Mit dem VT642 zum Breslauer Weihnachtsmarkt (Reiseberichte)

Christian_S, Sonntag, 16.12.2012, 15:09 (vor 4845 Tagen)

Neulich habe ich mal das Angebot Dresden-Breslau-Express, eine Kooperation von DB Regio und PKP PR, ausprobiert und bin zum Weihnachtsmarkt in die schlesische Metropole Breslau/Wroclaw gefahren.

Der sog. RE100 verkehrt 3x täglich zwischen Dresden und Breslau, es kommen für Polen zugelassene VT642 zum Einsatz. Zwischen Dresden und Görlitz sind die Züge seit neuestem Bestandteil des RE1-Taktes, halten also auch in Dresden-Mitte, Radeberg usw. In Polen handelt es sich dann zwar auch um Regionalzüge, seit Fahrplanwechsel aber mit noch weniger Halten. Die Fahrt dauert knapp 3 1/2 Stunden, was eine gute Stunde kürzer ist als der IR im Jahre 2000 bzw sogar fast 2 Stunden kürzer als der IR im Jahre 2003.

Da ich abends keine Möglichkeit mehr gehabt hätte, per Bahn nach hause zu kommen, habe ich mich entschlossen, mein Auto in Dresden zu parken. Aufgrund des Striezelmarktes kam ein Parken in der Innenstadt bzw Hbf-Gegend nicht in Frage. Umso günstiger, dass der RE nach Breslau auch in Dresden-Klotzsche hält, was passenderweise auch am nächsten an der Autobahn liegt. Also habe ich dort geparkt.

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Der Dresden-Breslau-Express im tief verschneiten Klotzsche

Als ich zustieg, war der VT gut gefüllt, einen Platz durch dazusetzen zu bekommen ist aber kein Problem. Beim nächsten Halt in Radeberg änderte sich das, dort stiegen ca. 200 Grundschüler samt ihrer Lehrer ein, was den Triebwagen an seine Kapazitätsgrenze brachte. Umfallen konnte jedenfalls niemand mehr. Glücklicherweise fuhren die Schüler aber nur bis zum nächsten Halt Arnsdorf, sodass es ab dort wieder überschaubarer wurde.
So ging es gemütlich dahin durch die tief verschneite Landschaft der Oberlausitz.

Die automatischen Ansagen im Zug finden übrigens während der gesamten Fahrt auf deutsch und polnisch statt.

In Görlitz steigen fast alle Reisende aus. Lediglich etwa 5 oder 6 Reisende fahren weiter über die Grenze, jedoch fand in Görlitz auch ein Zustieg von ca. 15 Reisenden (hauptsächlich Polen, die wohl in Görlitz einkaufen waren) statt. Außerdem wechselt in Görlitz das Zugpersonal, hier übernehmen Tf und 2 ZuB von PKP PR. Das Übergabegespräch zwischen den Tf findet mehr oder weniger mit Händen und Füßen statt aufgrund der Sprachbarriere.
Rumpelnd und mit niedriger Geschwindigkeit geht es über den Neißeviadukt herüber nach Zgorzelec, dem früheren Görlitzer Stadtteil Moys. Es handelt sich um ein Gleisdreieck, nach Südosten zweigt hier die 1922-1946 elektrifizierte Strecke nach Breslau über Lauban ab. Relikte der früheren Elektrifizierung sieht man in Zgorzelec noch immer, mehrere Fahrleistungsmasten samt Auslegern sind unverändert dort stehen geblieben.

Kurze Zeit später hält der Zug dann in Zgorzelec-Miasto (Moys-Stadtbahnhof), wo dann wieder ein erheblicher Zustieg stattfindet. Die große Beinfreiheit ist nun also wieder vorbei.
In Kohlfuhrt/Wegliniec wurden die IR früher wieder auf E-Lok umgespannt, der VT braucht hier nur einen kurzen Halt. Auf der anderen Seite des großen Bahnhofsgebäudes stand der EC "Wawel" nach Hamburg, welcher hier gerade umgespannt wurde.
Nun geht es über die niederschlesische Magistrale immer mehr ost-/südostwärts mit 120 km/h voran. Lediglich 2 La-Stellen an Bahnübergängen mit 10 oder 20 km/h drücken die Durchschnittsgeschwindigkeit. In Bunzlau/Boleslawiec wird der Zug dann richtig voll, es sind nur noch einzelne Plätze frei, ab Liegnitz/Legnica dann so gut wie gar keiner mehr.
Die Strecke ist mittlerweile gut ausgebaut, doch auch hier wie in Deutschland vielerorts von Schallschutzmauern "eingezäunt", was die Sicht manchmal ein wenig trübt. Dennoch ist es eine angenehme Fahrt trotz harter Nahverkehrssitze.
Der Breslauer Vorortbahnhof Lesnica befindet sich im Bauzustand und wird nur mit sehr niedriger Geschwindigkeit (dürften 20 km/h gewesen sein) befahren. Der Planhalt dort fällt also gar nicht weiter auf. Anschliessend wird noch im Nowe Dwor gehalten, bevor durch eine Verbindungskurve und durch Kreuzungsbauwerke der Breslauer Hbf nahezu pünktlich erreicht wird.

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Das Polen ein sehr katholisches Land ist merkt man bereits am Bahnsteig:

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Die Bahnhofshalle wurde aufwendig saniert und macht einen guten Eindruck, ist jedoch noch teilweise durch Absperrbänder etwas eingeschränkt benutzbar. Versorgungsmöglichkeiten, Geldautomat und Wechselstube sowie natürlich die verschiedenen Fahrkartenschalter sind aber allesamt vorhanden und geöffnet.

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Der Hauptbahnhof im letzten Tageslicht

Sehr zu empfehlen ist der Breslauer Weihnachtsmarkt, der rund um das imposante Rathaus stattfindet. Viele nette kleine Buden mit viel Platz zum flanieren machen den Besuch zu einem wirklich lohnenswerten Erlebnis, vor allem vor der Kulisse der wirklich wunderschön und farbenfroh restaurierten Innenstadt rund um den Markt. Breslau war 1945 ja zur Festung erklärt worden und in dessen Folge stark zerstört. Umso erfreulicher zu sehen, was im Laufe der Jahre wieder schönes darauf gemacht wurde!

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Rathaus mit der Glühweinpyramide, dem Mittelpunkt des Weihnachtsmarktes

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Eingang zum Weihnachtsmarkt

Zurück ging es dann mit dem abendlichen RE nach Dresden. Abfahrt in Breslau ist 18:35, also durchaus zu einer guten Zeit für Pendler und Weihnachtsmarktbesucher, weshalb ich einen vollen Zug erwartete. Zu meinem Glück war dieser aber aus 2x642 gebildet, ein 642 steht also tagsüber in Breslau. Trotz 2 VT war der Zug wieder gut besucht, etwa zu 75%, würde ich schätzen. Landschaftlich gab es nun keine Höhepunkte mehr, war es doch längst dunkel. Pünktlich lief die Fahrt ab, in Zgorzelec-Miasto wurde der Zug erwartungsgemäß fast komplett leer, lediglich etwa 10 Leute fuhren mit über die Neiße. In Görlitz wird der hintere VT planmäßig abgehängt. Mit 1x642 und ca. 50 neu zugestiegenen Fahrgästen ging es dann wieder unter DB-Regio-Führung nach Dresden, wo ich pünktlich ankam und mein Auto schon wartete.
Fazit: Breslau ist immer eine Reise wert, unbedingt aber mehr Zeit einplanen als ich das getan habe!

Mit dem VT642 zum Breslauer Weihnachtsmarkt

EC 178, Sonntag, 16.12.2012, 15:24 (vor 4845 Tagen) @ Christian_S

Sehr interessant, vielen Dank für die Reportage.

Allerdings sei mir ein kleiner Hinweis gestattet: PKP PR gibt es nicht (mehr), Przewozy Regionalne (PR) hat nichts mehr mit der PKP-Gruppe zu tun.

Viele Grüße.

EC 178

Oh ok, wusste ich noch nicht

Christian_S, Sonntag, 16.12.2012, 15:47 (vor 4845 Tagen) @ EC 178

Sehr interessant, vielen Dank für die Reportage.

Allerdings sei mir ein kleiner Hinweis gestattet: PKP PR gibt es nicht (mehr), Przewozy Regionalne (PR) hat nichts mehr mit der PKP-Gruppe zu tun.

Oh ok, das war mir noch nicht bekannt. Die Bandansagen im 642 sprechen immer noch von "Danke für die Reise mit PKP PR" ...

Mit dem VT642 zum Breslauer Weihnachtsmarkt

Giovanni, Sonntag, 16.12.2012, 16:21 (vor 4845 Tagen) @ Christian_S

In Polen handelt es sich dann zwar auch um Regionalzüge, seit Fahrplanwechsel aber mit noch weniger Halten.

Der REGIOekspres steht in der "Rangliste" unter dem "Billigzug" TLK von PKPIC, der etwas teurer ist und zumindest teilweise Reservierungen ermöglicht.
Aber immer noch über dem interREGIO, der preisgleich ist, aber keine 1. Klasse oder die in einigen RE vorhandene Klimaanlage oder WLAN bietet.

Eingeführt wurde der RE100 auf dieser Strecke als Pociąg pospieszny - der unserem D-Zug entspricht. Zwischenzeitlich lief er wohl bis Juni 2010 als IR.

"REGIO" steht in den Zugnamen für das EVU Przewozy Regionalne. Im Gegensatz zu PKPIC.

Entsprechend des AEG handelte es sich beim RE100 auch in Deutschland um Züge des Fernverkehrs. Durch das seit Fahrplanwechsel veränderte Fahrplankonzept ist das vermutlich jetzt nicht mehr der Fall.

In Görlitz steigen fast alle Reisende aus. Lediglich etwa 5 oder 6 Reisende fahren weiter über die Grenze, jedoch fand in Görlitz auch ein Zustieg von ca. 15 Reisenden (hauptsächlich Polen, die wohl in Görlitz einkaufen waren) statt. Außerdem wechselt in Görlitz das Zugpersonal, hier übernehmen Tf und 2 ZuB von PKP PR. Das Übergabegespräch zwischen den Tf findet mehr oder weniger mit Händen und Füßen statt aufgrund der Sprachbarriere.

Wie erwähnt handelt es sich bei PR um kein Unternehmen der PKP-Gruppe.
Die Unternehmen sind "beste Feinde"...

In Kohlfuhrt/Wegliniec wurden die IR früher wieder auf E-Lok umgespannt, der VT braucht hier nur einen kurzen Halt.

Auch wenn Görlitz und Zgorzelec elektrifiziert waren, trifft dies interessanterweise nicht auf den Abschnitt zwischen Zgorzelec und Wegliniec zu.
Lokwechsel wurden natürlich nur bei lokbespannten Zügen eingesetzt.
Die letzten IR auf dieser Strecke fuhren ja mit Desiro ;)

Zurück ging es dann mit dem abendlichen RE nach Dresden. Abfahrt in Breslau ist 18:35, also durchaus zu einer guten Zeit für Pendler und Weihnachtsmarktbesucher, weshalb ich einen vollen Zug erwartete. Zu meinem Glück war dieser aber aus 2x642 gebildet, ein 642 steht also tagsüber in Breslau. Trotz 2 VT war der Zug wieder gut besucht, etwa zu 75%, würde ich schätzen. Landschaftlich gab es nun keine Höhepunkte mehr, war es doch längst dunkel. Pünktlich lief die Fahrt ab, in Zgorzelec-Miasto wurde der Zug erwartungsgemäß fast komplett leer, lediglich etwa 10 Leute fuhren mit über die Neiße. In Görlitz wird der hintere VT planmäßig abgehängt.

Angesichts der vor Einführung der 642 im Binnenverkehr durchaus gut gefüllten Doppelstockzüge kann die von dir geschätzten ~180 Fahrgäste fast schon als Enttäuschung betrachten.
Allerdings dürften die höheren Fahrpreise und die in der Anfangszeit extreme Auslastung auch ein paar Fahrgäste gekostet haben. Aber vermutlich braucht man auch eine sehr hohe Auslastung, damit sich die Züge bei den Fahrpreisen rechnen.

--
Wo Logik aufhört fängt das DB-Preissystem an.
2.4.4: "Eine Fahrkarte für eine höhere Produktklasse berechtigt [...] auch zur Beförderung in einer niedrigeren Produktklasse."
Ein Doppelstock-RE ist 4.631,5mm hoch - ein ICE1-Speisewagen nur 4.295mm ;)

Mit dem VT642 zum Breslauer Weihnachtsmarkt

Christian_S, Sonntag, 16.12.2012, 16:43 (vor 4845 Tagen) @ Giovanni


Entsprechend des AEG handelte es sich beim RE100 auch in Deutschland um Züge des Fernverkehrs.

Die aber von Anfang an ausschliesslich von DB Regio betrieben und vermarktet wurden.


Wie erwähnt handelt es sich bei PR um kein Unternehmen der PKP-Gruppe.
Die Unternehmen sind "beste Feinde"...

Wie schon in meiner Antwort auf "EC 178"s Beitrag geschrieben, war mir die Abspaltung von der PKP so noch nicht bekannt. Ich wusste zwar, das PKP Intercity und die Regionalsparte komplett getrennt voneinander agieren und sogar eigene Fahrkartenschalter betreiben, aber ich ging davon aus, das beide noch unter dem Mantel der PKP agieren. So wird es wie gesagt im Zug auch nach wie vor angesagt bei der Begrüssung und Verabschiedung. Jedoch müssen die Ansagen eh mal überarbeitet werden, immerhin kündigt die Bandansage auch nach wie vor die beiden Halte zwischen Liegnitz und Breslau an, die seit Fahrplanwechsel nicht mehr bedient werden vom RE100.


Auch wenn Görlitz und Zgorzelec elektrifiziert waren, trifft dies interessanterweise nicht auf den Abschnitt zwischen Zgorzelec und Wegliniec zu.
Lokwechsel wurden natürlich nur bei lokbespannten Zügen eingesetzt.
Die letzten IR auf dieser Strecke fuhren ja mit Desiro ;)

Ich meinte das in Bezug auf den IR damals in Deutschland. Die fuhren bis 2004 und waren immer lokbespannte Züge. Zunächst mit 5 Wagen, im letzten Fahrplanjahr ihres Verkehrens fiel dann noch der Speisewagen weg.

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