Rajzefiber – 7 Tage auf Schienen unterwegs (m.v.Bild.) [3/3] (Reiseberichte)

TD, Dienstag, 21.08.2012, 17:41 (vor 4960 Tagen)

Wir sind schon beim dritten und letzten Teil dieser Tour angekommen, Teil 2 hat uns gestern nach Posen gebracht.


Tag 6: Posen – Kattowitz – Wien

So, heute wird es heftig, wir fahren fast 12 Stunden Zug, nur unterbrochen durch einen knapp 20-minütigen Umstieg in Kattowitz (Katowice). Zunächst schauen wir aber noch den Bahnhof von Posen an. Hier entsteht ein Neubau...

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...der sich teilweise noch im Rohbau befindet...

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...in der anderen Hälfte aber schon fertig und in Betrieb ist.

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Mit den blauen Anzeigentafeln und den bekannten Ladenketten fühlt man sich auf einen deutschen Bahnhof versetzt – die Bäckerketten bringen sogar deutsche Brötchentüten mit.

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Daneben das alte Gebäude

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Bis Kattowitz fahren wir etwa 6 Stunden mit dem TLK „Kossak“ über Breslau (Wrocław) gen Süden.

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Die Landschaft ist etwas lieblicher als auf der gestrigen Fahrt aber auch nicht viel aufregender, der Zug rattert weiterhin über das flache Land, ich habe den Eindruck, die Strecke führt ohne Kurven immer nur geradeaus.

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Leider haben wir auch diesmal wieder nur die Gangplätze in einem voll besetzten Abteil. Da es keine Durchsagen im Zug gibt, bin ich froh, dass ich den Fahrplan mit Zwischenhalten ausgedruckt habe, um mich etwas zu orientieren. Allerdings beunruhigt mich dieser Plan auch, denn Breslau haben wir mit einer Verspätung von 20 Minuten verlassen – und unsere Übergangszeit in Kattowitz beträgt 19 Minuten. Das ist der einzige Übergang auf der Tour, der mir schon bei der Planung etwas Sorge bereitet hat, zumal es keinen Plan B gibt, falls der Übergang nicht klappt.

Mit Sorge vergleiche ich nun bei jedem Halt die Soll- und Istzeiten, die Verspätung wird etwas weniger. So schön zwischendurch auch mal eine rustikale Bahnfahrt ist, 6 Stunden im Hochsommer sind dann doch grenzwertig, noch dazu wenn der Zug zwischen Kedzierzyn Kozle und Gliwice mit gerade mal Tempo 30 unterwegs ist.

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Da bekommt man während der Fahrt am offenen Fenster fast einen Sonnenbrand und riecht dafür hinterher auch richtig nach Eisenbahn. Mit 12 Minuten Verspätung erreichen wir schließlich Kattowitz, gerade als wir auf dem Peron ankommen, fährt auch schon der EC aus Warschau zur Weiterfahrt nach Wien ein.

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Nach der Fahrt im TLK ist das klimatisierte Abteil eine Wohltat. Eine höhere Geschwindigkeit ist mit der höheren Zuggattung aber erst mal nicht verbunden, es geht im Schneckentempo weiter, bis zum nächsten Halt in Zebrzydowice baut der Zug eine Verspätung von 30 Minuten auf. Aber da heute Abend nur noch das Hotelzimmer wartet, ist uns die Verspätung jetzt egal.

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Fahrt durch das Olsagebiet

Wir gehen jetzt zur Kaffeezeit erst mal in den Speisewagen für einen leckeren Schokokuchen.

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Lokwechsel in Bohumin

Den ersten tschechischen Bahnhof Bohumin verlassen wir nach dem Lokwechsel weiterhin mit einer Verspätung von 30 Minuten. Auf der tschechischen Seite nimmt die Geschwindigkeit nun deutlich zu, auch landschaftlich ist die Strecke nun schöner.

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Burg Helfštýn

In Breclav findet der nächste Lokwechsel statt, ab jetzt zieht uns ein ÖBB-Taurus. Unsere Verspätung sinkt bis zum Wiener Westbahnhof auf 12 Minuten.

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Fahrt auf der österreichischen Nordbahn

Obwohl die Klimaanlage läuft, ist es im Zug gefühlt sehr warm. Als wir in Wien aussteigen, merke ich auch warum: es ist draußen extrem heiß und schwül.

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Obwohl wir nach 12 Stunden Zugfahrt nicht mehr besonders unternehmungslustig sind, fahren wir mit der U-Bahn noch kurz an den Stephansplatz und beschließen dann den Tag.

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Tag 7: Wien – Salzburg – München – Konstanz

Heute steht also nun die Rückfahrt von Wien an den Bodensee an. Bevor wir aber in den Zug steigen, gibt es noch einen anderen Programmpunkt. Mit der Straßenbahn fahren wir zum Südtiroler Platz und besuchen das „Bahnorama“, einen Aussichtsturm mit Blick auf die Baustelle des neuen Wiener Hauptbahnhofs.

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Bahnorama-Aussichtssturm

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Zunächst ein Blick über die Dächer Wiens...

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...dann wenden wir uns dem neuen Hauptbahnhof zu.

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Mit der Straßenbahn geht es nun an den Westbahnhof, wo wir mit der Westbahn den nächsten privaten Fernverkehrsanbieter testen.

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„Wir begrüßen Sie auf der Fahrt von der Bundeshauptstadt in das schönste Bundesland“ – mit dieser Durchsage beginnt unsere Fahrt. Die erste Klasse heißt hier „Westclub", es gibt zwar Vierer-Bestuhlung, es bleiben aber stets die Gangplätze frei (deshalb auch die blauen Bänder mit der Aufschrift „Für Ihren Komfort reserviert“).

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Auf der landschaftlich schönen Strecke durch den Wienerwald schaue ich noch aus dem Fenster, dann tippe ich den nächsten Teil des Reiseberichts und probiere den Internetzugang aus, denn es gibt im ganzen Zug Gratis-WLAN (“Westlan“).

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Im Westclub gibt es Gratis-Getränk

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Irgendwo auf der Westbahn (kennt sich jemand aus - was habe ich denn hier fotografiert?)

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Westbahn-Café

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Und noch mal: welche Kirche habe ich hier erwischt?

Ich hatte die Westbahnstrecke als ziemlich mit Lärmschutzwänden verbaut in Erinnerung, aber hier vom Oberdeck aus kann man bequem über die Wände hinwegschauen.

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„Rat und Tat im Zug“ - ich bin echt begeistert von dem Angebot und dem freundlichen und aufmerksamen Service. Auch die Lautsprecherdurchsagen gefallen mir, sie klingen individuell und freundlich und nicht nach abgelesenen Standardtexten – wobei man sich einen kleinen Seitenhieb auf die ÖBB nicht verkneifen kann: statt der Ansage, dass der Zug wegen Einschränkungen durch die ÖBB Infrastruktur nur bis Salzburg und nicht bis Freilassing fährt, könnte man auch einfach sagen, dass es Bauarbeiten auf der Strecke gibt.
Und in der Toilette hängt sogar ein Kontrollzettel, wann die Toilette zuletzt gereinigt wurde (heute bereits 3 Mal).
Wow, das Westbahn-Konzept beeindruckt mich, so macht Bahnreisen Spaß! Im Vergleich zu dieser Art des privaten Fernverkehrs wirkt der HKX geradezu stümperhaft.

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Die Abschiedsdurchsage, in der das Team namentlich genannt wird (Babsi, Jojo und die anderen) bleibt mir als letztes in Erinnerung an eine schöne Fahrt.
Ich habe nur drei kleine Verbesserungsvorschläge: wenn man beim Online-Ticket den Barcode anders platziert um es besser falten zu können wäre das praktischer, außerdem führt die komische Klassenbezeichnung zu Missverständnissen, weil viele Fahrgäste nicht kapieren, dass Westclub die aufpreispflichtige 1. Klasse ist. Und ein Mistkübel (Abfallbehälter) am Platz wäre auch schön.

Es geht gleich weiter...

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Rajzefiber – 7 Tage auf Schienen unterwegs (m.v.Bild.) [3/3]

TD, Dienstag, 21.08.2012, 17:53 (vor 4960 Tagen) @ TD

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Bahnhof Salzburg

In Salzburg haben wir nun knapp 30 Minuten Zeit um gemütlich umzusteigen. Weiter geht es nun mit einem Railjet nach München. Die vergleichsweise kurze Strecke fahren wir in der First Class, wie immer sind viele japanische und amerikanische Touristen im Zug (das fällt mir auf dieser Strecke immer besonders auf, München, Salzburg und Wien gehören wohl zu den Highlights vieler Europareisen). Wie Ihr gestern schon bemerkt habt, gehöre ich kulinarisch eher zu der süßen Sorte, und so gibt es nun noch ein Stück Sachertorte für mich - und einen Apfelstrudel für meinen Bruder.

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Kulinarisch geht dieser Punkt an die ÖBB - und eine Porzellantasse hat doch mehr Stil als ein Pappbecher. Mit den Tischen im Railjet stehe ich allerdings auf Kriegsfuß: wenn man sich zu sehr mit den Ellenbogen aufstützt, fährt das Ausklappteil ein und im schlimmsten Fall klemmt man sich noch ein. Ansonsten ist die Fahrt angenehm und ohne besondere Vorkommnisse.

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Ob es den Schriftzug im Blickfeld wirklich braucht? Jedenfalls wäre das der Chiemsee.

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Ankunft in München

In München haben wir wieder eine gute halbe Stunde Aufenthalt (in der Lounge gibt’s diesmal Lavendel-Kuchen), dann besteigen wir den Alex.

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Und hier nimmt nun das Unheil Nr. 1 seinen Lauf. Geplant war eine gemütliche Fahrt durch das Allgäu, nur hat der Alex aber keine Wagen nach Lindau und es klärt sich auf, dass wegen Bauarbeiten nur der Oberstdorfer Teil fährt und ab Immenstadt SEV besteht. Das wundert mich etwas, denn die Fahrkarte hatte ich erst vor gut 3 Wochen gebucht und dass so kurzfristig Bauarbeiten mit SEV durchgeführt werden?

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Ok, jetzt heißt es spontan umplanen, denn auf SEV habe ich keine Lust. Und es gibt sogar eine Verbindung, bei der zwar der Aufenthalt in Lindau flöten geht, aber wir dann wieder im ursprünglichen Plan sind. Uns so fahren wir mit dem Alex nur bis Buchloe und von dort mit Umstiegen in Memmingen und Kißlegg nach Friedrichshafen.

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Desiro der Kneipp-Lechfeld-Bahn

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Zwei in eins: in Memmingen steigen wir auf ein Regioshuttle um, im Spiegelbild der Desiro, der uns aus Buchloe hierher gebracht hat.

Naja, so lerne ich noch eine neue Strecke kennen, auch wenn die Fahrt über Kempten landschaftlich schöner gewesen wäre. Wir sitzen ab Kißlegg nun genau in der Regionalbahn, in die wir sonst in Lindau eingestiegen wären.

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Nostalgisch geht es per BR 628 weiter nach Lindau und Friedrichshafen.

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Bodenseedamm in Lindau

In Lindau haben wir etwas Aufenthalt und ich merke schon, hier stimmt was nicht. Ich schnappe von den neu einsteigenden Fahrgästen Wortfetzten wir „Streckensperrung“ und „wie komme ich denn jetzt nach Hause“ auf und dann kommt auch schon die Durchsage „Wegen eines Bombenfunds in Friedrichshafen ist die Strecke gesperrt, wir fahren nur bis Eriskirch, die Transportleitung organisiert einen SEV nach Friedrichshafen“.
Rückblickend betrachtet wäre es wahrscheinlich besser gewesen, auszusteigen und am schweizerischen Ufer nach Konstanz zu fahren (wäre das eigentlich von den Fahrgastrechten abgedeckt gewesen? Gut, dass unser Inlandsticket dort nicht gilt, ist klar, aber wäre ein neues Ticket erstattbar gewesen - mal abgesehen davon, ob ein Bombenfund höhere Gewalt ist?). Aber das ist jetzt ohnehin eine hypothetische Frage, denn wir sind im Zug sitzen geblieben und zusammen mit allen anderen Fahrgästen in Eriskirch ausgestiegen. Die letzte Info aus dem Zug war, dass ein Bus bereits unterwegs sei und gegen 19.15 Uhr eintreffen wird.

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Endstation in Eriskirch

Von anderen Strecken kenne ich es teilweise, dass am Bahnsteig ein Schild hängt, wo sich die Haltestelle für den Fall eines Ersatzverkehrs befindet. Ein solches Schild gibt es hier nicht, und die Fahrgäste warten nun vor dem Bahnhof auf einen Bus. Der Lokführer und eine Zugbegleiterin eines anderen ausgefallenen Zuges stehen ebenfalls bei den Fahrgästen, ein- oder zwei Wichtigtuer meinen sich aufregen zu müssen, insgesamt ist die Stimmung aber ganz entspannt und die Fahrgäste zeigen Verständnis, dass man für den Bombenfund die Bahn kaum verantwortlich machen kann. Nur der Bus kommt nicht. Die Zugbegleiterin telefoniert nochmals mit der Transportleitung und kommt dann mit zwei Nachrichten zurück: der vermeintliche SEV bestand aus einem regulären Linienbus, der eine Haltestelle eine Straße weiter angefahren hat, nun aber längst weg ist, dafür sei die Streckensperrung aufgehoben und der nächste Zug fahre planmäßig bis Friedrichshafen. Tja, was soll man dazu sagen?

Während wir also nun auf die nächste Regionalbahn warten, spiele ich etwas am Fahrkartenautomaten und siehe da: der hätte es besser gewusst und spukt einen Reiseplan aus, der mit einem Fußweg zur nächsten Bushaltestelle beginnt.

Die meisten Fahrgäste nehmen‘s locker und tatsächlich kommt eine Stunde nach unserer Ankunft in Eriskirch die nächste Regionalbahn, die nun bis Friedrichshafen fährt.

Mehr als diese Verspätung ärgert mich, dass wir nun um den Bodensee nicht den schnellen Regionalexpress haben, sondern nun noch eine halbe Stunde warten müssen und dann mit der Bummelbahn um den See zuckeln müssen. Wenn man seit morgens halb zehn unterwegs ist, hätte das jetzt nicht mehr unbedingt sein müssen – da kann auch die schöne Abendstimmung am See nicht so recht trösten. Aber gut, es hätte schlimmer kommen können, irgendwo in Polen zu stranden, wo man die Sprache nicht versteht und dann die internationalen Anschlüsse weg sind, wäre wohl um einiges unangenehmer gewesen.

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Mit dem „Seehänsele“ geht es jetzt noch um den Bodensee

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Eigentlich hatte ich einen etwas anderen Abschluss der Tour geplant und so fahren wir etwas frustriert bis Radolfzell und lassen uns dort abholen.

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Radolfzell

Ach so, die bei Bauarbeiten am ehemaligen Güterbahnhof von Friedrichshafen entdeckte vermeintliche Fliegerbombe hat sich am nächsten Morgen als „kegelförmiger Holzklotz“ entpuppt...


Viele Grüße


Tobias


PS: Meine früheren Reiseberichte gibt’s unter www.bahnreiseberichte.de.

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Rajzefiber – 7 Tage auf Schienen unterwegs (m.v.Bild.) [3/3]

naseweiß, Dienstag, 21.08.2012, 18:29 (vor 4960 Tagen) @ TD

Sehr schöner Bericht, man könnte fast meinen, man ist selbst mitgefahren ;)

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Rajzefiber – 7 Tage auf Schienen unterwegs (m.v.Bild.) [3/3]

moonglum, Hagen, Dienstag, 21.08.2012, 20:56 (vor 4960 Tagen) @ TD

Superklasse, bin richtig mitgereist...

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Schöne Grüße aus den EC 6/7/8/9,
wo es Wein in Karaffen, keine Mikrowelle und kein in Schüsseln gepamptes Essen gibt.

https://adobe.ly/2PMZyEV

Rajzefiber – 7 Tage auf Schienen unterwegs (m.v.Bild.) [3/3]

oppermad, Wuppertal/Wunstorf, Dienstag, 21.08.2012, 22:11 (vor 4960 Tagen) @ moonglum

Moin,

Superklasse, bin richtig mitgereist...

das ging mir auch so. Vielen Dank dafür! Offensichtlich hast du sehr viel Talent, die Fahrten so gut zu kommunizeren, daß man als Leser schon mitfiebert, ob Anschlüsse klappen, einem eingeheizt wird, ...

Ich gehöre einem kleinen Verein an, da gibt es einen ehemaligen Reisebusfahrer und jetzigen Rentner. Der hat es auch drauf. Wenn er erzählt, wird es ganz still. Da denke ich, ich wäre life dabei, wenn es an der Grenze zur DDR mal wieder dauert, weil dort ein "Genosse" seine Autorität demonstrieren will ;-)

Wenn ihr mal wieder auf Tour (gewesen) seid, fahre ich gerne wieder mit!
Viele Grüße,

Dirk

Toll - Danke!

Markus, NNST, Mittwoch, 22.08.2012, 07:57 (vor 4960 Tagen) @ TD

- kein Text -

Rajzefiber – 7 Tage auf Schienen unterwegs (m.v.Bild.) [3/3]

101-Fan, Köln, Samstag, 25.08.2012, 16:32 (vor 4956 Tagen) @ TD

Hallo,

vielen Dank für den tollen Bericht. Hat richtig Spass gemacht zu lesen. Auch für die super Bilder herzlichen Dank.

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Es grüsst aus Köln
Markus

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