(USA/CA) Adirondack Montréal nach New York City (2 Bilder) (Reiseberichte)
Hi!
Meine wohl erstmal letzte Bahnreise im Ausland führte mich von Montréal nach New York nachdem die Hinfahrt mit dem Greyhound erfolgt war, da der Zug (am Columbus-Day) komplett ausgebucht war.
Der Adirondack genannte Zug verkehr einmal täglich/Richtung in 11 Stunden auf der "nur" 613km langen Strecke zwischen Montréal und New York City, d.h. zwischen USA und Kanada sowie der kanadischen Provinz Quebec und dem amerikanischen Bundesstaat New York. Andere Bundesstaaten werden nicht tangiert.
Die Fahrzeit an sich ist für einen "Schnellzug" völlig indiskutabel und auch nicht durch eine topographisch schwierige Strecke gerechtfertigt. Der Zug benötigt für die Ausfahrt from "Gare Central" (on parle franicais) in Montréal bis zur nicht mal 50km entfernten Grenze USA/CA schon mal 1 1/2 Stunde. Es gilt zu beachten, dass man nicht einfach auf den Bahnsteig gehen und einsteigen kann, sondern das man erstmal in der (hübschen) Bahnhofshalle wartet, dort die Tickets kontrolliert werden und man schließlich zum unterirdischen Bahnsteig kommt, der eher Aussieht als würde hier Post verladen und den Zug nach dem First come/First serve-Prinzip betreten kann. Man hat eine Sitzplatzgarantie, aber keinen reservierten Platz.
Dabei ist die Strecke abseits von Montreal ziemlich gradlinig, der Zug hält aber ständig an und bewegt sich auch sonst meistens mit 20 km/h, 50 km/h sind schon das höchste der Gefühle. Es kommt bestes Nebenbahnfeeling auf. Teilweise müssen die Bahnübergänge wohl von Hand angeschaltet werden und es gibt zwei recht interessante Ortsdurchfahrten.
Für den Grenzübertritt in die USA wird dann auch gleich eine ganze Stunde veranschlagt. Ein wenig hat mich das ganze an die innerdeutsche Grenze in Probszella erinnert, obwohl die Grenzer zugegebermaßen etwas freundlicher sind als damals (bin ich eigentlich alt, weil ich das noch weiß?). Auf jeden Fall kennt man sowas wie Grenzkontrolle im Zug, was in Europa grundsätzlich gang und gäbe ist (bzw. war, Schengen sei dank) nicht.
In den USA geht es zunächst etwas flotter voran, geschätzt fährt der Zug mit 80 km/h an idyllischen Seen vorbei, wobei die Strecke so nah am See ist, das man das Ufer neben der Strecke nur erkennt, wenn man am Fenster direkt nach unten schaut. Aber auch hier gibt es immer wieder Geschwindigkeitseinbrüche bis zum Stillstand, nächster richtiger Zwangspunkt ist aber die Kreuzung mit dem Gegenzug, die aber sogar relativ pünktlich klappte.
Ab da geht es dann weiter gemütlich (50 km/h) an Flüssen und Seen entlang und hier könnte man der Strecke sogar zu gute halten, dass sie kurvig ist, in Deutschland wären hier aber sicher größtenteils 120 km/h möglich (ohne NeiTech). Der ganze Streckenteil scheint mehr oder weniger nur von Amtrak benutzt zu werden, d.h. es fahren hier das ganze Jahr nur 2 Züge/Tag.
Irgendwann erreicht man dann Albany, dort wird der Aussichtswagen abgehängt und die Lokomotive von Diesel auf Hybrid getauscht, weil man im Stadtgebiet von New York City wegen der vielen Tunnel nicht mit Diesel fahren darf. Das lässt man sich dann auch wieder gemütliche 45 Minuten kosten, die aber immerhin für möglicherweise nötige Raucherpausen angesagt werden und man aussteigen darf.
Ziemlich bescheuert ist, dass in den Wagen bei abgehängter Lokomotive nur noch die Notbeleuchtung funktioniert und die Klospülung auch keine Energie hat. Letzteres ist wirklich ein Ärgernis. Ansonsten sind die Wagen recht komfortabel, die Sitze sind breit und verstellbar, es gibt Fußstützen und da die Sitze immer in Fahrtrichtung gedreht sind hat man auch viel Beinfreiheit. Außerdem gibt es Steckdosen und Leselicht.
Zwei Bilder aus Albany, Lok mit Aussichtswagen, Zugschluss:
Nach Albany ist das Bordcafé erstmal geschlossen, allerdings nicht lang. Also hab ich erst danach ausgesucht. Verglichen mit dem ausgezeichneten australischen Speisewagen ist es sehr dürftig. Es gibt aufgewärmtes Essen aus der Microwelle magerer Qualität zu gesalzenen Preisen. Scheinbar musste Amtrak hier sparen und es gibt daher kein "richtiges" warmes essen mehr.
Nach Albany wird die Geschwindigkeit etwas besser, man befindet sich jetzt auf Amtrak- bzw. Metropolitan Transport Authority-Gleisen, die dem weiteren New Yorker Nahverkehr dienen. Da es jetzt dunkel war lässt sich die Geschwindigkeit aber auch schwerer einschätzen. Immernoch kommen diverse "unplanmäßige" Halte hinzu, die die Fahrt in die Länge ziehen, bis man nach gefühlten Ewigkeiten den größten Bahnhof in New York erreicht, die Penn Station.
Letztere ist leider nicht so schön anzusehen wie der Gare Centrale in Montréal auch auch nicht zu vergleichen mit dem kleineren Grand Central Terminal ("Grand Central Station"). Ursprünglich war hier eine 1906 erbaute, im römischen Stil gehaltene Bahnsteighalle. Allerdings hat man diese in den 1960er Jahren ("Manhatten 21"?) abgerissen und heute befindet sich über den Bahnsteigen der Madison Square Garden. Allerdings waren die Bahnsteig schon immer unterirdisch, da alle Bahnanlagen in Manhatten mehr oder minder unterirdisch sind und in einen Tunnel unter dem East oder dem Hudson-River übergehen. Die Bahnsteige an sich sehen auch eher aus als wären sie für die Gepäckverladung aber man kann sich wie gesagt dort eh nicht aufhalten. Das Verteilergeschoss ist ganz ansprechend, soll aber wohl in der Rush-Hour aus allen Nähten platzen.
Gerne hätte ich euch auch von Acela-Express berichtet, aber eine Fahrt ließ sich finanziell und zeitlich nicht realisieren.
Gruß
Johannes