Rajzefiber – 7 Tage auf Schienen unterwegs (m.v.Bild.) [1/3] (Reiseberichte)

TD, Sonntag, 19.08.2012, 15:25 (vor 4962 Tagen)

Hallo zusammen,

für den diesjährigen Sommerurlaub hatte ich mir drei erstklassige Bahntouren zusammengestellt, zu denen ich nun nach und nach Reiseberichte einstelle. Insgesamt waren wir 12 Tage unterwegs, die erste Tour führt uns für sieben Tage in den Nordosten, dann gibt’s eine Tagestour und zum Schluss mein persönliches Highlight mit einer 4-tägigen Rundreise in den Süden.

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Diese Tour ist ein Sammelsurium aus verschiedenen Vorhaben, die sich auf meiner Wunschliste angesammelt haben. Der eigentliche Grundgedanke war, dieses Jahr Danzig und Posen zu besuchen, da ich diese beiden Städte bei meiner letztjährigen Polenreise nicht unterbringen konnte. Um dieses Ziel habe ich dann eine Rundfahrt gebastelt und den HKX, Schwerin und Wismar, den Interconnex, die Müritz, den Berlin-Gdansk-Express und die Westbahn eingebaut. Arbeitstitel der Tour war eigentlich „mit privatem Fernverkehr durch Europa“, aber den RegioJet habe ich beim besten Willen nicht untergebracht (das hätte noch einmal einen Tag gekostet und irgendwann werden die Urlaubstage weniger und das Reisegepäck zu groß) und der .italo fährt ja ganz woanders. Aber wenigstens gehen mir so die Ziele nicht aus…


Tag 1: Konstanz – Schwerin

Heute fahren wir nach Köln, von dort mit dem HKX nach Hamburg und weiter nach Schwerin.

Frühmorgens starten wir am Bodensee mit der Schwarzwaldbahn nach Offenburg. Eigentlich wäre das eine wunderschöne Fahrt durch den Morgennebel und die Schwarzwaldlandschaft – wäre nicht schlechte Stimmung im Abteil, da sich zwei Fahrgäste angiften, weil die eine den Koffer der anderen zur Seite gestellt hat. Ich selbst kann das zwar unbeteiligt beobachten, trotzdem schlägt das etwas auf die Stimmung und ein harmonischer Start der Tour wäre mir doch lieber gewesen.

In Offenburg steigen wir nun um auf den ICE nach Köln. Die Wartezeit von 45 Minuten ist zwar immer etwas lang, aber dafür ist die Fahrt nun doch angenehmer, die Auslastung ist nämlich sehr überschaubar.

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Wegen einer Streckensperrung zwischen Karlsruhe und Mannheim werden wir über Bruchsal und Graben-Neudorf umgeleitet. Diese Umleitung bringt uns zwar eine Verspätung von 20 Minuten ein, aber dafür sehe ich mal eine neue Strecke und unser Anschluss in Köln ist nicht gefährdet. Nachdem ich das letzte Mal durch das Rheintal gefahren bin, macht die rasante Fahrt über die Schnellfahrstrecke auch mal wieder Spaß.

Im Mobil-Heftchen lese ich, dass heute am 1. August das 10-jährige Jubiläum der Schnellfahrstrecke ist und bin schon gespannt, ob es vielleicht zu diesem Anlass eine Aktion oder Aufmerksamkeit gibt - das ist aber nicht der Fall.

Trotz der Verspätung reicht es in Köln noch für einen Kaffee in der Lounge. Bevor sich nun jemand sorgt, dass ich der DB den Kaffee wegtrinke aber dann stattdessen mit der Konkurrenz weiterfahre: ich hatte eine durchgehende Fahrkarte Konstanz-Schwerin (ok, die hatte ich zwar auch nur, weil der Preis für beide Ziele Köln oder Schwerin identisch war, aber das ist ja egal).

Anschließend machen wir uns auf zu Gleis 2, wo der HKX pünktlich einrollt. Aber Moment, die Wagen, die ich auf Bildern im Internet gesehen habe, sahen doch anders aus? Na toll, es ist eine Ersatzgarnitur unterwegs, die aus alten NOB-Wagen besteht. Kein deklassierter 1.Klasse-Abteilwagen, keine Sitzplatzreservierungen, keine Klimaanlage. Und nun bei der hochsommerlichen Hitze vier Stunden in einer ausrangierten Regionalbahn fahren – so hatte ich mir die neue tolle Welt des privaten Fernverkehrs eigentlich nicht vorgestellt.

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Was mir aber auffällt ist, wie viel Personal auf dem Zug mitfährt, 5-6 Zugbegleiter plus 2 Leute an der Minibar, und das für einen 4-Wagen-Zug? Drei englischsprachige Interrailer, die sich im Ruhrgebiet in den Zug verirrt haben, werden nun vor die Wahl gestellt, am nächsten Bahnhof wieder auszusteigen oder den vollen Fahrpreis von über 50 € pro Person nachzuzahlen und entscheiden sich für das Aussteigen.

Nachdem es immer wärmer wird und noch dazu eine Gruppe Jugendlicher beginnt, den Wagen zu beschallen (wenn sie nicht gerade auf der Toilette rauchen oder Müll aus dem Fenster werfen), besinne ich mich meiner DB-Fahrkarte, erkläre unseren HKX-Ausflug vorzeitig für beendet und wir steigen in Münster aus, wo 10 Minuten später der IC einrollt, den ich eigentlich nur fiktiv gebucht hatte, um die DB-Fahrkarte dann ab Hamburg wieder nutzen zu können.

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Hier können wir uns zwischen einem modernisierten Abteilwagen oder einem plüschigen Großraumwagen entscheiden und den zweiten Teil der Fahrt wesentlich angenehmer verbringen.

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Fahrt auf der Rollbahn gen Norden

Als wir dann in Hamburg-Harburg einfahren, sehe ich, dass dort der HKX gerade den Bahnhof verlässt – und trauere dem Zug kein bisschen nach.

Am Hauptbahnhof steigen wir in den Hanse-Express um, der in der ersten Klasse schicke Ledersessel hat. Hier sehe ich auch zum ersten Mal die Reservierungsanzeigen im Nahverkehr, auch wenn diese nur für Pendler buchbar sind.

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Nach etwa 75 Minuten Fahrzeit durch Mecklenburg-Vorpommern erreichen wir pünktlich Schwerin, das heutige Ziel der Tour. Schwerin ist die kleinste deutsche Landeshauptstadt.

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Pfaffenteich und Dom

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Markt mit Rathaus

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Blick auf das Schloss, rechts die Staatskanzlei

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Schweriner Schloss

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Orangerie

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Schweriner See

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Schlossgarten

Nach einem Spaziergang durch Stadt und Schossgarten kann ich damit die 15. Landeshauptstadt auf meiner Liste abhaken – und Wiesbaden wird sich sicherlich auch irgendwann noch in eine Tour einbauen lassen.

Fortsetzung folgt gleich...

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[image] "Fensterplatz, bitte." - Meine Bahnreiseberichte.de.| instagram.com/fensterplatz.bitte/

Rajzefiber – 7 Tage auf Schienen unterwegs (m.v.Bild.) [1/3]

TD, Sonntag, 19.08.2012, 15:33 (vor 4962 Tagen) @ TD

Tag 2: Schwerin – Wismar – Warnemünde – Waren– Schwinkendorf – Waren

Im Verhältnis zu gesamten Tour legen wir heute nur eine recht kurze Strecke zurück und verlassen dabei noch nicht mal Mecklenburg-Vorpommern. Unser erstes Ziel ist Wismar, die Hansestadt wurde zusammen mit Stralsund in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.

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Regionalexpress nach Wismar

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Nach einer halben Stunde Fahrt „auf Wolke 7“ sind wir schon da und machen einen Spaziergang durch die morgendliche Altstadt und zum Hafen.

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Mühlengrube

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Marktplatz mit Bürgerhaus „Alter Schwede“

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Die „Wismarer Wasserkunst“ diente bis 1897 zur Trinkwasserversorgung der Stadt

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Alter Hafen

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St.-Nikolai-Kirche

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Lohberg mit Brauhaus aus dem Jahr 1452

Nach der Stadterkundung geht es zurück an den Bahnhof, wo schon ein Desiro als Regionalexpress nach Rostock bereitsteht.

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Bahnhof Wismar – der LKW war leider ein paar Sekunden schneller

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Für eine gute Stunde fahren wir nun über das flache Land und halten auch an Stationen auf der grünen Wiese, wo weit und breit kein Haus zu sehen ist.

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Fahrt durch die mecklenburgische Provinz

In Bad Doberan könnten wir auch auf die Bäderbahn Molli umsteigen, die Seebäder wären bestimmt schön, aber ich bin kein so großer Dampflok-Fan und in den Tourplan hat der Abstecher auch nicht so recht gepasst, so dass wir direkt durchfahren bis Rostock, wo wir auf eine S-Bahn nach Warnemünde umsteigen.

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S-Bahn Rostock

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Hier stürzen wir uns nun für eine gute Stunde in den Touristenrummel und genießen den Ostsee-Sand zwischen den Füßen. Wir schaffen die kleine Runde noch rechtzeitig bevor es anfängt zu regnen - als wir den Bahnhof wieder erreichen, fallen die ersten Tropfen.

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Alter Strom

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Achterreeg – plattdeutsch für Hinterreihe (also die hintere Straße)

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Touristenrummel am Vöörreeg (Vorderreihe)

Mit der S-Bahn fahren wir wieder zurück nach Rostock und testen nun den nächsten privaten Fernverkehrszug: den InterConnex. Der Zug ist klassenlos, bei der Sitzplatzreservierung im Internet kann man sich aber in den 1.Klasse-Wagen buchen und kommt so ohne Aufpreis in den Genuss der höheren Klasse.

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Nach einer Durchsage, dass keine DB-Tickets gelten, beginnt die Fahrt. Während gestern im HKX nur ein kurzer Blick auf die Onlinetickets geworfen wurde, ist die Fahrkartenkontrolle hier sehr gründlich, zu jedem Onlineticket wird der Ausweis kontrolliert. Die Fahrt ist sehr angenehm, so gefallen mir private Fernzüge schon besser. Die 40-minütige Fahrt vergeht schnell, pünktlich kommen wir in Waren an der Müritz an.

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Interconnex in Waren (Müritz)

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Waren an der Müritz hatte ich aus zwei Gründen als Ziel gewählt, zum einen wegen meines Reisebegleiters (dazu später mehr) und zum anderen, weil der größte rein deutsche Binnensee auf meiner Deutschlandkarte auch noch ein weißer Fleck war.

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Alter Markt von Waren

Erst bei den weiteren Reiseplanungen habe ich dann entdeckt, dass es hier eine Draisinenstrecke gibt und wir somit noch einen neuen Aspekt eines „Bahnurlaubs“ mitnehmen können.

Nachdem sich das Wetter scheinbar wieder gebessert hat, starten wir am Abend mit einer Fahrraddraisine auf die 13 Kilometer lange Strecke von Waren nach Schwinkendorf durch den Naturpark Mecklenburgische Schweiz. Es handelt sich um eine Teilstrecke der 1998 stillgelegten Bahnstrecke Waren–Malchin.

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Unsere Fahrraddraisine

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Auf der Tour kann ich etwas nachempfinden wie es ist, wenn der Railwalker auf stillgelegten Bahnstrecken unterwegs ist und nach Relikten aus dem Bahnbetrieb wie Kilometertafeln, Telegrafenmasten und alten Bahnhöfen Ausschau hält.

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An Bahnübergängen haben Autos Vorfahrt

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Der letzte Personenzug hielt 1996 in Levenstorf

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Stärker befahrene Straßen sind mit Schranken gesichert, hier heißt es absteigen, Schranke öffnen und die Draisine über die Straße schieben.

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Daneben gibt es aber auch viel Natur zu sehen, uns begegnen Rehe, Störche und Kraniche. Wir sind offenbar die einzigen Nutzer, die die Abendfahrt gebucht haben und können uns frei auf der Strecke bewegen.

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Kraniche neben den Gleisen

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Das war wohl mal der Bahnhof Schwinkendorf

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Ende der Draisinenstrecke in Schwinkendorf

Als wir den Endpunkt Schwinkendorf erreicht haben, zeigt sich, dass sich das Wetter doch nur scheinbar gebessert hat, denn nun beginnt es zu Donnern und kurz darauf setzt ein Gewitterschauer ein.

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Dorfkirche von Schwinkendorf aus dem 13. Jahrhundert

Den Regen warten wir geschützt im Wartehäuschen einer Bushaltestelle ab und als wir die Draisine gedreht haben und die Rückfahrt antreten, scheint schon wieder die Sonne.

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Die Draisine ist gedreht und steht zur Rückfahrt bereit.

Auf halber Strecke erwischt uns dann noch ein Regenschauer – das sieht bestimmt ulkig aus, als nur noch einer strampelt und der andere den Schirm hält, aber im Wald sieht uns ja niemand. Trotzdem hat die Tour großen Spaß gemacht, auch wenn wir ziemlich nass in Waren ankommen.


Fortsetzung folgt morgen.

Viele Grüße

Tobias

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Toll! :)

sflori, Montag, 20.08.2012, 00:31 (vor 4962 Tagen) @ TD
bearbeitet von sflori, Montag, 20.08.2012, 00:31

Freue mich schon auf die weiteren Teile! :-)

Danke für den schönen Bericht!


Bye. Flo.

Gefällt mir :-)

Markus, NNST, Montag, 20.08.2012, 08:30 (vor 4961 Tagen) @ TD

Danke für den tollen Bericht. Freue mich auf den letzten Teil.

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