Gedankenspiel: Bundesbahn im Jahr 2012 (Allgemeines Forum)
Eisenacher, Freitag, 03.08.2012, 19:31 (vor 4993 Tagen)
Hallo zusammen,
hat jemand von euch Lust auf ein kleines Gedankenexperiment? Wo wären wir heute, wenn es die Bahn noch als Behörde gäbe? Was wäre anders und was wäre gleich? Daraus ergibt sich dann, ob man es individuell besser oder schlechter fände.
Ich denke, dass wir einige Innovationen weniger auf dem Markt hätten. Handyticket, Onlineticket? Vielleicht nur in Kombi mit dem biometrischen Personalausweis. Andererseits glaube ich, dass die Bahn noch an Bahnhöfen präsent wäre, durch eine örtliche Aufsicht und einen Fahrkartenschalter. Die Preise wären vermutlich deutlich höher, die Löhne aber auch.
Wie wäre wohl das Linienangebot? Würde es nur wenig HGV Verkehr geben, dafür ein stärkeres IC und womöglich IR Netz? Wären die Baureihen 411 und 415 vielleicht tatsächlich als IR unterwegs? Hätte es die KRM gegeben – inkl. Limburg Süd?
Ich freue mich auf Anregungen.
Gedankenspiel: Bundesbahn im Jahr 2012
ICE-TD, Freitag, 03.08.2012, 22:59 (vor 4993 Tagen) @ Eisenacher
Hätte es die KRM gegeben – inkl. Limburg Süd?
Sicher hätte es das, die aus Bundes- und Reichsbahn hervorgegangene Deutsche Bahn ist nicht an allem schuld: http://de.wikipedia.org/wiki/Neubaustrecke_K%C3%B6ln-Rhein/Main
Zitat:"Vorstudien über verschiedene Trassierungsvarianten führten schließlich Mitte der 1980er Jahre zur Anmeldung einer Neubaustrecke Köln–Siegburg–Limburg–Frankfurt durch die damalige Bundesbahn für den Bundesverkehrswegeplan 1985. Sehr unterschiedliche Stellungnahmen der drei durchfahrenen Bundesländer führten zwar zu einer Aufnahme in den Plan aber mit einem offenen, genauer zu untersuchenden Trassenverlauf[22] mit einem Planungskorridor möglicher Trassenverläufe[23]. Der Realisierung der Neubaustrecke wurde dabei höchste Priorität zugesprochen.[24] Das Nutzen-Kosten-Verhältnis lag bei 4,0.[5] Aufgrund hoher Kosten einer für Personen- und Güterzüge gleichermaßen geeigneten Strecke verwarf die Bundesbahn derartige Pläne im Jahr 1986 und plädierte seither für eine reine Personenverkehrsstrecke rechts des Rheins."
Also auch die Trassierung als reine Pv-Strecke ist keine Erfindung der heutigen DB.
Gedankenspiel: Bundesbahn im Jahr 2012
TollerMensch, Samstag, 04.08.2012, 02:34 (vor 4993 Tagen) @ Eisenacher
bearbeitet von TollerMensch, Samstag, 04.08.2012, 02:35
Ich denke, dass wir einige Innovationen weniger auf dem Markt hätten. Handyticket, Onlineticket? Vielleicht nur in Kombi mit dem biometrischen Personalausweis. Andererseits glaube ich, dass die Bahn noch an Bahnhöfen präsent wäre, durch eine örtliche Aufsicht und einen Fahrkartenschalter. Die Preise wären vermutlich deutlich höher, die Löhne aber auch.
...und alle würden sich darüber aufregen, dass von UNSEREN STEUERN!!!! Millionen oder Milliarden dafür draufgehen, unnötige Aufsichten (das können doch Kameras auch!) und Strecken (da fahren täglich zwei Leute) zu subventionieren.
Und Bahnfahns würden sich sicher (evtl. auch zu Recht) beschweren, dass darunter der Fernverkehr oder andere, wichtige Strecken leiden weil dafür Gelder fehlen.
Ich denke, die Probleme und Beschwerden mit der DB liegen nicht daran, dass es in ein wirtschaftliches Unternehmen überführt wurde.
Ohne horrende Anforderungen aus der Politik und der generellen Unerwünschtheit der Bahn könnte auch ein staatlich geführtes Unternehmen durchaus sinnvolle Ergebnisse haben.
Aber die Idee, dass es noch einen Zwischenweg von Behörde und maximalen Profit gibt, ist nicht bekannt oder nicht gewollt.
Und ganz konkret: Ich denke, es gäbe kein so leistungsfähiges Online-Buchungs- und Auskunftssystem wie es das heute gibt, es gäbe wahrscheinlich noch nichtmal Onlinetickets. Wahrscheinlich gäbe es neue Fernverkehrszüge, aber irgendwas würde an denen (komforttechnisch) massiv an der Zeit vorbei sein.
Eventuell wären europaweite Reisen nicht so günstig wie heutzutage mit Europa-Spezial (lasse mich gerne von Zeitzeugen korrigieren) und nach dem, was ich so lese, wären die Mitarbeiter deutlich zufriedener mit ihrem Arbeitgeber mit allen Auswirkungen auf Arbeitsdauer daher Kompetenz und Freundlichkeit.
Grüße eines tollen Menschen
Bundesbahn: Komfort in Fernverkehrszüge
mrhuss, FKON, Samstag, 04.08.2012, 09:37 (vor 4993 Tagen) @ TollerMensch
Wahrscheinlich gäbe es neue Fernverkehrszüge, aber irgendwas würde an denen (komforttechnisch) massiv an der Zeit vorbei sein.
Ganz sicher nicht, außer Du meinst, dass Wandfensterplätze zeitgemäß sind.
Was gerne vergessen wird: Der ICE 1 ist zu Bundesbahnzeiten entwickelt und gebaut worden!
Vom VT 11.5, auch bekannt als 601 oder TEE, will ich gar nicht anfangen. Dieser Zug hat Ende der 1950er Jahre im internationalen Vergleich Maßstäbe gesetzt und war mit Abstand der komfortabelste Fernverkehrszug seiner Zeit.
Schon davor hat die Bundesbahn mit der Entwicklung der Gliederzüge VT 10.5 ("Senator" und "Komet") Komfortmaßstäbe gesetzt und Mut bewiesen.
Und während sich heute über Taktlücken beschwert wird, sei an dieser Stelle daran erinnert, dass das Konzept IC'79 mit Einführung des Stundentakts im Fernverkehr ein Produkt der Bundesbahn war!
Bundesbahn: Angebot von Fernverkehrszügen
Henrik, Samstag, 04.08.2012, 11:38 (vor 4993 Tagen) @ mrhuss
Wahrscheinlich gäbe es neue Fernverkehrszüge, aber irgendwas würde an denen (komforttechnisch) massiv an der Zeit vorbei sein.
Ganz sicher nicht, außer Du meinst, dass Wandfensterplätze zeitgemäß sind.
dadurch gibt es mehr Sitzplätze und in Spitzenzeiten müssen weniger Fahrgäste stehen.
Was gerne vergessen wird: Der ICE 1 ist zu Bundesbahnzeiten entwickelt und gebaut worden!
gewiss. und er war sehr teuer und vor allem unvollständig, eng.
Wieso? Weil der Bundesverkehrs- bzw. Finanzminister Igel in der Hosentasche stecken hatten.
Die von der DB erwünschte Wagenanzahl wurde nicht finanziert und überhaupt war das ein mühseliges Zusammenspiel. Spielball der Politik, bei der die Bundesbahn wie eben überhaupt in der Gesellschaft ein sehr schlechtes Image hatte (Milliarden Schulden & Verluste).
OK, die Nachbestellung dieser Wagen erfolgte noch so eben vor dem 1.1.1994,
aber eben durch Genehmigung des BMV.
Heute schreibt die DB aus, ist unabhängiger von der Politik und auch der Industrie,
es sind viel mehr Innovationen möglich.
Und während sich heute über Taktlücken beschwert wird, sei an dieser Stelle daran erinnert, dass das Konzept IC'79 mit Einführung des Stundentakts im Fernverkehr ein Produkt der Bundesbahn war!
..was aber eher ein unternehmerisches Produkt ist und weniger ein behördliches.
Das waren damals so die ersten Ansätze.
Bundesbahn: Angebot von Fernverkehrszügen
mrhuss, FKON, Samstag, 04.08.2012, 12:05 (vor 4993 Tagen) @ Henrik
dadurch gibt es mehr Sitzplätze und in Spitzenzeiten müssen weniger Fahrgäste stehen.
Dadurch werden in erste Linie Gewinne maximiert.
Was gerne vergessen wird: Der ICE 1 ist zu Bundesbahnzeiten entwickelt und gebaut worden!
gewiss. und er war sehr teuer und vor allem unvollständig, eng.
ICE 1 eng??
Wieso? Weil der Bundesverkehrs- bzw. Finanzminister Igel in der Hosentasche stecken hatten.
Der Kostendruck ist seit der Bahnreform sicher nicht geringer geworden.
Die von der DB erwünschte Wagenanzahl wurde nicht finanziert und überhaupt war das ein mühseliges Zusammenspiel. Spielball der Politik, bei der die Bundesbahn wie eben überhaupt in der Gesellschaft ein sehr schlechtes Image hatte (Milliarden Schulden & Verluste).
Das Image war aber ganz eindeutig schlechter als die tatsächliche Qualität. Das ist ja heute immer noch so.
Heute schreibt die DB aus, ist unabhängiger von der Politik und auch der Industrie,
es sind viel mehr Innovationen möglich.
Also sämtliche großen Innovationen im Eisenbahnwesen, die mir so spontan einfallen, sind alle von vor 1990. Aber ich bin auf Deine Gegenbeispiele gespannt.
Und während sich heute über Taktlücken beschwert wird, sei an dieser Stelle daran erinnert, dass das Konzept IC'79 mit Einführung des Stundentakts im Fernverkehr ein Produkt der Bundesbahn war!
..was aber eher ein unternehmerisches Produkt ist und weniger ein behördliches.
Das waren damals so die ersten Ansätze.
1979 hat noch keiner an eine Bahnreform gedacht. Unternehmerisches Denken hat es natürlich gegeben, warum auch nicht?
Bundesbahn: Angebot von Fernverkehrszügen
Henrik, Samstag, 04.08.2012, 12:43 (vor 4992 Tagen) @ mrhuss
dadurch gibt es mehr Sitzplätze und in Spitzenzeiten müssen weniger Fahrgäste stehen.
Dadurch werden in erste Linie Gewinne maximiert.
In erster Linie ist dieses zum Vorteil für die Fahrgäste,
daraus resultieren dann höhere Gewinne, durch das bessere Image. gewiss, legitim.
Was gerne vergessen wird: Der ICE 1 ist zu Bundesbahnzeiten entwickelt und gebaut worden!
gewiss. und er war sehr teuer und vor allem unvollständig, eng.
ICE 1 eng??
weniger Wagen. s.o.
Wieso? Weil der Bundesverkehrs- bzw. Finanzminister Igel in der Hosentasche stecken hatten.
Der Kostendruck ist seit der Bahnreform sicher nicht geringer geworden.
darum gehts ja nicht. Die Bahn ist unabhängiger von der Politik.
Die von der DB erwünschte Wagenanzahl wurde nicht finanziert und überhaupt war das ein mühseliges Zusammenspiel. Spielball der Politik, bei der die Bundesbahn wie eben überhaupt in der Gesellschaft ein sehr schlechtes Image hatte (Milliarden Schulden & Verluste).
Das Image war aber ganz eindeutig schlechter als die tatsächliche Qualität.
gewiss. Aber allein durch das Image hatten viele potenzielle Fahrgäste gar nicht erst den Zugang zu dem System Bahn.
Heute schreibt die DB aus, ist unabhängiger von der Politik und auch der Industrie,
es sind viel mehr Innovationen möglich.
Also sämtliche großen Innovationen im Eisenbahnwesen, die mir so spontan einfallen, sind alle von vor 1990.
Man muss sich da nicht auf ein paar wenige große konzentrieren,
Die neuen Strukturen setzten ein unheimlich großes Innovationspotenzial frei, was dann ja auch entstand.
Und während sich heute über Taktlücken beschwert wird, sei an dieser Stelle daran erinnert, dass das Konzept IC'79 mit Einführung des Stundentakts im Fernverkehr ein Produkt der Bundesbahn war!
..was aber eher ein unternehmerisches Produkt ist und weniger ein behördliches.
Das waren damals so die ersten Ansätze.
1979 hat noch keiner an eine Bahnreform gedacht. Unternehmerisches Denken hat es natürlich gegeben, warum auch nicht?
Doch, es gab in den 70ern mehrfache Bestrebungen zu stärkeren unternehmerischen Ausrichtungen (vgl. Literatur),
gerade in dem Zusammenhang mit dem IC'79.
Doch es hakte immer wieder an dem Korsett der Behördenbahn.
Bundesbahn: Angebot von Fernverkehrszügen
mrhuss, FKON, Sonntag, 05.08.2012, 01:01 (vor 4992 Tagen) @ Henrik
Heute schreibt die DB aus, ist unabhängiger von der Politik und auch der Industrie,
es sind viel mehr Innovationen möglich.
Also sämtliche großen Innovationen im Eisenbahnwesen, die mir so spontan einfallen, sind alle von vor 1990.
Man muss sich da nicht auf ein paar wenige große konzentrieren,
Die neuen Strukturen setzten ein unheimlich großes Innovationspotenzial frei, was dann ja auch entstand.
Dann gib mir doch bitte Beispiele! Ich will wissen, welche Innovationen ich da gerade übersehen habe.
Bundesbahn: Angebot von Fernverkehrszügen
guru61, Arolfingen, Samstag, 04.08.2012, 14:09 (vor 4992 Tagen) @ mrhuss
Also sämtliche großen Innovationen im Eisenbahnwesen, die mir so spontan einfallen, sind alle von vor 1990. Aber ich bin auf Deine Gegenbeispiele gespannt.
Nein nein: Klimaanlagen die nur funktionieren, wenn es keine Klimananlagen braucht, Teflonweichen an denen der Schnee abperlt und unterdimensionierte Achsen, sind doch in den 90ern und 00ern mit grossem Aufwand entwickelt worden! :-)
Gruss Guru
Gedankenspiel: Bundesbahn im Jahr 2012
sflori, Samstag, 04.08.2012, 02:39 (vor 4993 Tagen) @ Eisenacher
Wo wären wir heute, wenn es die Bahn noch als Behörde gäbe?
Interregios? Bestimmt! :) Aber auch Dinge wie Online-Ticket gäbe es bestimmt. Behörde bedeutet ja nicht Stillstand. Mein Kennzeichen habe ich auch online ausgesucht und die Steuererklärung wird via Web gesendet. Die Tickets wären im Nahverkehr vielleicht teurer. Vielleicht hätten wir an vielen Stellen zuverlässigere, aber ältere Fahrzeuge. Da haben die Ausschreibungen die Welt ja geradezu auf den Kopf gestellt...
Bye. Flo.
Gedankenspiel: Bundesbahn im Jahr 2012
Hustensaft, Samstag, 04.08.2012, 08:56 (vor 4993 Tagen) @ Eisenacher
Lasst uns doch die Frage einmal von der anderen Seite angehen:
Es gibt aus den führenden Reihen der Deutschen Bahn die Aussage, dass die Bahn, wäre sie damals schon privatwirtschaftlich organisiert gewesen, bis heute wahrscheinlich keine ICEs hätte, waren diese doch in der Relation Beschaffungskosten - Platzangebot zu teuer und damit unwirtschaftlich. Privatunternehmen leisten sich eher selten Prestigeobjekte, dass ist meist doch dem Staat oder Staatsunternehmen vorbehalten.
Und um zu Ende zu denken:
Hätte es also nie den äußerst erfolgreichen ICE 1 gegeben, würden wir heute wohl auch nicht über andere ICE-Typen verfügen. Außerdem gäbe es, alleine wegen der weit größeren politischen Einflüsse, mit Sicherheit den InterRegio noch. Eine KRM gäbe es vielleicht - aber mangels ICE so gebaut, dass sie, was ja sehr sinnvoll wäre, auch mit lokbespannten Zügen befahren werden könnte.
Steigungen der KRM
bigbug21, Samstag, 04.08.2012, 23:49 (vor 4992 Tagen) @ Hustensaft
Hallo Hustensaft,
Es gibt aus den führenden Reihen der Deutschen Bahn die Aussage, dass die Bahn, wäre sie damals schon privatwirtschaftlich organisiert gewesen, bis heute wahrscheinlich keine ICEs hätte, waren diese doch in der Relation Beschaffungskosten - Platzangebot zu teuer und damit unwirtschaftlich. Privatunternehmen leisten sich eher selten Prestigeobjekte, dass ist meist doch dem Staat oder Staatsunternehmen vorbehalten.
Der ICE war und ist wohl kein reines Prestigeobjekt. Natürlich sind die Sitzplatzkosten in einem ICE größer als in anderen Zügen. Dafür bezahlen Kunden ja auch deutlich höhere Preise, zumindest dort, wo der ICE seine Vorteile ausspielen kann.
Und um zu Ende zu denken:
Hätte es also nie den äußerst erfolgreichen ICE 1 gegeben, würden wir heute wohl auch nicht über andere ICE-Typen verfügen. Außerdem gäbe es, alleine wegen der weit größeren politischen Einflüsse, mit Sicherheit den InterRegio noch. Eine KRM gäbe es vielleicht - aber mangels ICE so gebaut, dass sie, was ja sehr sinnvoll wäre, auch mit lokbespannten Zügen befahren werden könnte.
Diese Ideen gab es ja durchaus. In den 1970er Jahren wurde die Neubaustrecke Köln--Groß-Gerau in verschiedenen Varianten durchgespielt, in den 1980er Jahren dann eine Frühform der heutigen NBS Köln--Rhein/Main. Eine mit höchstens 12,5 statt bis zu 40 Promille geneigte Strecke hätte allein im Taunus einen mehr als 20 Kilometer langen Tunnel erfordert und wurde auch deshalb verworfen.
Viele Grüße aus Dresden
Peter
--
unterwegs für freie Eisenbahn-Geodaten
Triebfahrzeugentwicklung, InterRegio
mrhuss, FKON, Samstag, 04.08.2012, 09:56 (vor 4993 Tagen) @ Eisenacher
Vermutlich wäre einer Bundesbahn das Desaster mit Fahrzeugen wie 611 oder den 425, um nur zwei Beispiele zu nennen, erspart geblieben. Zu Bundesbahnzeiten hat man Baureihen noch zusammen mit der Industrie entwickelt und erst ein paar wenige Prototypen jahrelang ausgiebig getestet anstatt gleich eine ganze Großserie von Bananenzügen auszuliefern. Kürzere Produktzyklen heutzutage sind dabei kein Argument, sind die Fahrzeuge heute doch auch erst nach ein paar Jahren wirklich einsatzfähig. Außerdem hätte man vermutlich ein paar mehr universell einsetzbare Fahrzeuge vom Typ 182, hätte es die Bahnreform mit der strikten Aufteilung in Geschäftsbereiche nicht gegeben.
Außerdem gäbe es wahrscheinlich den InterRegio noch, dessen Abschaffung ja schließlich auch ein Produkt der Aufteilung in Geschäftsbereiche und der Umstellung des Finanzierungsmodells im Nahverkehr ist.
Triebfahrzeugentwicklung, InterRegio
Benjamin.Keller, Samstag, 04.08.2012, 12:08 (vor 4993 Tagen) @ mrhuss
Vermutlich wäre einer Bundesbahn das Desaster mit Fahrzeugen wie 611 oder den 425, um nur zwei Beispiele zu nennen, erspart geblieben. Zu Bundesbahnzeiten hat man Baureihen noch zusammen mit der Industrie entwickelt und erst ein paar wenige Prototypen jahrelang ausgiebig getestet anstatt gleich eine ganze Großserie von Bananenzügen auszuliefern.
Was war denn das Desaster mit dem 425? Wie ich finde ein gutes Fahrzeug, nur dass man es nicht gut hinbekommen hat, die Bremssoftware an spezifische Bedingungen anzupassen. Aber da ja da das Wissen softwareseitig und für die vorher gar nicht existenten leichten, schnellen Regionaltriebwagen nicht vorhanden war, wäre das ja ein Problem gewesen, dass die Bundesbahn genauso gehabt hätte.
Man könnte auch polemisieren und sagen, dass ein 425 (ähnlich wie die 628 seit den 70ern) bei der Bundesbahn immer noch in Entwicklung wäre, und eine Probeserie von 10 Fahrzeugen irgendwo immer noch ihre Runden drehen würde während auf Regionalstrecken immer noch 141 mit Silberlingen bei nur 120 verkehren und Kunden verschreckt hätten, so dass noch mehr Strecken still gelegt worden wären.
Letztlich ist das ganze eine Governance/Steuerungsfrage. Es gab sicher auch schon gute neue Ansätze in der Endphase der Bundesbahn, die man noch hätte intensivieren können. Ich persönlich glaube aber, dass mit der Regionalisierung und Privatisierung viele Verkrustungen aufgebrochen wurden und Zuständigkeiten regional verlagert wurden, was dem Gesamtsystem Bahn ganz sicher gut getan hat.
Zurecht kann man viele Entwicklungen im Fernverkehr kritisieren. Aus meiner Sicht überdecken sie aber die sehr positiven Entwicklung im Regionalverkehr. Ich nenne immer gerne die Strecke Hamm nach Kassel als Beispiel. Hier gab es bei der Bundesbahn Überlegungen, nur noch IR verkehren zu lassen. Heute gibt es dort einen Halbstundentakt bei den RB, einen RE, der deutlich komfortabler ist als der IR und immer noch einiges an Fernverkehr.
Triebfahrzeugentwicklung, InterRegio
mrhuss, FKON, Samstag, 04.08.2012, 12:34 (vor 4992 Tagen) @ Benjamin.Keller
Vermutlich wäre einer Bundesbahn das Desaster mit Fahrzeugen wie 611 oder den 425, um nur zwei Beispiele zu nennen, erspart geblieben. Zu Bundesbahnzeiten hat man Baureihen noch zusammen mit der Industrie entwickelt und erst ein paar wenige Prototypen jahrelang ausgiebig getestet anstatt gleich eine ganze Großserie von Bananenzügen auszuliefern.
Was war denn das Desaster mit dem 425? Wie ich finde ein gutes Fahrzeug, nur dass man es nicht gut hinbekommen hat, die Bremssoftware an spezifische Bedingungen anzupassen. Aber da ja da das Wissen softwareseitig und für die vorher gar nicht existenten leichten, schnellen Regionaltriebwagen nicht vorhanden war, wäre das ja ein Problem gewesen, dass die Bundesbahn genauso gehabt hätte.
Ein 425 ist ein wenig leichter, aber die Achslast (oder auch Radsatzfahrmasse) eines 425 ist kaum niedriger als die des 420, weil er 2 Achsen weniger hat. Mit den 420ern hat es zeitweise ähnliche Probleme gegeben, die z.B. im Herbst und Winter (teils auch in Zusammenhang mit unsachgemäßer Bedienung) zu Flachstellen geführt haben. Hier hätte man aus der Erfahrung lernen und zum Beispiel von vornherein eine Magnetschienenbremse vorsehen können.
Man könnte auch polemisieren und sagen, dass ein 425 (ähnlich wie die 628 seit den 70ern) bei der Bundesbahn immer noch in Entwicklung wäre, und eine Probeserie von 10 Fahrzeugen irgendwo immer noch ihre Runden drehen würde während auf Regionalstrecken immer noch 141 mit Silberlingen bei nur 120 verkehren und Kunden verschreckt hätten, so dass noch mehr Strecken still gelegt worden wären.
Die 425 sind ja zeitweise auch nur mit 120 gefahren, mehr als 140 gehen nur mit LZB. So riesig ist der Fortschritt nicht. Bei der Gegenüberstellung von 420 und 423 im S-Bahn-Betrieb ist der Unterschied von nur 20 km/h gegenüber beiden Baureihen überhaupt nicht entscheidend.
Und mal ehrlich, 143 und Silberlinge trifft man auch noch genügen und die sind auch nicht wirklich besser als 141 und Silberlinge...
Bei den 628er könnte man natürlich auch sagen, dass die Bundesbahn die damals nicht früher bestellt hat, weil man sie schlicht nicht brauchte. Das Klima war damals noch so, dass Nebenstrecken eher stillgelegt als reaktiviert wurden. Dass sich das später geändert hat lag nicht an der Bahnreform, sondern an einem allgemeinen Umdenken in der Gesellschaft.
Letztlich ist das ganze eine Governance/Steuerungsfrage. Es gab sicher auch schon gute neue Ansätze in der Endphase der Bundesbahn, die man noch hätte intensivieren können. Ich persönlich glaube aber, dass mit der Regionalisierung und Privatisierung viele Verkrustungen aufgebrochen wurden und Zuständigkeiten regional verlagert wurden, was dem Gesamtsystem Bahn ganz sicher gut getan hat.
Die einen Verkrustungen wurden aufgebrochen, dafür hat man andere geschaffen. Die strikte Trennung in Geschäftsbereiche hat sich auch schon das ein oder andere Mal als Hemmschuh erwiesen.
Zurecht kann man viele Entwicklungen im Fernverkehr kritisieren. Aus meiner Sicht überdecken sie aber die sehr positiven Entwicklung im Regionalverkehr. Ich nenne immer gerne die Strecke Hamm nach Kassel als Beispiel. Hier gab es bei der Bundesbahn Überlegungen, nur noch IR verkehren zu lassen. Heute gibt es dort einen Halbstundentakt bei den RB, einen RE, der deutlich komfortabler ist als der IR und immer noch einiges an Fernverkehr.
Wo gibt's denn bitte zwischen Hamm und Kassel einen Halbstundentakt bei den RB? Allenfalls auf Teilstrecken! Durchgehend jedenfalls nicht, auf dem Teilstück von Altenbeken nach Warburg fährt nur alle 2 Stunden was.
Gegenbeispiel: Von Mainz nach Darmstadt kam man früher mit dem IR in ungefähr 20 Minuten. Heute gibt es nur noch die RB und man braucht doppelt so lange.
Zwischenfrage: Wo gibt es noch eine Behördenbahn?
Reisender, München, Samstag, 04.08.2012, 11:52 (vor 4993 Tagen) @ Eisenacher
Wo wären wir heute, wenn es die Bahn noch als Behörde gäbe?
Mal eine kleine Zwischenfrage: gibt irgendwo in Europa eigentlich noch eine richtige Behördenbahn? Wenn ja, dann könnte man doch schauen, wie dort die Lage ist und dann ggf. Rückschlüsse machen, wie eine Bundesbahn in Deutschland im Jahre 2012 aussehen könnte.
Zwischenfrage: SBB?
Sören Heise, Region Hannover, Samstag, 04.08.2012, 12:03 (vor 4993 Tagen) @ Reisender
Mal eine kleine Zwischenfrage: gibt irgendwo in Europa eigentlich noch eine richtige Behördenbahn?
Wie wäre es mit den SBB? ;-)
Wenn ja, dann könnte man doch schauen, wie dort die Lage ist und dann ggf. Rückschlüsse machen, wie eine Bundesbahn in Deutschland im Jahre 2012 aussehen könnte.
Nun, alle Verallgemeinerungen sind falsch.
Man könnte auch die Željeznice Republike Srpske und die Željeznice Federacije Bosne i Hercegovine oder die Železnice Srbije heranziehen. Da hätte man Positiv- und Negativbeispiel für nicht deregulierte Staatsbahnen, wobei im Falle Bosniens und Serbiens die Ursachen für den Niedergang auch im Krieg und den Kriegsfolgen liegen.
Viele Grüße, Sören
--
![[image]](https://up.picr.de/48317654tz.jpg)
Verstehen Sie Bahnhof!
Europa: Linkliste Fahrplantabellen und mehr
Zwischenfrage: SBB? Eher nein!
Markus-P, Samstag, 04.08.2012, 12:15 (vor 4992 Tagen) @ Sören Heise
Mal eine kleine Zwischenfrage: gibt irgendwo in Europa eigentlich noch eine richtige Behördenbahn?
Wie wäre es mit den SBB? ;-)
Die SBB sind auch eine Aktiengesellschaft.
Eine richtige Staatsbahn dürfte noch die CFL in Luxemburg sein.
Wobei die Deutsche Bahn auch eigentlich eine Staatsbahn ist, da 100 % der Anteile im Besitz des Bundes sind.
Sie ist halt nicht mehr als Behörde organisiert sondern privatrechtlich.
Zwischenfrage: SBB? Nöö.
RhBDirk, Samstag, 04.08.2012, 12:15 (vor 4992 Tagen) @ Sören Heise
Die ist ebenso Bundesbahn wie die Deutsche (Bundes)bahn - zumindest weitgehend:
http://de.wikipedia.org/wiki/SBB
Per 1. Januar 1999 wurden die SBB von der Bundesverwaltung ausgegliedert und in eine spezialgesetzliche (öffentlich-rechtliche) Aktiengesellschaft[5] umgewandelt, deren Aktien sich vollumfänglich im Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft befinden.
Gedankenspiel: Bundesbahn im Jahr 2012
Eisenacher, Samstag, 04.08.2012, 14:22 (vor 4992 Tagen) @ Eisenacher
Ich danke euch für eure Beiträge. Es zeichnet sich doch ein spannendes, natürlich unscharfes, Bild. Ich freue mich auf die weiteren Diskussionen.
Gedankenspiel: Bundesbahn im Jahr 2012
Lumi25, Samstag, 04.08.2012, 15:03 (vor 4992 Tagen) @ Eisenacher
Ich würde das ganze mal anders betrachten. Seit der NBS Hannover-Würzburg ist bekannt, dass sich ein schneller HGV-Verkehr der Kurzstreckenflüge Konkurrenz machen könnte nicht durchsetzbar ist, da man in Provinzstädten wie Fulda oder Göttingen ja zum Halten gezwungen wird.
Ab hier hätte man die Prioritäten anders setzen müssen. Also weg vom HGV-Verkehr bzw. keine HGV-Strecken mehr bauen.
Mit dem Geld was in die KRM geflossen ist hätte man aus meiner Sicht wesentlich mehr machen können womit dann vielleicht auch mehr dem Güterverkehr geholfen worden wäre als aktuell.
Die Y-Trasse ist auch wieder so ein Beispiel. Man fährt in Zukunft mit dem ICx wohl nicht schneller als 240 km/h und dafür will man extra eine NBS bauen? Man könnte die vorhandene Strecke mit Umfahrungen bei Celle, Uelzen und Lüneburg so wie ein paar Trassenanpassungen problemlos viergleisig ausbauen und auf 230 km/h ertüchtigen. Damit wären dann auch durchgehend 230 km/h möglich.
Hätte man natürlich 300 km/h schnelle HGV-Züge sähe die Sache sicherlich anders aus.
Hier wird massig Geld zum Fenster rausgeschmissen aber für den Ausbau wirklicher Engpässe ist kein Geld da. Allein das Ausbauprogramm vom NVR für den Knoten Köln würde eine gute Entlastung bringen aber dafür ist nur wenig Geld da während man in Stuttgart mal eben einen ganzen Bahnhof verbuddelt. So krass sind hier die Gegensätze.
Gedankenspiel: Bundesbahn im Jahr 2012
ICE-TD, Samstag, 04.08.2012, 17:55 (vor 4992 Tagen) @ Lumi25
bearbeitet von ICE-TD, Samstag, 04.08.2012, 17:56
Mit dem Geld was in die KRM geflossen ist hätte man aus meiner Sicht wesentlich mehr machen können womit dann vielleicht auch mehr dem Güterverkehr geholfen worden wäre als aktuell.
Eine NBS Köln-Rhein/Main wurde gebraucht weil die beiden Rheinstrecken an ihrer Kapazitätsgrenze waren. Noch mehr Gleise im Rheintal sind nicht möglich aus Platzgründen und ein Basistunnel unter Westerwald und Taunus nicht bezahlbar. Hört doch mit der Unkerei auf das das Geld besser in kleine Maßnahmen in den Güterverkehr angelegt gewesen wäre, kaum eine NBS war so wichtig und sinnvoll wie diese Verbindung zwischen den Wirtschaftszentren.
Gedankenspiel: Bundesbahn im Jahr 2012
bigbug21, Samstag, 04.08.2012, 23:44 (vor 4992 Tagen) @ Lumi25
Ich würde das ganze mal anders betrachten. Seit der NBS Hannover-Würzburg ist bekannt, dass sich ein schneller HGV-Verkehr der Kurzstreckenflüge Konkurrenz machen könnte nicht durchsetzbar ist, da man in Provinzstädten wie Fulda oder Göttingen ja zum Halten gezwungen wird.
Reisegeschwindigkeiten von über 150 km/h, die zu Reisezeiten von vier und weniger Stunden zwischen zahlreichen deutschen Ballungsräumen führen, sind sicher nicht zu vernachlässigen. Die Durchfahrungen von Fulda und Göttingen sind eindeutig politischem Druck geschuldet. Die Holzminden-Trasse und die ebenfalls im frühen Planungsstadium geplante Linienführung an Fulda vorbei (mit Anbindung an den Bahnhof Fulda über Verbindungen zu den Bestandsstrecken) hätten die Reisezeit um einige Minuten verkürzt. Einen geradezu revolutionären Unterschied, wie du ihn andeutest, hätten vielleicht 15 Minuten mehr oder weniger angesichts einer vielfach letztlich realisierten Reisezeitverkürzung im Bereich zwischen einer und zwei Stunden aber wohl nicht bewirkt.
Ab hier hätte man die Prioritäten anders setzen müssen. Also weg vom HGV-Verkehr bzw. keine HGV-Strecken mehr bauen.
In den späten 1960er Jahren wurden sowohl für Hannover--Würzburg als auch für Mannheim--Stuttgart Ausbauszenarien durchgespielt. Dort stellte sich dasselbe Problem wie bei späteren Projekten: Es ist eben nicht trivial, mit großem Aufwand mit zusätzlichen Gleisen durch die Vorgärten von tausenden Anwohnern zu fahren, während substantielle Reisezeitverkürzungen und grundlegende Neutrassierungen nicht möglich gewesen wären. Kapazität, Reisezeit und Weglänge bilden hier einen Dreiklang, der oft vergessen wird.
Mit dem Geld was in die KRM geflossen ist hätte man aus meiner Sicht wesentlich mehr machen können womit dann vielleicht auch mehr dem Güterverkehr geholfen worden wäre als aktuell.
Es ist wohl unstrittig, dass die beiden Rheinstrecken schon seit langer Zeit überlastet waren (bzw. inzwischen wieder sind). Von daher hätte wohl so oder kein Weg an einer neuen Strecke vorbeigeführt. Die heute wieder zu hörenden Forderung, man hätte doch punktuell ausbauen oder eine flachere, güterzugtaugliche Neubaustrecke bauen können, würden ja zwischen den 1960ern und 1980ern diskutiert, untersucht und schließlich verworfen.
Die Y-Trasse ist auch wieder so ein Beispiel. Man fährt in Zukunft mit dem ICx wohl nicht schneller als 240 km/h und dafür will man extra eine NBS bauen? Man könnte die vorhandene Strecke mit Umfahrungen bei Celle, Uelzen und Lüneburg so wie ein paar Trassenanpassungen problemlos viergleisig ausbauen und auf 230 km/h ertüchtigen. Damit wären dann auch durchgehend 230 km/h möglich.
Es ist sicher eine Vergeudung von öffentlichen Mitteln, wenn Strecken für wesentlich größere Entwurfsgeschwindigkeiten trassiert werden, als im Betrieb darauf letztlich gefahren wird. Gerade beim Projekt VDE8 kratze ich mich hier gerade am Kopf.
Die Anwohner der Städte entlang der Strecke werden es dir danken, wenn du ihnen eine dreistellige Zahl von schnellen Fern- und Güterzügen mitten durch ihre Ortschafen fahren lassen willst. Ob ein Ausbau von 200 auf 230 km/h problemlos möglich wäre, müsste untersucht werden.
[...]
Hier wird massig Geld zum Fenster rausgeschmissen aber für den Ausbau wirklicher Engpässe ist kein Geld da. Allein das Ausbauprogramm vom NVR für den Knoten Köln würde eine gute Entlastung bringen aber dafür ist nur wenig Geld da während man in Stuttgart mal eben einen ganzen Bahnhof verbuddelt. So krass sind hier die Gegensätze.
Der kleine, feine Unterschied ist, dass in Baden-Württemberg das Land, die Region, der Flughafen und die Stadt in hohem Maße eigenes Geld einsetzen, um den dortigen Bahnknoten umzubauen. Würden alle Bundesländer den Ausbau der Schieneninfrastruktur mit Milliardensummen unterstützen, sähe das Eisenbahnnetz in Deutschland sicher auch anders aus.
Nichtsdestotrotz sind die Prioritäten auf Bundesebene sicher verschoben. Maßnahmen im Knoten Köln, aber beispielsweise auch der Ausbau von Hanau--Fulda oder Frankfurt am Main--Mannheim müsste sicher deutlich intensiver vorangetrieben werden. Meines Wissens hat aber keines der betroffenen Bundesländer eigenes Geld in größerem Umfang in die Hand genommen, um dem Bund diese Ausbauten zu versüßen. Bayern und Baden-Württemberg sind hier schon weiter. Man mag davon halten, was man will...
Viele Grüße
Peter
--
unterwegs für freie Eisenbahn-Geodaten
Gedankenspiel: Bundesbahn im Jahr 2012
Lumi25, Sonntag, 05.08.2012, 01:42 (vor 4992 Tagen) @ bigbug21
Reisegeschwindigkeiten von über 150 km/h, die zu Reisezeiten von vier und weniger Stunden zwischen zahlreichen deutschen Ballungsräumen führen, sind sicher nicht zu vernachlässigen. Die Durchfahrungen von Fulda und Göttingen sind eindeutig politischem Druck geschuldet. Die Holzminden-Trasse und die ebenfalls im frühen Planungsstadium geplante Linienführung an Fulda vorbei (mit Anbindung an den Bahnhof Fulda über Verbindungen zu den Bestandsstrecken) hätten die Reisezeit um einige Minuten verkürzt. Einen geradezu revolutionären Unterschied, wie du ihn andeutest, hätten vielleicht 15 Minuten mehr oder weniger angesichts einer vielfach letztlich realisierten Reisezeitverkürzung im Bereich zwischen einer und zwei Stunden aber wohl nicht bewirkt.
Aus meiner Sicht gibt es für Deutschland nur 2 Modelle. Das eine Modell lehnt sich an Italien an. Das heißt man baut eine NBS mit Anbindungen ähnlich der Autobahn und schreibt vertraglich ein festes Angebot für diese Städte fest. Dieses System hat sich aber nicht mal mit Hannover-Würzburg durchsetzen können.
Das zweite Modell orientiert sich an der Schweiz.
In den späten 1960er Jahren wurden sowohl für Hannover--Würzburg als auch für Mannheim--Stuttgart Ausbauszenarien durchgespielt. Dort stellte sich dasselbe Problem wie bei späteren Projekten: Es ist eben nicht trivial, mit großem Aufwand mit zusätzlichen Gleisen durch die Vorgärten von tausenden Anwohnern zu fahren, während substantielle Reisezeitverkürzungen und grundlegende Neutrassierungen nicht möglich gewesen wären. Kapazität, Reisezeit und Weglänge bilden hier einen Dreiklang, der oft vergessen wird.
Die NBS Mannheim-Stuttgart dürfte wohl die wirtschaftlichste NBS sein. Hier ist ein entscheidenes Plus, dass gleich 4-5 Relationen von hier profitiert haben.
Mannheim-Stuttgart
Mannheim-Karlsruhe
Heidelberg-Stuttgart
Karlsruhe-Stuttgart
Pforzheim-Stuttgart
Diese NBS war daher nötig.
Es ist wohl unstrittig, dass die beiden Rheinstrecken schon seit langer Zeit überlastet waren (bzw. inzwischen wieder sind). Von daher hätte wohl so oder kein Weg an einer neuen Strecke vorbeigeführt. Die heute wieder zu hörenden Forderung, man hätte doch punktuell ausbauen oder eine flachere, güterzugtaugliche Neubaustrecke bauen können, würden ja zwischen den 1960ern und 1980ern diskutiert, untersucht und schließlich verworfen.
Das Problem ist Du siehst nur die Rheinstrecken es gab aber schon damals auch andere Wege nämlich über Siegen. Ich bin bei der Bombenentschärfung in Koblenz mal mit dem IC 2004 (Konstanz-Emden) ab Mannheim gefahren dieser wurde ab Worms über Frankfurt-West - Siegen nach Köln umgeleitet. Die Fahrzeit Frankfurt-West - Siegen Ost betrug dabei genau 75 Minuten. Ich behaupte mal ganz frech bei einer 200 km/h-Trasse wäre Siegen-Frankfurt in einer Stunde machbar. Zwischen Hagen und Siegen wären wohl einige Trassenbegradigungen nötig um hier zumindest eine Fahrzeit von 60 Minuten zu ermöglichen. Zieht man das zusammen wäre man ab Essen, Bochum oder Dortmund nach Frankfurt via. Siegen genau so schnell wie heute über die KRM.
Bei der linken Rheinstrecke sehe ich das anders. Auf kurzen Abschnitten ist ein viergleisiger Ausbau möglich wo man zumindest fliegende Überholungen ermöglichen könnte. Mainz Hbf - Gau Algesheim müsste schon heute viergleisig ausgebaut sein und was das Mittelrheintal angeht hier werden auf lange Sicht eh neue Tunnel gebohrt werden müssen, da das EBA ja nur noch einröhrige Tunnel genehmigt.
Sollte tatsächlich eine Güter-NBS kommen wird diese wohl nur das Mittelrheintal entlasten denn bis Köln durch ist unbezahlbar. Allersdings auch eine Güter-NBS kostet richtig viel Geld und wenn man dazu noch die Kosten der KRM addiert kommt man sicherlich locker auf bis zu 11-15 Millarden €.
Die Anwohner der Städte entlang der Strecke werden es dir danken, wenn du ihnen eine dreistellige Zahl von schnellen Fern- und Güterzügen mitten durch ihre Ortschafen fahren lassen willst. Ob ein Ausbau von 200 auf 230 km/h problemlos möglich wäre, müsste untersucht werden.
Ich denke die Anwohner von Celle, Uelzen und Lüneburg wären begeistert, wenn die Güterzüge nachts und teilweise am Tag über die Umfahrungen fahren anstatt mittendurch. Bei einer NBS gibt es wenn überhaupt nur nachts eine Entlastung oder glaubst du ernsthaft, dass tagsüber Güterzüge da fahren? Ansonsten könnte man die Trasse auch in Troglage verlegen. In Eschede z.B. kann man für den viergleisigen Ausbau die beiden Überholgleise mitnutzen so das dort kein weiterer Flächenverbrauch entsteht. Bei einem Richtungsbetrieb braucht man keine Überholgleise mehr.
Gedankenspiel: Bundesbahn im Jahr 2012
bigbug21, Montag, 06.08.2012, 00:34 (vor 4991 Tagen) @ Lumi25
Hallo Lumi 25,
nur noch kurz ein paar Anmerkungen:
[...]
Die NBS Mannheim-Stuttgart dürfte wohl die wirtschaftlichste NBS sein. Hier ist ein entscheidenes Plus, dass gleich 4-5 Relationen von hier profitiert haben.Mannheim-Stuttgart
Mannheim-Karlsruhe
Heidelberg-Stuttgart
Karlsruhe-Stuttgart
Pforzheim-StuttgartDiese NBS war daher nötig.
Die Dringlichkeitsreihung der frühen 1970er Jahre ist in den einschlägigen Wikipedia-Streckenartikeln dokumentiert.
[...]
Das Problem ist Du siehst nur die Rheinstrecken es gab aber schon damals auch andere Wege nämlich über Siegen. Ich bin bei der Bombenentschärfung in Koblenz mal mit dem IC 2004 (Konstanz-Emden) ab Mannheim gefahren dieser wurde ab Worms über Frankfurt-West - Siegen nach Köln umgeleitet. Die Fahrzeit Frankfurt-West - Siegen Ost betrug dabei genau 75 Minuten. Ich behaupte mal ganz frech bei einer 200 km/h-Trasse wäre Siegen-Frankfurt in einer Stunde machbar. Zwischen Hagen und Siegen wären wohl einige Trassenbegradigungen nötig um hier zumindest eine Fahrzeit von 60 Minuten zu ermöglichen. Zieht man das zusammen wäre man ab Essen, Bochum oder Dortmund nach Frankfurt via. Siegen genau so schnell wie heute über die KRM.
Eine sehr großräumige Variante über Singen wurde bereits Mitte der 1960er Jahre untersucht und verworfen (siehe http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Schnellfahrstrecke_K%C3%B6ln%E2%80%93Rhein/Ma... Die Kosten wären mit zwei Milliarden DM niedriger gewesen als bei einigen weiteren damals diskutierten Varianten. Mit der Umgehung der Hauptbahnhof Köln und Frankfurt sowie -- aus heutiger Sicht -- des Flughafen-Fernbahnhofs Frankfurt am Main wäre ihr Nutzen aber schon auf den ersten Blick deutlich geringer gewesen. Der Weg von Köln Hbf. über Siegen nach Frankfurt Hbf. ist mit über 230 km auch noch länger als der Weg über die linke Rheinstrecke (rund 220 km).
Von daher ist mir absolut nicht klar, wie Reisezeiten von gut einer Stunde zwischen Frankfurt Hauptbahnhof und Köln Hauptbahnhof erreicht werden können. Unklar ist mir auch, wie bei den hier ebenfalls vorhandenen zahlreichen Ortsdurchfahrten die Trasse um 50 oder 100 Meter in die eine oder andere Richtung abgerückt werden soll, die selbst bei überschaubaren Bögen bei einer Verdopplung der Entwurfsgeschwindigkeit notwendig werden.
Bei der linken Rheinstrecke sehe ich das anders. Auf kurzen Abschnitten ist ein viergleisiger Ausbau möglich wo man zumindest fliegende Überholungen ermöglichen könnte. Mainz Hbf - Gau Algesheim müsste schon heute viergleisig ausgebaut sein und was das Mittelrheintal angeht hier werden auf lange Sicht eh neue Tunnel gebohrt werden müssen, da das EBA ja nur noch einröhrige Tunnel genehmigt.
Die Tunnel-Sicherheitsrichtlinie des Eisenbahn-Bundesamtes schreibt zwei getrennte Röhren vor, wenn ein eingeschränkter Mischbetrieb von Personen- und Güterzügen in wenigstens 1000 m langen Tunneln vorgesehen ist.
Fliegende Überholungen mit abschnittsweise viergleisigen Abschnitten sind betrieblich sehr anspruchsvoll, gerade wenn nicht immer ganz pünktliche Güterzüge ohne selbst anzuhalten überholt werden sollen. Solche Konzepte können, ebenso wie dreigleisige Ausbauten, der Entlastung dienen, werden aber nie die Kapazitätseffekte einer reinrassigen Neubaustrecke mit entsprechender Entmischung erreichen.
[...]
Ich denke die Anwohner von Celle, Uelzen und Lüneburg wären begeistert, wenn die Güterzüge nachts und teilweise am Tag über die Umfahrungen fahren anstatt mittendurch. Bei einer NBS gibt es wenn überhaupt nur nachts eine Entlastung oder glaubst du ernsthaft, dass tagsüber Güterzüge da fahren? Ansonsten könnte man die Trasse auch in Troglage verlegen. In Eschede z.B. kann man für den viergleisigen Ausbau die beiden Überholgleise mitnutzen so das dort kein weiterer Flächenverbrauch entsteht. Bei einem Richtungsbetrieb braucht man keine Überholgleise mehr.
Eine durchgehende Strecke für 200 km/h, mit großräumigen Umfahrungen von Lüneburg und Uelzen, wurde bereits Mitte der 1960er Jahre vorgeschlagen (http://de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_Hannover%E2%80%93Hamburg). Warum diese Variante später nicht weiter verfolgt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Angesichts der zahlreichen weiteren Durchfahrten hätte eine weitgehend siedlugnsferne Neubaustrecke, die gleichzeitig Wege verkürzt und noch etwas größere Entwurfsgeschwindigkeiten zulässt, sicher ihren Reiz. Ob bei vier durchgehenden Streckengleisen noch Überholgleise erforderlich sind, hängt vom zu Grunde gelegten Betriebsprogramm ab.
Viele Grüße aus Dresden
Peter
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unterwegs für freie Eisenbahn-Geodaten
Gedankenspiel: Bundesbahn im Jahr 2012
bigbug21, Samstag, 04.08.2012, 23:28 (vor 4992 Tagen) @ Eisenacher
Hallo Eisenacher,
Hallo zusammen,
hat jemand von euch Lust auf ein kleines Gedankenexperiment? Wo wären wir heute, wenn es die Bahn noch als Behörde gäbe? Was wäre anders und was wäre gleich? Daraus ergibt sich dann, ob man es individuell besser oder schlechter fände.
Das ist eine interessante Frage.
Ich denke, dass wir einige Innovationen weniger auf dem Markt hätten. Handyticket, Onlineticket? Vielleicht nur in Kombi mit dem biometrischen Personalausweis. Andererseits glaube ich, dass die Bahn noch an Bahnhöfen präsent wäre, durch eine örtliche Aufsicht und einen Fahrkartenschalter. Die Preise wären vermutlich deutlich höher, die Löhne aber auch.
Die Innovationsfreudigkeit eines Organisation hängt nicht zwingend von deren Struktur ab. Es gibt moderne, innovative Behörden und gleichzeitig träge Unternehmen. In der Regel führt Wettbewerb aber schon zu besseren Lösungen, wobei ich bei der Deutschen Bahn vielfach den Eindruck habe, dass dort in einigen Bereichen über die Maßen gespart und der Kunde nicht in dem Maße im Fokus steht, wie es wünschenswert wäre. Der Regionalverkehr hat dabei sicher von der weitgehenden Öffnung für Wettbewerb profitiert, während im Fernverkehr Wettbewerberbern zumindest noch indirekt das Leben schwer gemacht wird; die DB hat hier mit ihrem insgesamt noch dichten Angebot, der BahnCard, ihrem Vertriebssystem und weiteren Faktoren noch einen riesigen Stein im Brett, gegen den nur schwer anzugehen ist.
Zurückblickend auf gut 45 Jahre Reichs- und Bundesbahn ist ein Vorteil der "Behördenbahn" aus heutiger Sicht sicher ihre insgesamt größere Offenheit. Obwohl wir als Steuerzahler weite Teile des Netzes und des darauf laufenden Betriebs Jahr für Jahr mit Milliardensummen finanzieren, werden uns grundlegende Informationen vorenthalten. Die De-facto-Geheimhaltung des Netzzustandes, von Fahrgastzahlen und Verspätungsdaten (jeweils im Regionalverkehr), aber beispielsweise auch von grundlegenden Infrastrukturdaten lässt sich rational kaum begründen. Blickt man in die alten Fachzeitschriften, findet man darin noch konkrete Zahlen, Werte und so manche selbstkritische Aussage, die man heute kaum noch zu lesen bekommt.
Durch bewusste und unbewusste Geheimhaltung wird in vielen Fällen durch die Hintertür Wettbewerb erschwert. Wenn man auf die Geschichte der Marktöffnung der Eisenbahn-Infrastruktur in Deutschland ansieht, zieht sich gerade durch das Trassen- wie auch das Bahnstrompreissystem eine Geschichte der Diskriminierung von Wettbewerbern. Die Bundesnetzagentur zeigt hier zunehmend Biss, aber Regulierung ist natürlich mit Kosten und Aufwand verbunden. Das ist auch ein ganz klarer, starker Grund für eine saubere Trennung von Netz und Betrieb. Eine tatsächlich neutrale Netzgesellschaft hat keinen Grund, einen Wettbewerber zu bevorzugen, während die kaum im Detail zu durchblickenden Konzernstrukturen der DB hier noch genügend Spielraum bieten.
Ein wesentlicher Nachteil einer Behördenbahn ist dagegen ihre wesentlich größere Abhängigkeit von der Politik. Auch wenn deren Einfluss heute immer noch groß ist, liegt der Regionalverkehr nun grundsätzlich in den Händen der Länder, die entscheiden müssen, wie sie ihre Regionalisierungsmittel am besten einsetzen.
Eher als Nachteil würde ich auch die Verbeamtung weiter Teile der Mitarbeiterschaft sehen. Dienst nach Vorschrift und Kundenorientierungen passen nur sehr begrenzt zusammen.
Die Preise im Fernverkehr wären bei einer Behördenbahn wohl eher niedriger, da sie stärkeren politischen Zwängen unterliegt. Im Regionalverkehr müssen Tarife bis heute genehmigt werden. Zumindest formal gibt es in diesem Bereich keinen Unterschied. Welche Auswirkungen die technische Entwicklung, mit Onlinetickets und inzwischen wohl recht brauchbaren Automaten, bei einer Behördenbahn genommen hätte, ist schwer zu sagen. Die Rahmenbedingungen konnten ja auch zu Bundesbahn-Zeiten nicht ausgeblendet werden und führten zu Jahrzehnten der kontinuierlichen Rationalisierung.
Wie wäre wohl das Linienangebot? Würde es nur wenig HGV Verkehr geben, dafür ein stärkeres IC und womöglich IR Netz? Wären die Baureihen 411 und 415 vielleicht tatsächlich als IR unterwegs? Hätte es die KRM gegeben – inkl. Limburg Süd?
Köln--Rhein/Main, bzw. das Vorgängerprojekt Köln--Groß-Gerau, war schon Anfang der 1970er Jahre das dringendste Projekt unter den deutschen Neubaustrecken, fiel jedoch aufgrund zäher Diskussionen hinter Hannover--Würzburg und Mannheim--Stuttgart zurück. Im Übrigen gab es schon in den 1970er Jahren konkrete Überlegungen für Bahnhöfe in Limburg und Montabaur -- wenn auch in modifizierter Form. Auch bei den ersten beiden deutschen Neubaustrecken wurden Halte in vergleichbaren Städten wie Vaihingen (Enz) oder Northeim vorgesehen, während die Strecken in weiten Teilen siedlungsfern verlaufen und sich damit diese Fragen vielfach nicht stellten.
Viele Grüße aus Dresden
Peter
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unterwegs für freie Eisenbahn-Geodaten
![[image]](http://www.bahnknoten-ingolstadt.de/pics/collage.jpg)