Rajzefiber – 7 Tage auf Schienen unterwegs (m.v.Bild.) [3/3] (Reiseberichte)
Wir sind schon beim dritten und letzten Teil dieser Tour angekommen, Teil 2 hat uns gestern nach Posen gebracht.
Tag 6: Posen – Kattowitz – Wien
So, heute wird es heftig, wir fahren fast 12 Stunden Zug, nur unterbrochen durch einen knapp 20-minütigen Umstieg in Kattowitz (Katowice). Zunächst schauen wir aber noch den Bahnhof von Posen an. Hier entsteht ein Neubau...
...der sich teilweise noch im Rohbau befindet...
...in der anderen Hälfte aber schon fertig und in Betrieb ist.
Mit den blauen Anzeigentafeln und den bekannten Ladenketten fühlt man sich auf einen deutschen Bahnhof versetzt – die Bäckerketten bringen sogar deutsche Brötchentüten mit.
Daneben das alte Gebäude
Bis Kattowitz fahren wir etwa 6 Stunden mit dem TLK „Kossak“ über Breslau (Wrocław) gen Süden.
Die Landschaft ist etwas lieblicher als auf der gestrigen Fahrt aber auch nicht viel aufregender, der Zug rattert weiterhin über das flache Land, ich habe den Eindruck, die Strecke führt ohne Kurven immer nur geradeaus.
Leider haben wir auch diesmal wieder nur die Gangplätze in einem voll besetzten Abteil. Da es keine Durchsagen im Zug gibt, bin ich froh, dass ich den Fahrplan mit Zwischenhalten ausgedruckt habe, um mich etwas zu orientieren. Allerdings beunruhigt mich dieser Plan auch, denn Breslau haben wir mit einer Verspätung von 20 Minuten verlassen – und unsere Übergangszeit in Kattowitz beträgt 19 Minuten. Das ist der einzige Übergang auf der Tour, der mir schon bei der Planung etwas Sorge bereitet hat, zumal es keinen Plan B gibt, falls der Übergang nicht klappt.
Mit Sorge vergleiche ich nun bei jedem Halt die Soll- und Istzeiten, die Verspätung wird etwas weniger. So schön zwischendurch auch mal eine rustikale Bahnfahrt ist, 6 Stunden im Hochsommer sind dann doch grenzwertig, noch dazu wenn der Zug zwischen Kedzierzyn Kozle und Gliwice mit gerade mal Tempo 30 unterwegs ist.
Da bekommt man während der Fahrt am offenen Fenster fast einen Sonnenbrand und riecht dafür hinterher auch richtig nach Eisenbahn. Mit 12 Minuten Verspätung erreichen wir schließlich Kattowitz, gerade als wir auf dem Peron ankommen, fährt auch schon der EC aus Warschau zur Weiterfahrt nach Wien ein.
Nach der Fahrt im TLK ist das klimatisierte Abteil eine Wohltat. Eine höhere Geschwindigkeit ist mit der höheren Zuggattung aber erst mal nicht verbunden, es geht im Schneckentempo weiter, bis zum nächsten Halt in Zebrzydowice baut der Zug eine Verspätung von 30 Minuten auf. Aber da heute Abend nur noch das Hotelzimmer wartet, ist uns die Verspätung jetzt egal.
Fahrt durch das Olsagebiet
Wir gehen jetzt zur Kaffeezeit erst mal in den Speisewagen für einen leckeren Schokokuchen.
Lokwechsel in Bohumin
Den ersten tschechischen Bahnhof Bohumin verlassen wir nach dem Lokwechsel weiterhin mit einer Verspätung von 30 Minuten. Auf der tschechischen Seite nimmt die Geschwindigkeit nun deutlich zu, auch landschaftlich ist die Strecke nun schöner.
Burg Helfštýn
In Breclav findet der nächste Lokwechsel statt, ab jetzt zieht uns ein ÖBB-Taurus. Unsere Verspätung sinkt bis zum Wiener Westbahnhof auf 12 Minuten.
Fahrt auf der österreichischen Nordbahn
Obwohl die Klimaanlage läuft, ist es im Zug gefühlt sehr warm. Als wir in Wien aussteigen, merke ich auch warum: es ist draußen extrem heiß und schwül.
Obwohl wir nach 12 Stunden Zugfahrt nicht mehr besonders unternehmungslustig sind, fahren wir mit der U-Bahn noch kurz an den Stephansplatz und beschließen dann den Tag.
Tag 7: Wien – Salzburg – München – Konstanz
Heute steht also nun die Rückfahrt von Wien an den Bodensee an. Bevor wir aber in den Zug steigen, gibt es noch einen anderen Programmpunkt. Mit der Straßenbahn fahren wir zum Südtiroler Platz und besuchen das „Bahnorama“, einen Aussichtsturm mit Blick auf die Baustelle des neuen Wiener Hauptbahnhofs.
Bahnorama-Aussichtssturm
Zunächst ein Blick über die Dächer Wiens...
...dann wenden wir uns dem neuen Hauptbahnhof zu.
Mit der Straßenbahn geht es nun an den Westbahnhof, wo wir mit der Westbahn den nächsten privaten Fernverkehrsanbieter testen.
„Wir begrüßen Sie auf der Fahrt von der Bundeshauptstadt in das schönste Bundesland“ – mit dieser Durchsage beginnt unsere Fahrt. Die erste Klasse heißt hier „Westclub", es gibt zwar Vierer-Bestuhlung, es bleiben aber stets die Gangplätze frei (deshalb auch die blauen Bänder mit der Aufschrift „Für Ihren Komfort reserviert“).
Auf der landschaftlich schönen Strecke durch den Wienerwald schaue ich noch aus dem Fenster, dann tippe ich den nächsten Teil des Reiseberichts und probiere den Internetzugang aus, denn es gibt im ganzen Zug Gratis-WLAN (“Westlan“).
Im Westclub gibt es Gratis-Getränk
Irgendwo auf der Westbahn (kennt sich jemand aus - was habe ich denn hier fotografiert?)
Westbahn-Café
Und noch mal: welche Kirche habe ich hier erwischt?
Ich hatte die Westbahnstrecke als ziemlich mit Lärmschutzwänden verbaut in Erinnerung, aber hier vom Oberdeck aus kann man bequem über die Wände hinwegschauen.
„Rat und Tat im Zug“ - ich bin echt begeistert von dem Angebot und dem freundlichen und aufmerksamen Service. Auch die Lautsprecherdurchsagen gefallen mir, sie klingen individuell und freundlich und nicht nach abgelesenen Standardtexten – wobei man sich einen kleinen Seitenhieb auf die ÖBB nicht verkneifen kann: statt der Ansage, dass der Zug wegen Einschränkungen durch die ÖBB Infrastruktur nur bis Salzburg und nicht bis Freilassing fährt, könnte man auch einfach sagen, dass es Bauarbeiten auf der Strecke gibt.
Und in der Toilette hängt sogar ein Kontrollzettel, wann die Toilette zuletzt gereinigt wurde (heute bereits 3 Mal).
Wow, das Westbahn-Konzept beeindruckt mich, so macht Bahnreisen Spaß! Im Vergleich zu dieser Art des privaten Fernverkehrs wirkt der HKX geradezu stümperhaft.
Die Abschiedsdurchsage, in der das Team namentlich genannt wird (Babsi, Jojo und die anderen) bleibt mir als letztes in Erinnerung an eine schöne Fahrt.
Ich habe nur drei kleine Verbesserungsvorschläge: wenn man beim Online-Ticket den Barcode anders platziert um es besser falten zu können wäre das praktischer, außerdem führt die komische Klassenbezeichnung zu Missverständnissen, weil viele Fahrgäste nicht kapieren, dass Westclub die aufpreispflichtige 1. Klasse ist. Und ein Mistkübel (Abfallbehälter) am Platz wäre auch schön.
Es geht gleich weiter...
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