Gestern Fahrbetrieb auf der Transrapid-Versuchsanlage (m.B.) (Allgemeines Forum)

Sese, Donnerstag, 01.09.2011, 16:36 (vor 5524 Tagen)

Hallo,

gestern stand auf der Transrapid-Versuchsanlage im Emsland seit langer Zeit mal wieder Fahrbetrieb mit dem TR09 statt. Daher haben Holger_HAM, Frank Augsburg und ich gestern den Weg nach Lathen auf uns genommen, um den Transrapid noch einmal in Deutschland in Aktion zu sehen. Nach allem was man hört, dürfte der Versuchsbetrieb auf der TVE ab Ende des Jahres eingestellt werden und die Anlage abgerissen oder in ein Versuchszentrum für Elektromobilität umgewandelt werden. Kurzum: Wenn nicht ein mittelgroßes Wunder geschieht, sind die Tage für den Transrapid in Deutschland gezählt.

Nachfolgend ein paar Bilder von gestern. Kaum kamen wir gegen 10:30 am Besucherzentrum in Lathen an, fing der Fahrweg schon an zu summen und kurz drauf schwebte der Transrapid in Richtung Nordschleife vorüber.
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Da er ja in einigen Minuten wieder zurück kommen musste, wechselten wir kurz den Standort. Kurz drauf war es dann auch so weit:
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Nach der Fahrt fuhren wir zur nördlichen Weiche, wo der TR kurz darauf nach Süden kam.
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Nebenbei: Unser fahrbarer Untersatz samt Fahrer :-)
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Unsere Hoffnung, dass die Weiche umgestellt wird und der Zug noch einmal kommt, wurde nicht erfüllt. So fuhren wir nach rund einer halben Stunde wieder zurück zum Versuchszentrum, wo der TR stand.
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Blick von unten auf den Transrapid, gut zu erkennen ist die Motorwicklung. Weiß jemand, wozu die beiden Kabel rechts sind? Ich vermute, dass die für die induktive Energieübertragung IPS sind, bin mir aber nicht ganz sicher.
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Nachdem der Zug länger am Besucherzentrum stand, haben wir uns dort mal umgesehen. Als wird drinnen waren, fuhr der Zug wieder nach Norden ab. Drum entschlossen wir uns, dem Zug zu folgen und uns am Aussichtspunkt in der Nordschleife zu positionieren. Leider kam der Zug dann erstmal nicht mehr vorbei, vielmehr muss er über zwei Stunden in der Südschleife gestanden haben. Nach einer ewigen Warterei, zusammen mit einigen anderen Interessierten, kam der TR dann nach 2,5 Stunden doch nochmal vorbei.
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Während der Zug die Nordschleife durchquert hat man genug Zeit zum Standortwechsel.
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Wir entschlossen uns dann, den Rückweg zum Besucherzentrum anzutreten. Auf dem Weg dahin kam uns der TR noch einmal entgegen, sodass wir am Besucherzentrum noch einmal kurz warteten. Es dauerte nicht lange, und der Zug kam noch einmal nach Süden durch.
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Nach wenigen Minuten kam der Zug aus der Südschleife zurück und hielt hinter der Weiche, die ins Versuchszentrum führt. Damit ist klar: Für heute ist der Fahrbetrieb beendet.
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Einfahrt ins Versuchszentrum:
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TR09, abgestellt im Versuchszentrum.
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Alles in allem war es ein sehr interessanter Besuch und sehr wahrscheinlich auch eine der letzten Möglichkeiten, den Transrapid in Deutschland in Aktion zu sehen. Ein bisschen bizarr ist das in dem Besucherzentrum schon: Offiziell wird der TR noch als DAS Transportmittel der Zukunft beworben, aber eigentlich weiß auch dort jeder: Der Ofen ist aus. Schade eigentlich...

--
Grüße,
Sese

Vielen Dank für diesen tollen Bildbericht

BR_103, Donnerstag, 01.09.2011, 17:00 (vor 5524 Tagen) @ Sese
bearbeitet von BR_103, Donnerstag, 01.09.2011, 17:01

Wenn es wirklich wahr sein bzw. werden sollte das die Tage des Transrapid in Deutschland - also dem Herkunftsland dieser Technik - gezählt sind dann ist dies für Deutschland ein Armutszeugnis und eine ausgemachte Sauerei. Einfach deswegen weil die Kurzsichtigkeit und der Egoismus in unserem Lande sich immer stärker breit macht.

Wie muss das denn im Ausland wirken wenn eine so tolle Technologie wegen einigen stark kurzsichtigen Leuten keine Zukunft hat. Es ist einfach ein Armutszeugnis für Deutschland das hier fast kein Grossprojekt mehr realisiert werden kann und wenn es bzw. sie überhaupt zustande kommt dann nur unter starken Verzögerungen mit den entsprechenden Kostensteigerungen. Da ist es auch egal ob ich an Stuttgart 21 denke, oder an die NBS Frankfurt-Köln, Würzburg-Hannover etc.etc. - von Flughafen Projekten ganz zu schweigen.....

Was sich hier letztlich breit macht ist so eine Mentalität "wo anders gerne aber nur nicht vor meiner Haustür". Die Leute die so etwas blockieren sollten doch mal dringenst zum Augenarzt gehen und ihre Kurzsichtigkeit behandeln lassen.

Sehr guter Bericht / klasse Fotos

jcords, F, Donnerstag, 01.09.2011, 18:07 (vor 5524 Tagen) @ Sese

Hallo - vielen Dank für den ausführlichen Bericht und die guten Bilder - interessant für mich als Laien, dass die Lackierung suggeriert, dass man sofort in den Echtbetrieb der DB wechseln könnte, wenn es nur die Trasse gäbe.

Gestern Fahrbetrieb auf der Transrapid-Versuchsanlage (m.B.)

john-vogel, Donnerstag, 01.09.2011, 19:18 (vor 5524 Tagen) @ Sese

Hehe, das Kennzeichen hätt ich auch gern! :-P

[OT] Kennzeichen

Markus, NNST, Freitag, 02.09.2011, 07:41 (vor 5524 Tagen) @ john-vogel

Hehe, das Kennzeichen hätt ich auch gern! :-P

Das dachte ich mir auch. Ich werde es mal beantragen :-)

Transrapid Oldschool -- Berliner M-Bahn

Ozzwald, Donnerstag, 01.09.2011, 19:28 (vor 5524 Tagen) @ Sese
bearbeitet von Ozzwald, Donnerstag, 01.09.2011, 19:29

Denke gibt einige, die kennen den / die Berliner M-Bahn nicht... Bin als kleiner Junge oft damit gefahren .... totes Land, ex. Todesstreifen. Heute: Metropole.
Erinnere mich noch sehr gut an all das. Wohne noch heute dort...

M-Bahn #1

M-Bahn #2

Erinnerungen

Holger_HAM, Hamm (Westfalen), Donnerstag, 01.09.2011, 19:45 (vor 5524 Tagen) @ Ozzwald

Hallo,

Denke gibt einige, die kennen den / die Berliner M-Bahn nicht... Bin als kleiner Junge oft damit gefahren .... totes Land, ex. Todesstreifen. Heute: Metropole.
Erinnere mich noch sehr gut an all das. Wohne noch heute dort...

sehr interessant, hätte nicht gedacht, dass die noch 1991 fuhr. Sehr gut kann ich mich auch noch an den "Türkischen Basar" und den Trödelmarkt auf der Trasse der U-Bahn in Kreuzberg erinnern, die Fahrt durch die im Schummerlicht liegenden "Geisterbahnhöfe", Grenzkontrolle an der Friedrichstraße,...plötzlich wird einem klar, dass man Zeitzeuge ist. Sehr am Herzen liegt mir auch das Technikmuseum in Berlin. Seit den 80er-Jahren schaue ich dort regelmäßig vorbei und betrachtet mit Freude, wie es so vor sich hinwächst. :-)

--
Viele Grüße aus Hamm in Westfalen,
Holger
***
Der bahn.kommfort-Briefkasten. Auch vor Ihrer Haustür!
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Basar ?!

Ozzwald, Donnerstag, 01.09.2011, 20:14 (vor 5524 Tagen) @ Holger_HAM

Meinst du , die Bahnhöfe Bülowstraße und Nollendorfplatz die mal so ne Basare waren, stimmt. Heftig, die jetzigen Bf der U2 ..... ...

Oder den Flohmarkt neben dem Bahnhof Mendelsohn-Bartholdy-Park (bissel hinter dem M-Bahn-Bahnof Bernburger Str ) wo jetzt das Hotel steht...

Basar ?!

Holger_HAM, Hamm (Westfalen), Donnerstag, 01.09.2011, 20:20 (vor 5524 Tagen) @ Ozzwald

Hallo,

Meinst du , die Bahnhöfe Bülowstraße und Nollendorfplatz die mal so ne Basare waren, stimmt. Heftig, die jetzigen Bf der U2 ..... ...

die beiden Bahnhöfe meine ich. Trödelmarkt im U-Bahn-Wagen. ;-) Und zwischen den beiden Stationen fuhr eine Straßenbahn auf der Hochbahntrasse.

Interessante Aufnahmen aus dem Westberlin der späten 60er/frühen 70er-Jahre finden sich auch in dem Film "Das Quiller Memorandum", habe den vor kurzem nach langer langer Suche endlich gefunden.

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Viele Grüße aus Hamm in Westfalen,
Holger
***
Der bahn.kommfort-Briefkasten. Auch vor Ihrer Haustür!
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Basar ?!

Ozzwald, Donnerstag, 01.09.2011, 20:33 (vor 5524 Tagen) @ Holger_HAM
bearbeitet von Ozzwald, Donnerstag, 01.09.2011, 20:34

Stimmt, die Straßenbahn hatte ich vergessen ... ach ja....

Das is aba Schöneberg ;)

Transrapid Oldschool -- Berliner M-Bahn

cyberle, Düsseldorf, Donnerstag, 01.09.2011, 21:21 (vor 5524 Tagen) @ Ozzwald

war aber bisschen was anderes

Geführt wurde die M-Bahn sowohl horizontal als auch vertikal von kleinen Rädern

Transrapid Oldschool -- Berliner M-Bahn

Ozzwald, Donnerstag, 01.09.2011, 22:37 (vor 5524 Tagen) @ cyberle

na wollen wa ma nich kleinlich sein ;)

Sag zum Abschied leise Servus...

Frank Augsburg, Ansbach, Donnerstag, 01.09.2011, 22:46 (vor 5524 Tagen) @ Sese

Hallo alle,

wie berichtet war ich ja auf der Tour mit von der Partie. Das erste und wohl auch das letzte Mal. Um es mit Sese zu sagen: schade eigentlich.
Den TR habe ich (als Eisenbahner) nie als meinen Konkurenten gesehen, eher als meine Ergänzung. Insofern war ich gestern, als wir die Anlage verließen, zwar nicht wehmütig gestimmt, nur etwas melancholisch. Weil: Wofür stand über viele, viele Jahre der TransRapid?
Er stand für Fortschritt, für eine neue Zeit, für Hochtechnologie, für die Überlegenheit deutscher Ingenieurskunst. Und, und, und.
Wie viele Politiker = Entscheidungsträger haben sich vor, in und neben diesem Produkt ablichten lassen, haben damit Wahlkampf gemacht, sind damit auf Stimmenfang gegangen? Heute - nein, heute will es keiner gewesen sein. Wie immer.
Heute steht die ganze Anlage vor dem Aus (aber das AUS ist NOCH nicht gekommen), und man findet folgerichtig an solch einem Fahrtag keine Persönlichkeit vor.
Es ist auch zu spät, jemanden in Lathen betreffs TransRapid- Problemen zu konsultieren. Das macht man besser in China, wo es immerhin eine kommerzielle Strecke gibt. Wie lange die Bestand hat - keine Ahnung. Wird sie in absehbarer Zeit durch ein konventionelles System ersetzt? Auch keine Ahnung.
Aber: Eine Chance für den TR hat hier in Deutschland eigentlich nie bestanden, auch nicht mit der Piste Hamburg - Berlin. Und schon gar nicht mit den MetroRapid Ruhrgebiet oder München. Dann viellicht eher noch (so ein Gespinst von mir!) mit einer Verbindung Hamburg - München in den 80ern, als noch alles ging. Doch da fehlte der Mut.
Schade eigentlich.
Und so ist es wie oft: Wir Deutschen denken uns viele Sachen aus und bringen sie bis kurz vor die Serienreife. Aber wenn es denn endlich dazu kommen soll, dann denken wir die Sachen nicht bis zu Ende. Oder haben Bedenken. Machen tun es die anderen und wir sitzen auf dem Sofa und meckern darüber, daß irgendwo doch eigentlich DEUTSCHE Technologie im Einsatz ist, wovon wir Deutschen aber nichts haben.
Darüber sollten wir alle mal nachdenken. Für den TransRapid ist es wahrscheinlich zu spät.
Schade, eigentlich.

Beste Grüße aus Ansbach
Frank

(Das war ein Nachruf)

--
"Die Ferne ist ein schöner Ort,
doch wenn ich da bin, ist sie fort.
Die Ferne ist wo ich nicht bin,
ich geh und geh und komm nicht hin."

(Silly, mit der leider viel zu früh verstorbenen Tamara Danz)

Sag zum Abschied leise Servus...

AX-330, Samstag, 03.09.2011, 04:42 (vor 5523 Tagen) @ Frank Augsburg

Moin,

anschließend an Franks schönen Nekrolog möchte ich meinen beisteuern. Vorweg aber ein riesengroßes Dankeschön an die Jungs, die die Reise und die teilweise irren Photo-Wartezeiten auf sich genommen haben und das prächtige Erlebnis hier jedermann zum Dran-Teilhaben-Lassen zur Verfügung stellen! Und ein Extraklasse-Lob an denjenigen, der sich den roten Passat Variant hält - der ist ja richtig schick in Schale. Bitte erhalte den weiter so - und vor allem, was für eine stilsichere Fahrzeugwahl für diese Mission! Als man dieses Fahrzeug in Wolfsburg erdacht hat, stand der ICE1 nicht mal auf der Schiene, aber der Transrapid war gefühlt trotzdem in fünf Jahren schon Wirklichkeit.

"Sag zum Abschied leise Servus", sagte Frank. Geht mir auch so, nachdem ich diese Bilder gesehen, Seses Untertitel gelesen und realisiert habe, daß Ende des Jahres in Lathen Schluß ist. Ich habe irgendwo damit gerechnet, daß die Wiederaufnahme des Versuchsbetriebs nach dem Unfall vielleicht nur noch dazu dienen mag, offene Fragen für die Chinesen zu klären oder die Akten bei Siemens sinnvoll zu schließen, aber dran gedacht habe ich nicht mehr, bis ich heute abend auf den Thread gestoßen bin.

Vielleicht klingt das jetzt hochtrabend, aber mich begleitet und fasziniert diese Anlage seit ziemlich frühen Kindheitserinnerungen. Als stolzer Drittkläßler kam ich mit meiner Familie mal von einer Einkaufstour aus Enschede zurück, und mein Vater hat glücklicherweise beschlossen, sich diese Teststrecke mal genauer anzusehen. Wir standen im Hochsommer irgendwo unter dem Fahrweg. Boah, was sah die für einen Viertkläßler geil aus von unten! Star Wars im echten Leben, diese Statorwindungen und diese surrealistische (ich habs damals wahrscheinlich eher "unheimlich" genannt) Kulisse - ringsherum nur plattestes Emsland mit Reethöfen und Kühen, dann diese fette Trasse auf brutalen Betonständern. Ich hatte Angst vor dem Ding. Auf einmal - mein Vater (Anwalt, kein Naturwissenschaftler) brach sich gerade einen dabei ab, mir zu erklären, was diese Windungen tun - fing dieses ganze Ding an, ganz leise zu summen. Dann wurde es lauter, pfiff, summte - und brummte satt und zufrieden, aber eher wie eine James-Bond-Maschine als der Märklin-Trafo von meinem Nachbarskumpel. Ich hatte sowieso schon Schiß vor dieser Struktur, und dann erwachte die auf einmal zum Leben.

Kurz nach dem Summen rauschte es wie tausend Klospülungen, dann bebte die Erde ganz kurz. Es klang für zwei, drei Sekunden so, als ob eine F-4 über meinen Kopf rüberfliegt, aber ohne das lange Kommen und Gehen. Das war ziemlich cool, nachdem die Überraschung und die Angst weg war. Nochmal, bitte - und vor allem: Wo kann ich da mitfahren? :-)

Knapp fünfzehn Jahre später steckte ich gerade in den Wirren eines Technikjournalistik-Studiengangs, als ich zuhause bei den Eltern frühstückte und meine Mutter aus der Zeitung hochblickte: "Heute gibts Versuchsfahrten und einen Tag der offenen Tür beim Transrapid. Wär das nichts für dich? Könntste doch drüber schreiben." Drei Stunden später waren Mama, Papa und ich in Lathen am Besucherzentrum. Das "drüber schreiben" war mir scheißegal, man konnte in der Karre mitfahren. Darum gings mir, vierhundert Sachen! Mein alter Schwede.

Muttern hätte ich besser mal zuhause gelassen, das war klar, sobald wir auf dem Gelände der Teststrecke ankamen. Eine schlechte Miniaturkirmes war dort aufgebaut, zwei Würstchenbuden, ein Bieranhänger vom Getränkeverleger vor Ort, häßliche Behelfszelte und vier Omnibusse mit nordrhein-westfälischem Kennzeichen. Überall Rentner, ganz vereinzelt verliefen sich Kinder mit Zuckerwatte. Wir sind natürlich sofort aufs Risenrad gegangen. Äh, ins "Besucherzentrum".

Dort gab es eine konsequent geplante Besucherflußführung vom Kassenhäuschen in eine weitere Behelfshalle, in der ein Film dargeboten wurde, der von der Qualität her die karikierten Seiten von Gabelstapler-Klaus toppte. Lächelnde Pärchen in einem ICE2, dann Schnitt, und eine Computeranimation vom Äußeren des Transrapid plus Zoom-"Effekt. Wir waren im Sommer 2007 dort, und der München-Flughafentransrapid war in diesem Film immer noch "mit hohen Realisierungschancen" oder so verknüpft.

Das wurde mir aber nur berichtet, denn ich bin direkt ins Riesenrad gegangen - an einer lieblosen Artefakt-Ausstellung vorbei direkt zum Objekt der Begierde, hinein ins Verkehrsmittel der Zukunft. Eine solide Metalltreppe hoch, rein in den Zug. Man darf hier zumindestens im Sinne der Inszenierung, vielleicht auch im Sinne der Schulung, von Zub sprechen, die dort das Einsteigeprozedere betreuten. Lustige Phantasieuniformen hatten die an, egal. Rein.

Innen? ICE2. Ach, halt - hier muß ich die Fachleute bitten. TR7? Dieselben Sitze jedenfalls, in komfortablen Zwei-plus-drei. Tinitus-Türschließgeräusch war auch da, und dann... ja, los gehts.

Disclaimer: Während der Fahrt haben die "Zub" pro Wagen irgendetwas erzählt, was wie Blödsinn klang, ich habe mich auf andere Dinge konzentriert.

Auf einmal tat es einen Ruck, als wenn ich jetzt gegen einen Schuhkarton trete und gucke, wie der durch die Gegend kullert. Kein Geräusch dabei hörbar. Ahhh -wir schweben :-)

Nun vibrierte es los wie in einem 485 und klang in etwa so, als wenn man mitten in einem Stromrichter einer halbwegs modernen Drehstromlok sitzt. Das Geräusch war verblüffend laut, den ICE-Treff-Verhältnissen entsprechend eher störend. Die auf den (ICE2 eben) auf den Displays über den Wagenübergängen (puh, kein Plan, ob die jemals jemand begehen wollte während einer solchen Testfahrt) angezeigte Geschwindigkeit und eine Handfahrt mit dem Chronometer ergab: Ein Meter pro Sekunde Quadrat. Besonders unter fünfzig Sachen polterte und rumpelte das Ding schlimmer als eine S-Bahn mit Flachstellen.

Ab 100 km/h wurde es dann... milder. Wesentlich milder. Das Stromrichtergeräusch trat in den Hintergrund, die Vibrationen hörten auf. Nicht völlig, aber sie wurden wesentlich geringer. Und was mich dann gefesselt hat - ich saß am Fenster mit Blick auf die tolle Tachoanzeige im Wagen - war die Art und Weise, in der die Kiste an Geschwindigkeit zugelegt hat.

Jeder von uns ist schon mal in einem 422 oder in einer straff gefahrenen Straßenbahn gewesen und kennt die Beschleunigung. Die hält der Transrapid bis auf ungefähr 350 Sachen durch, wenn ich mich richtig erinnere. Das Teil zieht ab wie nicht gescheit. Es ist absolut surreal. Besonders, weil man auf dem "Tachometer" sieht, wie fix man ist, draußen das Emsland vorbeiknallt und man außer einem entspannten Lüftungsrauschen nichts mehr hört. Es säuselt und dröhnt leicht,aber soo leise ist die Kiste gar nicht mal. Ich bin kein Ingenieur, aber ich nenne es mal.. Eigenvibration oder Körperschall oder so. Das Fahrzeug bebte, schnüffelte irgendwie der Streke hinterher. Ich hab mir kurzzeitig vorgestellt, daß ich Elektroingenieur bin und die tollsten Algorithmen zur Stoßdämpfung entwickele, aber dann dieser dämliche Ing-Kollege vom Betonbau sich mal um nen halben Zentimeter bei seiner Abnahme verrechnet hat. Ein Einser zwischen Hannover und Berlin liegt ruhiger, als es der Transrapid auf der Teststrecke tat. Aber das ist egal. Wir fahren nicht 250 oder 280 oder 330. Wir könnten jetzt auch 550 fahren. Darum geht es. Wir könnten uns garantiert irgendwas ausdenken, um den Fahrweg so auszumessen, daß es schwebt statt hubbelt.

Am schönsten war die Runde, als wir am Testzentrum vorbeiknallten und 353 km/h auf dem Tacho standen. Ich hab aus dem Fenster gesehen und gelacht, weil die Welt da draußen so fast verzerrt vorbeikachelte - nein, ich habe laut gelacht vor Freude - und der knapp siebzigjährige Herr neben mir bölkte: "Was gibts denn da zu sehen?", knuffte mich in die Rippen, guckte böse und deutete nach vorne zum "Zub", das gerade irgendeinen Blödsinn von Industriekonsortien schwafeln mußte.

Mir hat das sehr geholfen, Deutschland zu verstehen, seine Funktionsweise, ich empfand das irgendwie als Nachhall der Ära Kohl, die ich als 83er nur so halb miterlebt habe. Meine Güte, wir knallen magnetschwebend nur deswegen mit irgendwas, pah, vielleicht irgendwas unter 400 Sachen durchs Emsland, weil wir eine Routinekirmes draus gemacht haben aus dieser unfaßbaren Ingenieursleistung. Und sobald du nicht dem Kirmesaufseher zuhörst, gibts Ärger. Das Selbstverständlichste der Welt. Mal aus dem Ärmel geschüttelt. Dieser Geschwindigkeitsrausch, ganz ehrlich, verbunden mit dem ständigen Gehubbele des Fahrzeugs, hat mich absolut süchtig gemacht. Ich war infiziert.

Drei Wochen später hat der Fahrdienst Mist gebaut, es gab einen Unfall, und siehe heute, das wars dann. Sie werden die Anlage abreißen. Ich werde noch mal hinfahren und hoffen, daß noch ein einziges Mal das ganze Ding summt, brummt, vibriert und dann der F-4 vorbeizieht. Also wenn nich das der ICE-Treff versteht, wer dann? ;)

Heute besitze ich das Privileg, als Lokführer tätig sein zu dürfen, und sobald ich Lz fahre - aber nur dann - vergesse ich mein sicherheitsgerichtetes Fahren in einem gewissen Rahmen und beschleunige (und bremse) wie nicht gescheit, was die Lok und die Strecke hergibt. Dabei kann ich erstaunliche Beschleunigungswerte erzielen und freue mich, wenn meine Drehtabakpackung irgendwo links hinter mir heruntersegelt, obwohl ich annahm, daß ich sie beschleunigungsfest eingekeilt hätte. Trotzdem muß ich bei 140 Sachen die Reißleine ziehen und mich mit diesem verhältnismäßig kleinen Geschwindigkeitserlebnis begnügen. Manchmal steigt mir dabei die Wahnsinnsidee zu Kopf, wie unbeschreiblich geil es wäre, einen Transrapid erst mit 160 Sachen signalgeführt und dann mit - tja, 400, 500 Sachen? - auf der LZB durch die Lande zu ziehen.


Dann fällt mir ein, daß der Transrapid ohne meinen Berufsstand auskommt. Und daß im Fernverkehr grundsätzlich mit AFB gefahren wird. So zuckele ich weiter meine Kesselzüge mit 90 Sachen durch die Gegend, sehe manchmal neidisch Flugzeugen nach und denke dann wieder an den Transrapid.

Klasse Fotos, danke!

Fabian318, Münster i. W., Donnerstag, 01.09.2011, 23:25 (vor 5524 Tagen) @ Sese

- kein Text -

Kann ich mich nur anschließen

Matze86, München, Freitag, 02.09.2011, 11:40 (vor 5524 Tagen) @ Fabian318

- kein Text -

Gestern Fahrbetrieb auf der Transrapid-Versuchsanlage

218 466-1, Red Bank NJ / ex-Ingolstadt, Freitag, 02.09.2011, 00:53 (vor 5524 Tagen) @ Sese

Vielen Dank für die schönen Fotos.
Dieser TR war wohl für München- M.-Flughafen vorgesehen, darum die Farben von DB-Regio?
Es ist wirklich schade, dass der TR in Deutschland nie eine Chance bekommen hat.
In China hat er sich ja bestens bewährt. Wenn man die TR-Strecken Berlin-Hamburg und in München realisiert hätte, wäre der TR möglicherweise tatsächlich zum Transportmittel der Zu(g)kunft geworden (USA, RUS...?)
Heuer sieht der Bundeshaushalt 2012 erstmals 9 Mio. EUR für den Rückbau der Versuchsanlage vor. Wirklich sehr schade darum. :(

--
Dieser Beitrag gibt (sofern nicht anders gekennzeichnet) allein die Meinung der Verfasserin wieder
MET - Der beste Zug den es je gab
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Danke für den Beitrag samt Bilder

ICE-T-Fan, Samstag, 03.09.2011, 14:40 (vor 5522 Tagen) @ Sese

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