Angenehmes Reisen im spanischen Fernverkehr (Reiseberichte)
Zu Beginn möchte ich sagen, dass ich (trotz großer Lobhudelei und Schwärmereien von der RENFE) mir bewusst bin, wie wichtig ein vertaktetes Eisenbahnsystem mit anständigen Anschlüssen in alle Richtungen ist. Auf Grund der deutschen Mischung der Hochgeschwindigkeitzüge im Nahverkehr und Güterverkehr ist der Fernverkehr in Deutschland wahrscheinlich um einiges anspruchsvoller als bei den Spaniern, die nur 2-3 HGV Züge pro Stunde auf ihre Strecke schicken. Die dann auch noch losgelöst von Anschlüssen und jeglichem Mischverkehr verkehren.
Auf der anderen Seite ist eine Fahrt im Hochgeschwindigkeitszug AVE mit durchgehend 300 km/h für mehrere Stunden ein viel angenehmeres und stressfreieres Reisen als im ICE der Deutschen Bahn. Ich wünsche Euch viel Spass mit meinen Gedanken und Erlebnissen, wie man in Spanien mit der Bahn fährt. Leider gelten meine Erfahreungen nur für den Fernverkehr, der Regionalverkehr soll in Spanien nicht so pralle sein...
So ähnlich habe ich meine zahlreichen AVE Reisen erleben dürfen, hier einmal die Fahrt Sevilla-Barcelona:
Es ist Nachmittag in Sevilla Santa Justa, einem der ältesten Hochgeschwindigkeitsbahnhöfe in Spanien. Vor fast 20 Jahren wurde an ihm die erste Schnellfahrstrecke Madrid-Sevilla eröffnet. Trotz Nachmittag und eigentlich guter Pendlerzeit ist der Bahnhof zwar mit einigen Reisenden besucht, aber bei weitem nicht so voll oder hektisch wie es beispielsweiße in Frankfurt der Fall ist. Da in Sevilla stündlich nur 3-4 Fernzüge den Bahnhof verlassen, ist das der Bahnhof und die Wartehalle auch viel übersichtlicher.
Wahrscheinlich spielen sich die chaotischen Szenen nicht am Fernbahnhof sondern am benachbarten S-Bahn Bahnhof ab, genau weiß ich das nicht, da ich diesen noch nicht besucht habe.
In Spanien hat man an den HGV Bahnhöfen schlichtweg keine Hektik. Die Fahrgäste warten auf den Bänken bis ihr Zug aufgerufen wird, stellen sich dann am Check-In an um ihr Gepäck zu durchleuchten und gehen in aller Ruhe an den (schon am Gleis bereitgestellten) Fernzug.
Familien, die mit Gepäck und Kinderwagen in 2 Minuten (dank Verspätung) vom ICE auf Gleis 3 zum RE auf Gleis 19 hetzen sind einem in Spanien fremd. Hier gibt es weder Anschlüsse zwischen Fern-, und Nahverkehr, noch ist der Grundgedanke eines ITF irgendwo verankert. Der AVE macht vielmehr dem Flugverkehr konkurrenz.
Übrigens werden noch nichtmal durchgehende Tickets zwischen Regional- und Fernverkehrszügen verkauft, bis vor wenigen Jahren gab es selbst nur Fahrkarten für Direktverbindungen, Umsteigen war nur mit Stückeln möglich. Möchte irgendwer überhaupt umsteigen, frage ich mich? Von Sevilla kommt man stündlich nach Madrid und dreimal täglich nach Barcelona. Mit Zwischenhalten in Cordoba und Zaragoza ist doch praktisch alles abgedeckt, was der Normalspanier erreichen möchte.
Naja, jedenfalls in bester Ruhe, ohne den Stress der Deutschen Bahnhöfe, mache ich mich auf in ein Cafe um noch gemütlich einen Expresso zu trinken. Ich habe noch 20 Minuten Zeit bis mein AVE von Sevilla nach Barcelona fährt (natürlich direkt, man steigt in Spanien ja nicht um) und beobachte ein bisschen das Treiben. Trotz bester Rush Hour fällt mir die Ruhe und die fehlende Hektik sehr angenehm auf. Übrigens habe ich mein Reiseverhalten in Spanien auch selbst geändert. In Deutschland starre ich 20 Minuten vor Abfahrt meines ICE immer ins RIS vor lauter Panik auf Hinweise wie:
- IC XYZ heute ohne Wagen 9+10
- ICE ABC verkehrt heute nur einteilig ohne Wagen 31-38 (Schock! Das am Nachmittag um 17 Uhr!)
Aber all das interessiert mich hier in Spanien nicht. Ganz weinfach, weil die RENFE ihre AVE so, wie sie geplant sind auch einsetzt und über die Strecken schickt! Die AVE verkehren nicht umgekehrt gereiht, mit defekten Klimanalagen und Toiletten, oder gar verspätet!
Wer einmal die Ankunftstafel in Madrid betrachtet sieht sofort: Alles pünktlich im Fernverkehr! Auf der Strecke Madrid-Sevilla wird schon bei Verspätung von 5 Minuten der Fahrpreis komplett zurückerstattet. Dies ist ein Ansporn auch tatsächlich den Fahrplan einzuhalten, auch daher gibt es bei allen Fahrten auch einen Fahrzeitpuffer von 5-10 Minuten.
Jedenfalls sitze ich da und genieße die Ruhe, bis ich irgendwann bemerke, wie ruhig es tatsächlich ist!
Ja tatsächlich, es gibt keine Blechelse die den ganzen Tag Unsinn über den Bahnhöf brüllt! Mir wird auch schnell klar, weshalb es keine Ansagen gibt: Es gibt schlichtweg nichts anzusagen! Die Züge sind pünktlich, richtig gereiht, verkehren frühzeitig bereitgestellt am angegebenen Gleis und Anschlüsse, die man hätte Durchsagen können, gibt es ja gar keine. Hinweise auf Taschentiebe, den Nichtraucherschutz oder auch ein "Don't leave your luggage unattended" bekommt man in Spanien nicht serviert. Diesen Druck von allen Seiten irgendwelche Informationen aufnehmen zu müssen, ob es jetzt Verspätungen oder Gleiswechsel sind, ist man bei einer AVE Fahrt nicht ausgesetzt.
Nachdem ich den Kaffee ausgetrunken habe mache ich mich 10 Minuten vor Abfahrt in Richtung meines Gleis. Das Gleis steht nicht im Fahrplan sondern wird (ähnlich wie in Frankreich üblich) 20 Minuten vor Abfahrt an der Anzeigetafel bekanntgegeben, so kommt es auch nicht zu Gleisänderungen, gaz simpel eigetlich.
In den 10 Minuten fällt mir auf, dass ich in Spanien noch gar nicht im Bahnhof von Bettlern und Schnorrern angesprochen wurde, denen 1 € für die Fahrkarte fehlt, oder die gerne auf meinem Wochenticket mitfahren möchten - sehr angenehm!
Mit meinem Koffer mache ich mich auf zum Bahnsteig und muss kurz durch die Gepäckkontrolle. Hier wird (wie am Flughafen) das Gepäck einmal durchleuchtet und nach Sprengstoff untersucht. Komischerweiße wird nur der Koffer selbst durchleuchtet, sämtliches Handgepäck und der Mensch selbst werden nicht abgesucht. Aus diesen Gründen ist die Gepäckkontrollen wohl eine makulatur und in wenigen Sekunden vollbracht.
Im Gegensatz zum Flughafen packt mir beim AVE kein unbezahlter Sicherheitsmann an die Eier, weil ich dort ja ein Messer verstecken könnete :P
Über den Sinn der Gepäckkontrollen (die nur auf manchen Bahnhöfen stattfinden!) kann man daher natürlich streiten. Direkt nach der Gepäckkontrolle wird die Fahrkarte vor Betreten des Bahnsteiges kontrolliert und abgestempelt. Dadurch gilt auch hier: Keine Leergutsammler und Schnorrer ohne Fahrkarte im Zug oder am Bahnsteig!
Ich stelle mein Gepäck in die Gepäckablage im Zug und suche meinen Sitzplatz auf. Das Gefühl, dass man auch in der besten Pendlerzeit am Freitag Nachmittag nicht im Gang stehen muss, da ein Zugteil fehlt oder der vorige Zug ausgefallen ist, ist einfach berauschend!
Ausgeruht und entspannt, ohne Angst vor eine Zugräumung durch die Bundespolizei, einsteigen ist doch ein großer Mehrwert. Auch in der Urlaubszeit rettet einen die Sitzplatzreservierung vor unangenehmen Überraschungen und überfüllten Züge mit Stehplätzen wie in der S-Bahn. Dadurch, dass die AVE nur wenige bis gar keine Zwischenhalte haben hat man auch nicht diesen Betrieb im Gang von Reisenden, die alle 20 Minuten ein- und aussteigen.
Kurz vor der Abfahrt werden die Fahrgäste willkommen geheißen und das war es vorerst mit den Durchsagen.
Während man im ICE von Frankfurt nach Berlin alle 20 Minuten eine Laudatio mit den immer gleichen Sprüchen zu hören bekommt
(Thank you for choosing Deutsche Bahn today, Take care and goodbye; Über Ihre Anschlusszüge werde ich Sie rechtzeitig informieren; Good morning Ladies and Gentlemen; Sie haben Anschluss an die Regionalbahn nach Gelnhausen; The Bord Bistro is located in coach no 27; Der Zug ist außerplanmäßig zum Halten gekommen) hat man im AVE einfach Stille und kein Geplapper!
Als Vielfahrer kennt man sowieso seine Anschlüsse und kann das immer gleiche Geschwätz durch die Lautsprecher im ICE (das sich ja dazu noch nach jedem Halt wiederholt) nicht mehr hören. Im AVE kann ich nach dem Einstieg abschalten und muss erst wieder in 5 Stunden zum Ausstieg in Barcelona achtsam walten lassen.
Durch die Fahrscheinkontrolle am Bahnsteig läuft übrigens nicht alle 10 Minuten ein Zugbegleiter durch den Gang und fragt "Hier noch jemand zugestiegen?"
Nein, die Zusteiger wurden schon am Bahnsteig kontrolliert! Außerdem hat der AVE generell wenige Zwischenhalte. Die Halte Montabaur und Hamburg Dammtor sind in Spanien unbekannt.
Nach zwei Stunden Fahrt ohne Anhalten und Abbremsen, die Strecke ist ja durchgehend für 250-300 km/h gebaut, mache ich mich auf in das Bistro. Leider ist die gastronomische Versorgung im AVE sehr mau. Nur Stehplätze im Bistro, mehr als Getränke und Sandwiches werden nicht angeboten, schade eigentlich! Auf der anderen Seite funktioniert das Bistro einwandfrei; Keine ausgefallene Kühlung oder unvollständige Lieferung! Ja, selbst die Klimanalagen machen in Spanien nicht schlapp, obwohl auch dort Siemens Züge im Einsatz sind...
Noch ein kurzes Nickerchen und schon habe ich die 1100 km in unter 5 Stunden zurückgelegt, natürlich ist der Zug auf die Minute pünktlich in Barcelona! Dank großzügigen Aufenthaltszeitenin den Bahnhöfen gibt es im AVE nicht eine Gepäckschlacht wie im ICE, wo jeder seine Schrankkoffer irgendwo abstellt und damit Gänge und Türen blockert. Der AVE bietet ausreichende Ablagemöglichkeiten und da sowieso die meistenFahrgäste in Barcelona aussteigen, muss auch keiner drängeln. Außerdem drängeln nur Leute die es eilig haben, und da es in Barcelona sowieso keine Anschlüsse gibt und der Zug oünktlich ist, muss man auch nicht drängeln.
Ich hoffe, diese kleine Schilderung lässt ein bisschen Erahnen, wie man in Spanien im Fernverkehr verreist. In den nächsten Tagen stelle ich umfangreiche Reiseberichte mit vielen Bildern online, dieser als kleiner Vorgeschmack noch ohne Fotos :))
![[image]](http://www.andreas-hess.info/misc/Spanien/IMG_6855.jpg)
![[image]](http://www.andreas-hess.info/misc/Spanien/IMG_7365.jpg)
![[image]](http://www.andreas-hess.info/misc/Spanien/IMG_7194.jpg)
![[image]](http://www.andreas-hess.info/misc/Spanien/IMG_7188.jpg)