Ulm hat keinen Sinn - Ulm muß weg. (Reiseberichte)

AX-330, Samstag, 03.08.2013, 04:44 (vor 4683 Tagen) @ Blaschke
bearbeitet von AX-330, Samstag, 03.08.2013, 04:47

Mein letzter Besuch in Ulm liegt gefühlte Jahrtausende zurück. Ich vermute mal, da das da alles so neu aussieht

Wenn ich Dich hier sinnentstellend abschneidend darf: In der Betriebsstelle Ulm sah bis vor kurzem überhaupt nichts neu aus. Echte deutsche Bundesbahn-HV-Signale verschiedener Generationen, Bundesbahnformsignale der großen und kleinen Klasse, ein süüüüüüßes dunkelblaues Dreibein, mit dem Regionalwagenzüge gestärkt, geschwächt, aufgestellt oder abgeräumt werden, Triebwagen der Baureihe 610 und 611, denkmalgleich im Bw-Bereich vor sich hin einwuchernde ausgeschlachtete 218er, klassische Bundesbahnstellwerker mit gepflegter Abneigung gegen Privatbahnen und unbezahlbare Hinweisschilder wie "Klinikbereich! Bei Halt zwischen 18 und 6 Uhr Lüfter abschalten".

Ulm fetzt schon, auf seine Art und Weise. Das E-Lok-Bw, das Dieseltriebi-Bw, das Bw für richtige Eisenbahnfahrzeuge bei der Tankstelle - samt Scheibe -, die kleinteilige Gliederung in zig Stellwerke, der SpDr60-gestellte Hbf (okay, da bin ich mir nicht sicher - aber es ist ein klassisches Bundesbahn-Drucktastenstellwerk) - es ist immer was los. Für mich als Neueinsteiger bei der Eisenbahn ist Ulm immer wieder eine Zeitreise zurück zur Bundesbahnzeit. Jedes Mal aufs Neue nehme ich mir vor, den Bahnhof zu mögen.

Das fällt mir aber sehr schwer, weil ich noch niemals Durchfahrt in Ulm bekommen habe. Oder unverzögert Einfahrt in den Rbf. Personalwechsel möchte ich hier gar nicht erst erwähnen. Alle drei Sekunden kreuzt irgendein Triebi nach Hintertissen durch, hier sägt das kleine Dreibein noch hochwichtig von Einsatz zu Einsatz, und dann witscht noch schnell die Regionalbahn nach Geislingen raus, bevor man dran ist. Irgendjemand hat mit dem Pfefferstreuer wahllos 2000-Hertz-Magneten in Ulm verteilt und in einem Falle so plaziert, daß die zu früh zurückgenommene Befehlstaste am nächsten 500-Hertz-Magnet zwangsweise die nächste Zwangsbremsung bedeutet. In Ulm knallts immer doppelt ;-) Und ausgedehnte Zugbildungstätigkeiten - wie sie im privaten Güterverkehr eben das täglich Brot sind - sind in Ulm ausgesprochen schwierig. Die Infrastruktur hat zuwenig Weichen, die Stellwerker sind manchmal trotz ausgedehnter Pensionierungswellen immer noch unwillig bis offen sabotierend uns gegenüber. Dienstwege kennen die da auch nicht durchgehend, sodaß nach Feierabend Schotterstapfen angesagt ist. Kurz: Ulm ist ein Krampf.

Ulm verbinde ich mit ARBEIT, sinnloser, manchmal knochenharter körperlicher Arbeit. Auf dem Tritt stehen bei minus zehn Grad und Schneefall. Sich selbst umfahren bei 35 Grad. Und für jemanden, der in Berlin wohnt, ist Ulm schlicht am Arsch der Welt gelegen, mit Verlaub.

In Karlsruhe Rbf habe ich zwei Tage vor dem Umbau auf ESTW noch auf Stellwerk 14 Kaffee getrunken und die Atmosphäre genossen. So etwas käme mir in Ulm niemals in den Sinn - ich freue mich geradezu darauf, daß endlich gesunde, seelenlose, von der BZ aus ferngesteuerte Infrastruktur dort hinkommt. Nur schade, daß dann auch das dunkelblaue Dreibein wohl in Rente sein wird - ich freue mich jedesmal, wenn ich es sehe.

Freut sich über jede Schicht in Ruhleben oder der Hohen Schaar,
Andreas

Das Dreibein verdient echt ne Abschiedsparty, wenns in Rente geht. Wo in Deutschland bilden original lackierte V60 denn noch Personenzüge?


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