Von Zürich über Mailand nach Venedig (Reiseberichte)

didirahl, Sonntag, 11.11.2012, 22:13 (vor 4879 Tagen)

Wie fährt man von Zürich nach Venedig? Natürlich mit der Bahn, das war für mich keine Frage. Aber wie genau stellt man das an, wenn man in Hamburg wohnt? Klar doch, man recherchiert im Internet. Die deutsche Bahn kennt Fahrpläne, aber keine Preise. Die italienische hat Fahrpläne und Preise, aber man kann keine Fahrkarten kaufen. Die schweizerische SBB dagegen bietet alles, da buche ich! Optional kann man sich die Tickets schicken lassen, das kostet zusätzlich Porto, oder sie an irgendeinem Schweizer Bahnhof abholen. Das mache ich, da ich ja ohnehin in die Schweiz will. Es funktioniert problemlos, gegen den Buchungscode erhalte ich die Fahrkarten, und pünktlich stehe ich am Reisetag am Abfahrgleis. Zürich hat einen Kopfbahnhof, an jedem Gleiszugang hängt eine große Anzeigetafel. „Mailand“ steht da und „Eurocity“ und dann: „Ersatzzug“. Was soll mir das sagen? Immerhin keine Verspätung, denke ich und begebe mich dahin, wo laut Plan mein Wagen zum Halten kommen soll. Der Zug fährt ein, er startet hier und ist deshalb leer, aber die Wagen sind nicht nummeriert. Auch drinnen finden nicht alle Fahrgäste ihren reservierten Platz, weil die Sitze andere Nummern haben als die Platzkarten ausweisen. Man möge sich setzen, wo immer man möchte! Zum Glück erwische ich einen Fensterplatz ohne Gegenüber und kann es mir bequem machen. Reisefieber habe ich immer, und so etwas erzeugt zusätzlichen Stress. Trotzdem bin ich begeisterter Bahnfahrer, und nun geht es los!

Der Schweizer EC vom Typ Pendolino fährt pünktlich ab, taucht zunächst in die Dunkelheit eines langen Tunnels und kommt direkt am Zürichsee wieder ans Tageslicht. Eine Weile kann ich den schönen Blick über den See genießen, dann biegen wir nach Süden ab und schrauben uns in die Höhe. Wenn ich aufmerksam gucke, bemerke ich das leichte Pendeln des Neigezugs in den Kurven. Nach kurzer Zeit gleiten wir zuerst am Zuger, dann am Vierwaldstätter See entlang.. Während der Zürichsee auf meiner Seite links zur Fahrtrichtung lag, sind diese rechts zu sehen. Schade, es ist zu voll, um mal eben die Seite zu wechseln. Dafür erscheint in meinem Blickfeld die Baustelle zum neuen Gotthard-Basistunnel mit Geröllbergen, Gleisen, und Maschinen aller Art. 57 Kilometer lang soll der neue Tunnel werden und die Fahrzeit meines Zuges um eine Stunde verringern. Ich frage mich, ob es mir Spaß bringen wird, eine halbe Stunde lang im Dunkeln zu fahren statt auf die Berge zu blicken. Wir fahren in den derzeitigen Gotthard-Tunnel ein, der mir schon jetzt lang genug ist. Ab Lugano kann ich auf den Luganer See blicken. Er wird von hohen Bergen eingerahmt, während die anderen Seen in einer Hügellandschaft eingebettet waren. Das Zielschild im Wagen zeigt beharrlich Milano an, aber kurz vor der italienischen Grenze in Chiasso kommt eine Durchsage auf Deutsch und Italienisch: Dieser Zug endet, in Chiasso bitte alle umsteigen! Die Sache mit dem Ersatzug musste ja einen Haken haben! Diese Strecke ist berüchtigt für so etwas. Vor ein oder zwei Jahren gab es noch eine Gesellschaft mit Namen Cisalpino, die die Verbindung betrieb. Die Züge hatten aber ewig Ausfälle und Verspätungen, so dass die Schweizer und Italienische Bahn die Führung wieder selbst übernahmen. Das klappt aber auch nicht, wie man sieht. Auf der anderen Gangseite sitzen zwei junge Damen, die sich auf Englisch unterhalten. Alle Passagiere sind am Packen, nur sie reagieren gar nicht. Ich spreche sie an und frage, ob sie die Durchsage verstanden hätten. Sie schütteln mit dem Kopf. Ich erkläre ihnen, dass sie gleich aussteigen müssten, und plötzlich geraten sie in Hektik. Schnell die Bücher und den Laptop einpacken und schon halten wir.

Der andere Zug, diesmal ein italienischer, hält am gleichen Bahnsteig. Aber man kann nicht einfach hinübergehen, dazwischen ist ein kleines Abfertigungsgebäude, in das wir alle hinein müssen. Einige arabisch aussehende Reisende werden herausgepickt und müssen ihre Koffer öffnen. Alle anderen gehen durch eine einzelne Tür wieder heraus, vorbei an Polizisten mit Hunden, die am Gepäck schnüffeln. Beim neuen Zug stimmen die Platzkarten und es ist deutlich leerer. Haben wir mehr Wagen bekommen? Zum Nachzählen bleibt keine Zeit, wir fahren weiter, verlassen die Alpen, das Land wird flach, und wir erreichen nach für mich viel zu kurzer Fahrt Mailand. Kein Schaffner ließ sich blicken, so dass ich nicht nach meinem Anschluss fragen konnte. Eine Viertelstunde habe ich laut Plan zum Umsteigen Zeit, aber die haben wir an der Grenze verloren. Wenn der Anschluss nach Venedig am gleichen Bahnsteig hält, könnte ich es noch schaffen. Ich sitze im Wagen 1 und ich soll auch wieder in den Wagen 1, das könnte doch direkt gegenüber sein? Also los! Ich packe mir meinen Koffer und postiere mich rechtzeitig an der Tür. Wir kommen zum Halten, ich steige aus - aber gegenüber befindet sich nur ein leeres Gleis. Mist!

Mailand ist ein Kopfbahnhof und ich stehe ganz hinten am letzten Wagen. Sollte der Zug nach Venedig pünktlich abfahren, habe ich keine Chance, denn ich müsste den gesamten Bahnsteig bis zum Anfang zu ablaufen und dann auch noch das nächste Gleis zu suchen. Ich habe zwar eine Karte zum Normaltarif gekauft, aber eine Reservierung war obligatorisch. Darf ich also einfach den nächsten Zug nehmen oder muss ich erst zum Schalter, womöglich noch die Verspätung genehmigen lassen? Hinter mir führt eine Treppe nach unten, da muss doch wohl ein Gang zu den Nachbarbahnsteigen sein? Niemand benutzt sie, es sieht auch ziemlich dunkel und wenig einladend aus. Aber, so denke ich, das ist meine letzte Chance! Ich stürze hinunter und tatsächlich gibt es unten Anzeigen. Da steht's: Venezia! Ich haste eine Treppe wieder hinauf, oben winkt ein Schaffner aus einer geöffneten Tür zur Abfahrt, ich springe an ihm vorbei in den Zug, und schon schließt sie sich und die Fahrt beginnt. Das war aber knapp! Ich sehe mich um und entdecke das Wagenschild: Ich bin im richtigen Zug! Aber im falschen Wagen, hier ist die Reihung umgekehrt und Wagen 1 befindet sich am anderen Ende. Alle Plätze sind besetzt, ich kann mich nicht irgendwo hinsetzen, also muss ich samt Gepäck durch den gesamten Zug laufen. Schließlich erreiche ich meinen Sitz und er ist tatsächlich noch frei, so dass ich nicht auch noch jemanden verjagen muss. Geschafft – Venedig ich komme!

Mehr über meine Bahnreisen in Deutschland und Europa gibt es hier:
https://sites.google.com/site/einfeinerzug/

Von Zürich über Mailand nach Venedig

Twindexx, St. Gallen (CH), Sonntag, 11.11.2012, 22:53 (vor 4879 Tagen) @ didirahl
bearbeitet von Twindexx, Sonntag, 11.11.2012, 22:56

Hoi,

Auch drinnen finden nicht alle Fahrgäste ihren reservierten Platz, weil die Sitze andere Nummern haben als die Platzkarten ausweisen. Man möge sich setzen, wo immer man möchte!

First come - first serve. Das ist das schweizer Prinzip. Wer im schweizer Inlandsverkehr reserviert, outet sich im übrigen als Tourist. Reservationen in schweizer Fernzügen sind extrem selten.
Daher wird meist auf die Nennung von Zugs- oder Wagennummern verzichtet.

Zum Glück erwische ich einen Fensterplatz ohne Gegenüber und kann es mir bequem machen.

Die überwiegende Mehrheit der Schweizer liebt vis-à-vis-Bestuhlung. Deshalb gibt es in schweizer Zügen nur sehr wenig bis gar keine Reihensitze.

Der Schweizer EC vom Typ Pendolino fährt pünktlich ab, taucht zunächst in die Dunkelheit eines langen Tunnels und kommt direkt am Zürichsee wieder ans Tageslicht.

Wenn der Zug nur bis Chiasso fuhr, war es mit grosser Wahrscheinlichkeit kein Pendolino, sondern ein ICN (Intercity-Neigezug, RABDe 500) oder?

Das Zielschild im Wagen zeigt beharrlich Milano an,

Das ist Absicht, damit Reisende nach Milano auch klar wissen, dass das ihr Zug ist. Nicht das Reisende nach Milano nicht einsteigen, weil da nur Chiasso draufsteht.

Die Züge hatten aber ewig Ausfälle und Verspätungen, so dass die Schweizer und Italienische Bahn die Führung wieder selbst übernahmen. Das klappt aber auch nicht, wie man sieht.

Das sind auch immernoch dieselben Pendolini. Die Züge können ja nicht von heute auf morgen ersetzt werden. Im schweizer Abschnitt versuchen die SBB die Probleme mit dem Einsatz ihrer zuverlässigen ICN abzumildern.
Für ab Ende 2014 haben die SBB acht neue Triebzüge des neueren und zuverlässigeren Pendolino-Typs ETR 610 nachbestellt, die dann im internationalen Verkehr mit Italien auf der Gotthardstrecke für einen zuverlässigeren Betrieb sorgen sollen. Für den Betrieb in den NEAT-Basistunnel wurden von den SBB zusätzlich 29 neue Fernzüge ausgeschrieben, die ab Ende 2017 zum Einsatz kommen sollen. Die ETR 610 sind also nur eine Übergangslösung um so schnell als möglich die unzuverlässigen Cisalpino-Pendolini des Typs ETR 470 ausrangieren zu können.

Der andere Zug, diesmal ein italienischer, hält am gleichen Bahnsteig.

Das wird dann einer der ETR 470 gewesen sein, die Trenitalia bekommen hat nach dem Cisalpino-Aus. Von den fünf ist derzeit maximal nur einer einsatzfähig, ein anderer kann nicht mehr unter AC verkehren.

Beim neuen Zug stimmen die Platzkarten und es ist deutlich leerer. Haben wir mehr Wagen bekommen?

Dann wird es ein FS-ETR-470 gewesen sein. Die ETR 470 haben neun Wagen, die ICN in Einfachtraktion sieben.


Und der Rest hat dann auch noch gut geklappt. Das Ersatzkonzept am Gotthard ist eigentlich nicht weiter stressig. Für den nationalen Verkehr fahren zuverlässige ICN der SBB. Für den internationalen Verkehr ist man noch auf die Cisalpino-Pendolini angewiesen. In einem Fall verkehren als Ersatz durchgehende lokbespannte Wagenzüge. Grundsätzlich sind die vier ETR 470, die die SBB übernommen haben, deutlich zuverlässiger als die fünf der FS.


Grüsse aus der Ostschweiz.

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[image]

Aktuell im Einsatz auf den Linien IC 1, IC 2, IC 3, IC 21, IR 13, IR 15, IR 27 und IR 70:
Der SBB FV-Dosto.

Von Zürich über Mailand nach Venedig

didirahl, Samstag, 26.01.2013, 22:12 (vor 4803 Tagen) @ Twindexx

Hallo Twindexx,
vielen Dank für die fundierte Ergänzung, hier scheint der Fachmann am Werk zu sein! So genau wusste ich das nicht, ich fahre einfach!

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