Montags bis freitags wird die Ruhe auf jedem der zwei Gleise planmäßig zweimal gestört, der anfängliche Zweistundentakt ist längst auf zwei Zugpaare zurückgenommen worden. Könnte man als Fehlinvestition bezeichnen.


Bislang noch nicht betrachtet haben wir den Anlaß dieses Beitrags, den Wiesbadener Hauptbahnhof. Er, derzeit im Umbau befindlich, wurde 1906 eröffnet. Zuvor gab es in Wiesbaden, wie auch in anderen Städten, mehrere Bahnhöfe. Diese befanden sich einige Blöcke (etwa 800 Meter) weiter Richtung Innenstadt an der Rheinstraße. Taunusbahnhof (1840) und Rheinbahnhof (1857), letzterer erst 1969 abgerissen, befanden sich auf dem Platz der heutigen Rhein-Main-Hallen. Der 1879 eröffnete Ludwigsbahnhof der Strecke nach Niedernhausen stand östlich davon, heute befindet sich dort das Museum. Die ehemaligen Gleisanlagen wurden zu Grünanlagen. Der neue Bahnhof entstand im Stil der Zeit, neobarock, pompös, wilhelministisch halt. Derzeit werden die Hallendächer erneuert.


Der zweite Teil folgt sofort.

Ausgewählt: Wiesbaden Hbf (Teil 2, 40 Bilder)

Sören Heise, Region Hannover, Samstag, 21.09.2013, 17:55 (vor 4599 Tagen) @ Sören Heise

Wiesbaden hat Bilder.
Die nachfolgenden Aufnahmen entstanden am 24. Juli 2012 und am 11. Juli 2013.


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1 Angekommen.


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2 Es war einmal...


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3 Der Querbahnsteig, die Hängegeranien zerstören den Raumeindruck.


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4 Ein erster Versuch einer Gesamtansicht von außen. Links die Querbahnsteighalle.


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5 Ein zweiter Versuch einer Gesamtansicht von außen. Die Hauptfassade zur Stadt ist ziemlich nordwärts gerichtet, das erschwert Aufnahmen um die Mittagsstunde.


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6 Der städtische Nahverkehr wird mit Bussen abgewickelt, hier eine Bushaltestelle. Ganz oben die 1 mit Ziel Nerotal.


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7 Dort besteht Anschluß zur Nerobergbahn, einer mit Wasserballast betriebenen Standseilbahn. Ich besuchte sie 2010, ein Klick aufs Bild führt zum damaligen Bildbericht. Aber zurück zum Bahnhof.


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8 Ein Blick an der Nordfassade entlang, hinten ein Einkaufszentrum.


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9 So sieht's aus, wenn man den Bahnhof verläßt.


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10 Kunst (mit Bahnbus).


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11 Wappenschmuck überm Hauptportal. Und Taubendreck.


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12 Hauptfassade mit Baum, Biologen vor!


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13 Nebentür. Ich bin zwar architektonischer Laie, würde aber dem Bahnhofsgebäude einen gewissen Jugendstileinfluß zusprechen wollen.


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14 Eine weitere Ansicht des Bahnhofsplatzes.


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15 Das Dach des Einkaufszentrums bietet einen erhöhten Standpunkt.


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16 Das Querschiff (Kathedrale des Verkehrs, dann paßt's) von Westen. Paßt doch nicht, ein anständiges Querschiff verläuft in Nord-Süd-Richtung.


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17 Innendrin.


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18 Fahrkartenkauf.


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19 Zwischen Querbahnsteig und den eigentlichen Bahnsteigen finden sich diverse Verkaufsstände.


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20 Die Ausgangshalle.


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21 Über ihrem Ausgang zu den Bahnsteigen eine Uhr.


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22 Gleis 1 war das „Kaisergleis” mit einem extra Pavillon für Allerhöchste und noch höhere Herrschaften. Die Bahnsteigdacharbeiten lassen die Gleisseite ein wenig unschön erscheinen.


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23 Außenansicht. Der Pavillon ist zerstört, an seiner Stelle befinden sich Räumlichkeiten für das Reinigungspersonal.


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24 Unter der Baustelle 420 821.


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25 Die Gegenrichtung im -licht.


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26 Gesamtansicht anno 2012. Die beiden rechten Hallenschiffe sehen alt aus.


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27 Auf Gleis 1 Flirt 408.


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28 Eine neuer Abschnitt.


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29 Stimmt.


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30 Wiesbaden 3, Züblin 1.


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31 Die Lounge.


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32 Ansicht von außen (2012).


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33 Vorm Güterschuppen hält Vectus Mittagsruhe.


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34 Der Vectus-Triebwagen 252 ist soeben angekommen.


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35 Ein Jahr ist vergangen, ganz hinten dürften sich Fahrräder dort breitmachen, wo eins Züge hielten.


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36 Immerhin ein Wagen ist geblieben. Hat wer die Nummer? *fg*


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37 Wir schauen einmal quer durch den Bahnhof, soweit Vias das erlaubt.


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38 Die durchaus großzügige Fahrradabstellung.


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39 Wieder kommt Vectus, diesmal aber der 251.


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40 Für die Bahnhofsportraits folge ich nicht immer den Reisendenströmen, daher verlassen wir heute den Bahnhof durch diesen eher inoffiziellen Seitenausgang.


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Die vorherrschenden Zugfarben in diesem Beitrag waren rot und weiß. Was das für die Wahl wohl bedeuten wird? Das werden wir morgen Abend wissen. Und wenn ihr in einer Woche der Nachwahlberichterstattung überdrüssig seid, dann schaut doch wieder herein. Wir besuchen einen Bahnhof, der seinen Hauptbahnhofstitel vergurkt hat. Bis dahin: Guten Appetit!

Viele Grüße,
Sören

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Verstehen Sie Bahnhof!
Europa: Linkliste Fahrplantabellen und mehr

Ausgewählt: Wiesbaden Hbf (Teil 2, 40 Bilder)

Hustensaft, Samstag, 21.09.2013, 18:48 (vor 4599 Tagen) @ Sören Heise

Zur Aufklärung:

Das Bahnhofsgebäude ist von 1904 bis 1906 entstanden und ist ein in sich logischer Widerspruch: Baulich reinster Jugendstil (den der Kaiser angeblich nicht mochte), aber Sackbahnhof (weil der Kaiser dies angeblich gern hatte).

Der Bahnhof löste die verschiedenen vorherigen Bahnhöfe (drei an der Zahl) ab, diesem Umstand verdankt Wiesbaden die große Grünanlage gegenüber dem Bahnhof (die Bilder zeigen das teilweise), da das Gelände größtenteils nicht wieder bebaut wurde. Die Bevölkerung war seinerzeit übrigens weniger glücklich, der Bahnhof wurde damals als zu weit von der Stadt entfernt befunden.

Pläne zum Umbau in einen Durchgangsbahnhof gab es wohl tatsächlich, diese wurden aber wegen der extrem schwierigen Boden- und vor allem Wasserverhältnisse, die einen Tunnelbau unmöglich oder zumindest extrem teuer gemacht hätten (und wie richtig man damit lag, hat bekanntlich vor einigen Jahren die missglückte Bohrung für eine Wärmepumpenheizung des nahe gelegenen Finanzministeriums erwiesen, als man in relativ geringer Tiefe auf eine arthesische Quelle traf).

Beim Fernverkehr hat Sören die täglichen Früh- und Spätzüge von/nach Hamburg und München übersehen.

Der Bahnhof selbst sieht mittlerweile wieder sehr manierlich aus, die Renovierungsarbeiten sind fast abgeschlossen.

Vias

MC_Hans, 8001376, Samstag, 21.09.2013, 23:27 (vor 4599 Tagen) @ Sören Heise
bearbeitet von MC_Hans, Samstag, 21.09.2013, 23:29

Die Hauptverbindung wird mittlerweile durch die Firma Vias bedient (Via ist bekanntlich lateinisch und bedeutet Weg, das s ist ein falscher Plural).

Der Begriff Vias ist tatsächlich eine richtige lateinische Pluralform, nur nicht im Nominativ.
Laut Wiki soll das S am Ende für Service stehen. Dieser kann sich im Vergleich zur DB meine Meinung nach durchaus sehen lassen!

Re:

Sören Heise, Region Hannover, Sonntag, 22.09.2013, 20:43 (vor 4598 Tagen) @ Sören Heise
bearbeitet von Sören Heise, Sonntag, 22.09.2013, 20:44

Moin!

Hustensaft: Reiner Jugendstil. Ich bin zwar kein Experte, aber rein ist der in meinen Augen nicht.
Die Vorbahnhöfe hatte ich erwähnt, ebenso Einzelleistungen des Fernverkehrs. Die kann und will ich nicht immer aufzählen.

Horst: Akkusativ Plural. Überzeugt. Abi ist wohl zu lange her.
Der Service an Bord ist in meinen Augen von dem der DB nicht unterschiedlich. Der Service der Dachverkleidung hingegen fehlend, das sieht doof aus. Die Ansagen sind ein wenig nerviger, so ich mich recht erinnere.


Viele Grüße,
Sören

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