Unterwegs auf spaniens Hochgeschwindigkeitsstrecken (Reiseberichte)

JumpUp, Dienstag, 18.12.2012, 21:03 (vor 4843 Tagen)

¡Hola! aus Madrid.

Heute hatte ich meine erste Fahrt mit dem spanischen HGV hinter mir und möchte Euch meine Eindrück schildern. Es ging von Valencia nach Madrid, einer Schnellfahrstrecke die vor wenigen Jahren eröffnet wurde. Gefahren wird hier überwiegend mit Zügen der Baureihe 102 oder 112. Beide sehen so aus:

http://www.bombardier.com/files/de/supporting_docs/image_and_media/products/BT-3231-AVE...
Admin-Edit: Fremdbild in Link umgewandelt

Hochgeschwindigkeitsverkehr funktioniert in Spanien anders als in Deutschland. Viel mehr als in allen anderen europäischen Ländern versucht die renfe in Spanien dem Zug einen Flugzeugcharachter zu verleihen indem sie auf Direktverbindungen mit bis zu 310 km/h zwischen den Zentren setzt. Umsteige bzw. Anschlussverbindungen sind so nicht vorgesehen. Auf der renfe Website lassen sich nur Direktverbindungen finden - sollte ausnahmeweiße nicht Madrid als Ziel der Reise sein wird man darauf aufmerksam gemacht, dass man auch eine Umsteigeverbindung wählen kann. Von allein wird diese nicht gefunden!

In kurzen Abschnitten (wie immer ohne Fotos xD) erläutere ich Euch die Besonderheiten:

Die Bahnhöfe:

Abfahrt war in Valencia Joaquin Sorolla, einem neuen Bahnhof (der aber nur als Provisorium dient und in den nächsten Jahren einem neuen Hauptbahnhof weichen soll). Joaquin Sorolla ist reiner Fernverkehrsbahnhof ohne Umsteigebeziehungen und Anschlüsse. Die meisten Züge enden dort. Etwa einen Kilometer weiter nördlich gibt es den "alten" Nordbahnhof von Valencia, welcher sich um den Nahverkehr kümmert.

Joaquin Sorolla ähnelt sehr einem Flughafen, von den Shops (viele Bars und Souvenierläden) über die Abfahrttafel und dem Ankunftsbereich. Es gibt Sicherheitskontrollen um zum Zug zu gelangen, auch die Fahrkarten werden nicht im Zug, sondern an der Sicherheitskontrolle kontrolliert. Kurioserweise wird nur das Gepäck durchleuchtet, einen Metalldetektor für die Personen gibt es nicht. Wahrscheinlich soll die Gepäckkontrolle nur das subjektive Sicherheitsgefühl prägen, aber keinen wirklichen Schutz gegen Anschläge bieten. Leider gibt es in Joaquin Sorolla gar keine anständigen Gastronomien und Bäckereien. Außer McDonalds und den Bars wo man maximal einen Muffin bekommt hat der Bahnhof kulinarisch nichts zu bieten.
In Madrid kommt man in Atocha an, einem unglaublich großen Bahnhof im Zentrum der Stadt mit Verbindungen in alle Richtungen

Der Zug

Wie schon gesagt handelt es sich bei meiner Fahrt um die Baureihe 112, einem Zug der Kategorie AVE. So ganz bin ich noch nicht in die Zugkategorien in Spanien durchgestiegen (Alvant, Alaris, AVE, Euromed, Avant und was es nicht noch alles so gibt...) aber AVE ist die Königsklasse. Nur Züge mit einer vmax von 300 km/h dürfen sich so nennen. AVE verkehren ohne Spurwechsel ausschließlich in Normalspur und nicht auf iberischer Breitspur!

Der Zug führt 3 Klasse (Turista, Preferente, Club). Der Zug war nur wenige Jahre alt und unglaublich gut gepflegt. Außen und Innen sehr sauber, die Fenster waren alle frisch geputzt. Im Gegensatz zu den Zügen der Deutschen Bahn, bei denen man manchmal den Eindruck hat, dass sie recht lieblos gepflegt werden, funktionierte im AVE einfach alles. Die Türen (selbst das Glas an den Zwischentüren) hatten keine Fingerabdrücke, funktionierten und warn sauber. Toiletten mit fehlenden Handtüchern, leeren Seifenspendern o. Ä. findet man im AVE nicht. Selbst die Lüftungschlitze an den Fenstern, in denen oft Staub oder Kaugummis im deutschen ICE kleben, waren sauber, als seien sie neu! Ich war wirklich baff, wie sehr man den Zug pflegt.

Obwohl von Joaquin Sorolla nur etwa ein AVE in der Stunde abfährt (nämlich meist nach Madrid) standen vier Züge auf den Gleisen bereit. Hat die renfe so große Kapazitäten an Zügen, dass man am hellichten Tag einfach mal 3 arbeitslose Züge dort rumstehen lassen kann? Knappe Wendezeiten wie in Deutschland scheinen dort nicht vorzukommen...

Die Fahrt

Die 350 km werden in knapp anderthalb Stunden zurückgelegt. Der Zug beschleunigt in 7 Minuten auf 300 km/h und hält die Geschwindigkeit bis Madrid. Beim AVE gibt es besondere Erstattungskonditionen bei Verspätung, ich glaube bei +15 gibt es 50 % vom Fahrpreis zurück und bei einer halben Stunde Verspätung den gesamten Fahrpreis - also Pünktlichkeit ist Pflicht beim AVE, wobei die ja durch ausnahmelose Schnellfahrstrecken ohne Güterverkehr und ohne Zwischenhalte/Anschlüsse leicht zu bekommen ist. Im Zug gibt es Bildschirme an der Decke und Kopfhörer werden vom Zugpersonal ausgeteilt. Auch hier ist das Gefühl eher wie im Flugzeug:
Bildschirme mit Kopfhörern, keine Zwischehalte und eine Begrüßung in deutsch und englisch mit Ansagen, die man nur aus dem Flugzeug kennt ("Please notice - this is a non-smoking flight today xD). Die Strecke ist landschaftlich überaus spannend. Man fährt auf dem recht hohen Bahndamm durch Mittelgebirge und kann unglaublich weit schauen. Durch die wenigen Tunnel und die gute Sicht ist es Fliegen auf Höhe Null. Die Auslastung war recht gering, etwa 20 Prozent in der Turista. Die meisten Fahrgäste waren Anzugträger und man sah ihnen an, dass sie nicht privat diesen Zug nutzen. Familien oder gar Jugendliche (Studenten in meinem Alter) gab es gar keine. Angeblich seien die Fahrpreise beim AVE für den Normalspanier viel zu teuer.
Mich wundert es etwas, dass man kein clevereres Yield Management macht und in der Turista mit vielen Sparpreisen eine hohe Auslastung an den Tag legt - dies sollte doch gerade durch die non-stop Verbindung problemlos steuerbar sein. Die Konkurrenz zum Flugzeug hat man sowieso schon geschafft :) Was will man mit einem Zug ohne Passagiere?

Interessant ist auch zu sehen, wie dünn besiedelt Spanien in der Mitte des Landes ist. Man sieht auf den 1.5 Stunden Fahrt Küste-Madrid praktisch nur weite Landschaft ohne Dörfer und Städte! Da ist es natürlich auch einfacher, eine SFS zu bauen: Ohne Bürger keine Beschwerden!


Fazit

Alles in Allem eine sehr angenehme Fahrt die aber mit der klassichen Eisenbahn wirklich wenig zutun hat. Ich bin zwar schon mit dem HGV durch ganz Frankreich, Italien und natürlich auch Deutschland gefahren, aber Spanien hat sich "Vorbild Flugzeug" auf die Stirn geschrieben. Auf der einen Seite ist dies natürlich ein Gewinn für das Land, auf der anderen Seite ist es traurig, dass der AVE eine reine Punkt-zu-Punkt Verbindung ist ohne clevere Anschlüsse oder gar ITF. Ich weiß noch nicht, wie ich den AVE einschätzen soll. Die Fahrt hat unglaublich Spass gemacht, aber der praktische Nutzen die Eisenbahn fehlt mir leider.

In den nächsten Tagen werde ich auch die anderen AVE-Strecken testen und bin schon gespannt. Mal sehen wann der erste Velaro für mich fährt...

Unterwegs auf spaniens Hochgeschwindigkeitsstrecken

DG, Dienstag, 18.12.2012, 22:43 (vor 4842 Tagen) @ JumpUp

Muchas gracias für diesen Bericht, einer der wenigen, den ich auch ohne Bilder sehr interessant fand. Das mag daran liegen, dass ich sowieso eine gewisse Iberiaffinität habe, andererseits aber auch daran, dass das für mich neu war, da ich in Spanien bisher weder Züge noch Bahnhöfe näher gesehen habe. Vielleicht muss ich in meinem nächsten Urlaub doch mal Barcelona-Madrid o.Ä. mit dem Zug fahren.

Buenas noches!

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