Impressionen vom spanischen Hochgeschwindigkeitsverkehr (Reiseberichte)

JumpUp, Montag, 31.12.2012, 13:46 (vor 4832 Tagen)

Nachdem ich nun wieder aus Spanien zurückgekehrt bin, möchte ich Euch noch weitere Eindrücke des dortigen Hochgeschwindigkeitsverkehrs übermitteln. Egal an welcher Ecke man sich in Spanien befindet: Es wird gebaut! Und nicht nur eine neue Stadtumgehung, oder mal ein drittes Gleis. Nein, Spanien baut viel, hoch und weit und natürlich kreuz und quer mit "Tunneln und viel Eisen und dem Eisenbahnverkehr".

Unterwegs auf den meisten Altbaustrecken im Land sieht man stets in der Ferne irgendwo eine neue Brücke mit Schnellfahrstrecke für den AVE; den Hochgeschwindigkeitszug der RENFE, die wahrscheinlich innerhalb der nächsten 5-10 Jahre Teil irgendeiner neuen 300 km/h Verbindung durch das Land wird.

Mir scheint es auch so, dass (im Gegensatz zu Deutschland, wo sich über nur ein stündliches Zugpaar auf Fulda-WÜrzburg schon aufgeregt wird) die Strecken nur groß, pompös und schnell sein müssen, dafür aber nicht stark ausgelastet. Wer sich mit den spanischen HGV Projekten beschäftigt, wird viele Neubaustrecken entdecken, bei denen ein Stundentakt (ohne Güterverkehr) schon utopisch erscheint. HGV Züge gar in Doppeltraktion kennt der Spanier noch gar nicht. Auf der anderen Seite hat Spanien für den Schienenverkehr keine Alternativen als neu zu bauen, so sind doch die Altbaustrecken oft in einem erbärmlichen Zustand, was Geschwindigkeiten angeht.

Woher das Geld für die Strecken kommt, und wer es sich leisten soll, darauf später zu fahren, ist nicht Ziel dieses Berichts, aber dennoch ist es eine interessante Angelegenheit! Schon heute fahren viele Fahrgäste lieber mit dem Fernbus, als dem teuren (dafür aber schnellen) AVE durchs Land.

Ich als ICE/TGV/AVE Fan bin natürlich froh, dass Spanien in die (konkurrenzfähige) Schiene investiert - wahrscheinlich würde ein spanischer Ingenieur nur noch lachen können, wenn er den Fortschritt und die langjährigen Diskussionen bei unserer Ried NBS Frankfurt-Mannheim zu hören bekommt. In Spanien würde man die Strecke gnadenlos bauen!


Nun noch einige Dinge, die mir besonders im Hochgeschwindigkeitsverkehr aufgefallen sind:

- In fast allen Städten mit AVE Anschluss (sogar den sehr großen wie Sevilla) gibt es einen großen Bahnhof mit einer sehr übersichtlichen Abfahrtstafel. So verkehrt stündlich ein Zug von Sevilla nach Madrid und mal einer nach Malaga - aber das wars!

Ähnliches sieht man auch in den anderen AVE Städten. Außer Madrid, und Barcelona gibt es fast gar keine Fernverkehrsziele, und wenn, dann nur 1-2 mal täglich. So ist es schon interessant, dass die ganzen Bahnhöfe (trotz unglaublicher Größe) noch nichtmal eine Hand voll Fernzüge in der Stunde abfertigen - kein Vergleich zu Frankfurt, Köln, oder Berlin, wo es Fernverkehrszüge in alle Himmelsrichtungen im 5-Minuten Takt gibt

- Bevor ein AVE Zug losfährt wird klassische Musik über die Lautsprecher im Zug gespielt.

- Das Personal ist überaus freundlich. Auch als nicht-Spanier wird man sehr zuvorkommend bedient. Dies ist nicht bei allen Eisenbahnen so. In den AVE Zügen wird meist englisch gesprochen, während das Personal am Schalter nur spanisch versteht - mit Stift und Zettel kommt man aber auch da zu seiner Fahrkarte.

- Verspätungen gab es in der gesamten Woche meiner Reise KEINE EINZIGE! Weder im AVE, noch in den ganzen anderen Talgo-, Alars- und Avant zügen, die ich alle benutzt habe. Selbst die Nahverkehrszüge auf den maroden Strecken im Gebirge brachten keine Verspätung ein.

- Steckdosen gibt es in der 2. Klasse nicht in allen AVE Zügen. Die (sehr neuen!) Baureihen 102 und 103 (der deutsche Velaro) hatten keine Steckdosen zu bieten.

- Wandfensterplätze sind leider in Spanien weit verbreitet. Dafür haben einige AVE Züge drehbare Sitze, so dass alle Fahrgäste immer in Fahrtrichtung sitzen können. Dies führt dazu, dass man auch in der "Lounge" im Velaro mit dem Rücken zur Lokführerscheibe sitzen kann.

- Viele Züge (auch alle AVE Züge) führen ein Bordbistro ohne Sitze, dafür mit ausreichenden Stehtischen. Leider gibt es dort außer Sandwichs und Süßkram nichts anständiges zu essen. Gerade auf längeren Fahrten möchte man doch einmal gepflegt ein Abendessen zu sich nehmen, bei RENFE nicht möglich!

- Es gibt Sicherheitskontrollen (ähnlich dem Flughafen) mit Durchleuchten des Gepäcks an allen großen Bahnhöfen.
Nur ist das System etwas unausgereift, so dass man bei Umsteigeverbindungen an einem kleinem Bahnhof ohne Gepäckdurchleuchten in den Zug kann, während man später in einen Zug umsteigt, der eigentlich nur nach einer Sicherheitskontrolle zu betreten ist. Sehr inkonsequent!

Noch eine kleine Anekdote zum Schluss:
Es gibt eine HGV Strecke von Madrid nach Valladolid in den norden Spaniens. Diese Strecke ist NICHT an irgendwelche anderen HGV Strecken in Normalspur angebunden (soll aber in den nächsten Jahren geschehen). Daher verkehren dort Züge, die ihre Spurbreite wechseln können. Alle Züge in Richtung Nordspanien nutzen diese Schnellfahrstrecke um bei Valladolid auf die Altbaustrecke mit einem Spurwechsel zu kommen.

Jedoch um Prestige zu zeigen, verkehrt zwischen Valladolid und Madrid ein tägliches Zugpaar mit einer AVE 112 Garnitur (kein Umspuren möglich, nur Normalspur). Dieser Zug wird zur Wartung immer mit einem Rollbock über die Altbaustrecke geschleppt zu einer AVE Werkstatt.
Unglaublicher Wahnsinn, für ein Zugpaar am Tag, dass gerade einmal eine Fahrzeit von 55 Minuten hat - man darf nicht vergessen, dass dieses Zugpaar fast leer verkehrt, da die anderen Züge (trotz ähnlicher Fahrzeit) bedeutend günstiger im Fahrpreis sind.

Ich wünsche noch einen guten Rutsch!

Impressionen vom spanischen Hochgeschwindigkeitsverkehr

TGV99, Montag, 31.12.2012, 14:01 (vor 4832 Tagen) @ JumpUp

Hallo,
vielen Dank für deine Beschreibung des AVEs.Ich war zwar noch nicht dort,aber was ich gelesen hab ist es nicht vergleichbar mit Deutschland,eher mit Frankreich (LGV Rhine Rhone).Ein paar der Baureihen dort finde ich sehr interressant,z.B "Pate" und "El Patito" (102 und 130).Wenn ab April? heute noch nächsten Jahres der TGV 2n2 Barcelona unsicher macht sieht man dort (Barcelona) eine Vielzahl von Hochgeschwindigkeitszügen.
Die Bahnhöfe sehen sehr kurios auf Bildern aus,z.B Zaragoza Delicias,Madrid de Atocha.
Danke nochmals

--
Eisenbahn das Verkehrsmittel der Zukunft!!!

Mit freundlichen Grüßen
TGV99

? Frage zum Fahrgeräusch

GUM, Montag, 31.12.2012, 15:25 (vor 4832 Tagen) @ JumpUp

Interessante, auch atmosphärische Eindrücke. Gestattest Du mir eine Ergänzungfsrage dazu?

Es gibt doch diese schnellfahrenden TALGO-Züge mit den beiden Triebköpfen und den trotzdem kurzen Waggons (so ähnlich wie der DB ICN-Talgo Sitzwagen). Wie fährt sich´s denn so bei Hochgeschwindigkeit?

Ansonsten auch noch danke für die interessanten Eindrücke.

Fehlen die Bilder oder finde ich die bloss nicht?

Tabernaer, Irgendwo im grünen Nirgendwo, Montag, 31.12.2012, 16:36 (vor 4832 Tagen) @ JumpUp

- kein Text -

Prosa only!

JumpUp, Montag, 31.12.2012, 17:35 (vor 4832 Tagen) @ Tabernaer

- kein Text -

Antwort+Ticketpreise

JumpUp, Dienstag, 01.01.2013, 11:10 (vor 4831 Tagen) @ GUM

Der spanische HGV Talgo für 300 km/h ist etwas ganz anderes als die Nachtzugtalgos in Deutschland. Letztere bin ich leider nie gefahren.

Jedenfalls ist dort vom Fahrgeräusch nichts besonderes zu bemerken.

Bemerkenswert für den AVE sind jedoch die Ticketpreise, selbst in Turista (der 2. oder eher 3. Klasse) gibt es Ticket für die 3-stündige Fahrt Madrid-Barcelona auch einen Monat im Vorverkauf nur für rund 100-120 Euro die EINFACHE FAHRT! Ich weiß nicht, wie man mit solchen Preisen den "Normalspanier" auf die Schiene locken kann.

Laut diesem Bericht sind selbst Flüge bedeutend günstiger, wenn man sie ein paar Wochen im Voraus bucht:

http://gospain.about.com/od/traintravelinspain/qt/AVE_prices.htm

Schade... :(

Tabernaer, Irgendwo im grünen Nirgendwo, Dienstag, 01.01.2013, 12:16 (vor 4831 Tagen) @ JumpUp

- kein Text -

Impressionen vom spanischen Hochgeschwindigkeitsverkehr

caboruivo, CH, Dienstag, 01.01.2013, 12:25 (vor 4831 Tagen) @ JumpUp

Weisst du, wie es mit der unterirdischen AVE-Strecke Madrid Chamartín-Madrid Puerta de Atocha zur Zeit vorangeht? Diese soll ja die Insel-SFS nach Valladolid mit dem Rest verbinden.

Impressionen vom spanischen Hochgeschwindigkeitsverkehr

JumpUp, Dienstag, 01.01.2013, 12:37 (vor 4831 Tagen) @ caboruivo

Ab 2014 gibts den Tunnel, jedoch vorerst ohne Halt in Atocha! Züge aus dem Süden können bis nach Valladolid fahren, können aber noch nicht in Atocha halten, dafür muss noch der Bahnhof unterirdische Gleise bekommen.

Impressionen vom spanischen Hochgeschwindigkeitsverkehr

caboruivo, CH, Dienstag, 01.01.2013, 12:39 (vor 4831 Tagen) @ JumpUp

Ab 2014 gibts den Tunnel, jedoch vorerst ohne Halt in Atocha! Züge aus dem Süden können bis nach Valladolid fahren, können aber noch nicht in Atocha halten, dafür muss noch der Bahnhof unterirdische Gleise bekommen.

Wäre das nicht gleichzeitig gegangen?

Wohl nicht, da muss erst Atocha21 gebuddelt werden

JumpUp, Dienstag, 01.01.2013, 13:23 (vor 4831 Tagen) @ caboruivo

- kein Text -

Impressionen vom spanischen Hochgeschwindigkeitsverkehr

mrhuss, FKON, Freitag, 04.01.2013, 00:47 (vor 4829 Tagen) @ JumpUp

- Viele Züge (auch alle AVE Züge) führen ein Bordbistro ohne Sitze, dafür mit ausreichenden Stehtischen. Leider gibt es dort außer Sandwichs und Süßkram nichts anständiges zu essen. Gerade auf längeren Fahrten möchte man doch einmal gepflegt ein Abendessen zu sich nehmen, bei RENFE nicht möglich!

Man kann natürlich einfach die Preferente buchen, da ist dann ein Essen am Platz mit drin.

Antwort+Ticketpreise

mrhuss, FKON, Freitag, 04.01.2013, 00:48 (vor 4829 Tagen) @ JumpUp

Bemerkenswert für den AVE sind jedoch die Ticketpreise, selbst in Turista (der 2. oder eher 3. Klasse) gibt es Ticket für die 3-stündige Fahrt Madrid-Barcelona auch einen Monat im Vorverkauf nur für rund 100-120 Euro die EINFACHE FAHRT! Ich weiß nicht, wie man mit solchen Preisen den "Normalspanier" auf die Schiene locken kann.

Also ich bin heute in der Preferente von Camp de Tarragona nach Atocha für 68,20 € gefahren. Kommt wohl sehr auf das Datum und die Uhrzeit an.

Klingt nett Atocha21

GUM, Freitag, 04.01.2013, 09:50 (vor 4828 Tagen) @ JumpUp

Aber wohin dann mit dem fast schon tropischen Wald?

Klingt nett Atocha21

JumpUp, Freitag, 04.01.2013, 10:22 (vor 4828 Tagen) @ GUM

Der Wald hat mit der Baustelle glaube ich nichts zutun. Der obere Bahnhof bleibt bestehen und wird ergänzt

Ergänzungsfrage: Fahrgeräusch Velaro E

mrhuss, FKON, Freitag, 04.01.2013, 10:37 (vor 4828 Tagen) @ JumpUp

Jedenfalls ist dort vom Fahrgeräusch nichts besonderes zu bemerken.

Wie verhält es sich denn eigentlich so im Velaro E? Mein Eindruck war, dass der Zug im Vergleich zu den deutschen ICE 3 sehr leise ist, aber vielleicht waren wir auch einfach nur im richtigen Wagen...?

Ergänzungsfrage: Fahrgeräusch Velaro E

JumpUp, Freitag, 04.01.2013, 11:07 (vor 4828 Tagen) @ mrhuss

Ich fand ihn sehr ähnlich dem deutschen ICE 3. Das Fahrgeräusch im Tunnel ("FFFFFFFFT, TTTTTTSCHHHHH", auf der KRM stets zu hören) hat der Velaro E genauso bei seinen Fahrten durch die Berge :)

Zigfach leiser als ein gleich schnelles Auto

GUM, Freitag, 04.01.2013, 11:18 (vor 4828 Tagen) @ JumpUp
bearbeitet von GUM, Freitag, 04.01.2013, 11:20

Ich fand ihn sehr ähnlich dem deutschen ICE 3. Das Fahrgeräusch im Tunnel ("FFFFFFFFT, TTTTTTSCHHHHH", auf der KRM stets zu hören) hat der Velaro E genauso bei seinen Fahrten durch die Berge :)

Interessante Assoziation! Da erinnere ich nur an das unangenehm kernige, nervige Geräusch so mancher als Sportfahrzeug verkaufter Individualverkehrsmittel. Da freut sich der Inhaber, wenn er unkomfortabel fast auf der Straße liegt und nur zwei echte und zwei Notsitze im Fonds hat.

Dagegen ist selbst der grüne Nahverkehrszug mit 2+3 ein Raumwunder :-)

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