Wilde Wüste, Wahnsinns-Wodka, Wunderlicher Winter: Kap. 3/4 (Reiseberichte)

Krümelmonster, München, Mittwoch, 14.10.2020, 19:56 (vor 10 Tagen)

Hallo liebes Forum,

willkommen zurück auf unserer Tour durch Zentralasien!
Im ersten Kapitel waren wir angereist und hatten die Hauptstadt Taschkent, das alte Erbe von Samarkand sowie Shahrisabz erkundet. Im zweiten Kapitel waren wir per Nachtsprung in die Wüste gelangt und hatten dort das neue Jahrzehnt gebührend begossen.

Am Neujahrsmorgen räumten wir unsere Jurte. Um 10 Uhr wurden wir nennenswert verkatert (zumindest ich^^) per Pkw zurück nach Urgantsch gefahren.
Mittlerweile sollte ja klar sein, dass wir nicht die typischen Studiosus-Touristen in Usbekistan waren. ;-) Von Urgantsch nach Xiva (hier geht keine phonetische Umschrift, deshalb verwende ich die usbekische Schreibweise – das x spricht sich wie das ch in Dach, das v wie im Englischen das w) fährt die zweitlängste Überland-Obus-Linie der Welt (nach der auf der Krim), selbstverständlich mussten wir die mitnehmen.^^ Die Busse fahren alle Dreiviertelstunde, wir hatten Glück, es kam gleich einer. Trotz seines geringen Tempos wurde der Bus sehr voll, wir mussten zwischenzeitlich stehen. Die Strecke misst 36 km, die Fahrt dauerte eine gute Stunde.^^ Man bezahlt, wie teilweise auch in Russland üblich, beim Aussteigen, und dort wurde es interessant, denn der relativ junge Fahrer sprach – anders als bisher jeder in den größeren Städten im Osten des Landes – kein Russisch. Ich hielt ihm einfach ein Büschel Geldscheine hin, und er nahm sich bloß einen 1.000er davon. Wir hatten also pro Person 0,05 € bezahlt…
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200 Nummer 13 brachte definitiv kein Glück fürs neue Jahr!!! -.-
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201 Ganz Urgantsch wird durchgezogen von einem ausgeklügelten Kanal-System
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202 Die alte Bahnstrecke führt seit 1991 über die Grenze ins extrem abgeschottete Turkmenistan, deshalb baute man eben die neue Strecke mit der im letzten Kapitel gezeigten Soda-Brücke
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203 Plattenbauten am Stadtrand von Urgantsch

Die Oasenstadt Xiva, genau wie Samarkand oder Buchara an der Alten Seidenstraße gelegen, wirkt wie eine originale Kulisse aus Tausendundeiner Nacht! Itschan Qalʻa, die Innere Festung, ist eine nahezu perfekt erhaltene Altstadt aus dem 18. bzw. 19. Jahrhundert.
Hier waren wir ohne Guide unterwegs, weshalb wir vielleicht das ein oder andere Detail übersahen, aber flexibel waren. An Neujahr hätte der Guide eh keinen Spaß mit mir gehabt.^^ In Xiva bat man für usbekische Verhältnisse die Touristen richtig zur Kasse: Während wir woanders nie über 5 € zahlten (das waren schon die Touristenpreise, die üblicherweise zehnmal so hoch waren wie die Preise für Einheimische - keine Übertreibung, die Einheimischen zahlen wirklich nur symbolische Beträge als Preis), kostete der 24-Stunden-Pass hier gleich 10 €. Er ist Voraussetzung, um sämtliche Sehenswürdigkeiten von innen sehen zu können. Für die beliebtesten Punkte zahlt man nochmal extra. Ich finde aber, selbst das ist wirklich kein Preis, über den man sich als Europäer beschweren braucht, v. a. wenn das Geld dem Erhalt der Substanz dient!

In Xiva waren unsere Soʻm alle, wir tauschten 70 €. Leider war der größte Schein, den die Bank gerade vorrätig hatte, 10.000 Soʻm. Wir bekamen also 71 solcher Scheine sowie vier 1.000er. :D
Interessant fand ich, als wir einmal auf einer Wiese mitten in der Altstadt ein totes Schaf in der Sonne liegen sahen. :D Leider fotografierte ich es nicht gleich, und als wir ein paar min später nochmal dort vorbeikamen, war es schon weg.

Am Nachmittag des Neujahrstages sowie bis zum Mittag des 2. Januar turnten wir in Xiva herum. Es war sonnig und richtig angenehm warm: Am zweiten Tag nach dem Mittag deutlich über 10 Grad, mit Jacke tatsächlich zu warm!
Die Bilder sind nicht chronologisch:
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204 Das nördliche Stadttor
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205 Das westliche Stadttor zur Altstadt von Xiva von außen
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206 Ein altes Tor von der Innenstadtseite
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207 Ganz in der Nähe
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208 Die Freunde und Helfer sind allgegenwärtig
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209 Der Innenhof vom Tasch-Hauli-Palast, Residenz des Khans
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210 Das Zimmer des Khans
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211 – 212 Das Minarett Kalta Minor sollte einst mit 70 – 80 m Höhe das höchste der islamischen Welt werden. Es blieb aber unvollendet bei 29 m und gilt heute als Wahrzeichen von Xiva. Daneben steht die Madrasa Muhammad Amin Khan, in der das Orient Star Khiva Hotel untergebracht ist. Zu Sowjet-Zeiten wurden hier alle ausländischen Besuchergruppen einquartiert. Im Winter ist es leider geschlossen.
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213 Die zentrale Straße durch die Altstadt
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214 Die Madrasa Alla Kuli Khan
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215 Im Hof des Mausoleums von Pahlawan Mahmud
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216 – 217 Schmückende Schriften an den Wänden ebendort
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218 Die prächtige Deckenverzierung der Kuppel
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219 Kenotaph, ein ehrenvolles Scheingrab
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220 Die grüne Kuppel der Anlage vor dem Gewirr anderer, kleinerer Kuppeln
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221 Hier mit Minarett
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222 Die Madrasa Islam Khodja mit dem gleichnamigen höchsten Minarett der Altstadt. Es gibt schönere Dinge als verkatert dort hoch zu laufen: den Ausblick von dort oben zum Beispiel. ;-)
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223 Blick Richtung Nordwesten: Die grüne Kuppel im Vordergrund gehört zum Mausoleum von Pahlawan Mahmud, der grüne Turm dahinter ist das Kalta Minor, dahinter wäre nicht erkennbar das eingangs gezeigte Tor der Stadtbefestigung
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224 Blick Richtung Norden auf weite Teile der Altstadt: Der Turm links ist das Minarett der Freitagsmoschee, rechts stehen sich nach dem Kosch-Prinzip die Madrasa Churdschum (nur die Rückseite der Fassade erkennbar) und die Madrasa Alla Kuli Khan gegenüber
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225 Richtung Osten führt in der linken Bildhälfte das lange Boulevard zum neuen Bahnhof von Xiva
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226 Das Minarett aus Richtung Westen
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227 Oder hier aus Richtung Süden – eine schöne Szene der Altstadt
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228 Die Ak-Scheikh-Bobo-Moschee nahe des westlichen Stadttores
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229 Auch dort gibt es einen Aussichtspunkt, hier der Blick Richtung Westen in die Neustadt
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230 Die Stadtmauer
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231 – 232 Blick über die Altstadt
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233 Links die Madrasa Muhammad Rahim Khan, in der Mitte das Islam-Khodja-Minarett hinter dem Mausoleum von Pahlawan Mahmud (mit der Kuppel), rechts Kalta Minor & die als Hotel dienende Madrasa, im Vordergrund die zuletzt gezeigte Ak-Scheikh-Bobo-Moschee
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234 Richtung Süden nochmal Kalta Minor und die Stadtmauer mit dem westlichen Stadttor
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235 Panorama
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236 Äußerst sinnvolle Treppe :D
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237 Gut gedacht, schlecht gemacht :D
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238 Endlich: Ein echtes Kamel! :-)
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239 Dieses Schild wurde gesponsert von einem Piraten
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240 „Und bei welcher Bank bist du so?“ – „Ich bin bei der… Oh…“ (Geld ausspucken konnte mir der Automat übrigens nicht :D)

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Meine Reiseberichte, die vor Mai 2020 veröffentlicht wurden, am besten in Firefox oder Edge öffnen - dort sollten keine Bilder auf der Seite liegen ;-)

Wilde Wüste, Wahnsinns-Wodka, Wunderlicher Winter: Kap. 3/4

Krümelmonster, München, Mittwoch, 14.10.2020, 19:56 (vor 10 Tagen) @ Krümelmonster

Das Hotel in Xiva war übrigens das einzige, was die Bezahlung in Landeswährung bevorzugte.^^ Das erste Hotel in Taschkent sowie das Jurtencamp hatten wir bereits im Voraus bezahlt, die restlichen Unterkünfte bevorzugten Barzahlung in US$ (oder €, aber wohl zum gleichen Kurs), das Restgeld gab’s dann in Soʻm. :D Wir hatten übrigens alle Unterkünfte deutlich im Voraus gebucht.
Am 2. Januar gingen wir am frühen Nachmittag zum Bahnhof. Die Bahnstrecke nach Xiva war erst im November 2018 eröffnet worden, aus mir unverständlichen Gründen nicht von Anfang an elektrifiziert…
Nachdem wir die üblichen Kontrollen passiert hatten, durften wir auf den Bahnsteig und den mächtigen Zug bestaunen.
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241 Der Eingang zum gewohnt protzigen Bahnhofsgebäude von Xiva
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242 Das weite Boulevard vom Bahnhof zur Altstadt
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243 Der Fahrplan. Die Angabe der Standzeiten ist teilweise bloß Deko. :D Aufgeführt sind auch Züge, die nur in Urgantsch halten und gar nicht hier.^^
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244 – 248 Usbekische Wagen
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249 – 251 Logos & Zuglaufschilder (übrigens zeigten längst nicht alle von ihnen die richtige Route an. :D)
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252 Restaurant
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253 Das turkestanische Großmonster hat nicht weniger als 19 mächtige Wagen im Schlepptau
Ab Urgantsch gibt es (zusätzlich zu den vier oder fünf Zugpaaren in der Woche via Utschquduq) s. i. w. tägliche Übernacht-Verbindungen via Buchara nach Taschkent, die an drei oder vier Tagen in der Woche verlängert werden und dann schon in Xiva beginnen. Sonst gibt es ca. alle zwei Tage Tagzüge mit als Sitzwagen genutzten Platskartnyjs zwischen Buchara und Xiva. Wir wählten die Verbindung ab Xiva Richtung Taschkent. Die Tickets für die knapp 8 h Fahrt hatten wir am ersten Tag in Taschkent gekauft. Im Platskartnyj zahlten wir ca. 9 € pro Person – für 450 km Strecke! Platskartnyj ist die günstigste der drei Kategorien (auf klassischen Langstrecken-Zügen in der ehemaligen Sowjetunion gibt es grundsätzlich nur Schlafwagen). Bei den anderen beiden Kategorien hat man Abteile, doch nicht im Platskartnyj. Über Nacht würde ich dort niemals fahren, für Fahrten tagsüber finde ich es nicht schlimmer als einen Großraum-Sitzwagen, allenfalls bequemer. ;-) Zunächst war der Wagen fast leer (neben uns zwei oder drei andere Fahrgäste), denn ab der mittelgroßen Stadt Xiva (90.000 EW) fahren fast nur Touristen, und die natürlich nicht im Platskartnyj.^^ Doch in Urgantsch füllte sich der Wagen mächtig und ab Hasorasp waren selbst die letzten Plätze belegt. Dort stieg eine Gruppe Jugendlicher in die Betten rings um uns, die auf dem Weg in die Hochschule nach Taschkent waren. Einer von ihnen namens Feruzbek sprach recht gut Englisch und unterhielt sich die ganze Zeit mit uns. Eigentlich löcherte er eher uns mit Fragen als andersrum, aber ich fand es spannend, was einen 17-jährigen Usbeken, der bisher nur sein kleines Heimatdorf sowie Taschkent kannte, an der Welt dort draußen so interessiert. Ich fand es ein ungemein interessantes Gespräch! Auch meinte er, anders als in Südasien gibt es in Usbekistan vier unterschiedliche Jahreszeiten (so wie in Europa), aber der Winter sei in den letzten Jahren immer mehr verschwunden – das merkten wir auch. Ich muss gestehen, ich glaube, die Frage, warum wir ausgerechnet nach Usbekistan gefahren waren, konnten wir ihm wahrscheinlich nicht verständlich beantworten. :D Ich halte noch für erwähnenswert, dass er meinte, er könne kein Russisch. Weil Englisch kaum verbreitet ist (selbst die 17-Jährigen können es längst nicht alle^^), hatte ich Russisch bisher für die universelle Fremdsprache gehalten, aber das ändert sich in der jüngeren Generation wohl auch gerade. Unglaublich hilfsbereit, wie die Usbeken überall sind, gaben sie uns etwas von ihren Vorräten und erfreuten sich im Gegenzug an Milchbrötchen & europäischen Keksen. ;-)
Mit dem Bau der Strecke, über die unser Zug nun fuhr, war erst 2016 begonnen worden (vorher gab es nur die Verbindung über Utschquduq, und vor 2001 nur die Transitstrecken durch Turkmenistan), und als die Bauarbeiten bereits im Gange waren, beschloss man, die Strecke nicht wie geplant nach Navoiy zu führen sondern stattdessen nach Buchara – das ist Usbekistan! :D Trotzdem dauerten die Bauarbeiten für die 355 km lange Strecke lt. der russischsprachigen Wikipedia weniger als zwei Jahre! Da hätte man doch auch gleich elektrifizieren können… -.- Die Strecke hat der Route über Utschquduq den Rang als wichtigste Verbindung nach Urgantsch abgelaufen. Unsere Fahrt führte also wieder durch die Wüste, wieder ohne eine Spur von Zivilisation (dreieinhalb Stunden gingen nicht einmal Text-Nachrichten raus :D), diesmal war es dabei auch noch dunkel, aber diesmal hatten wir wenigstens Gesellschaft. Im Kupe wären wir womöglich wahnsinnig geworden vor Langeweile. Im Wagen wurde es immer wärmer. Die Jugendlichen würden nach unserem Ausstieg noch neun weitere Stunden in dieser Sauna bis Taschkent juckeln. :-/
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254 Der rollende Schlafsaal
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255 Diese Ambivalenz zwischen Schnecke und Sprinter – erst 80 min Pause, dann über 5 h nonstop :D
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256 – 257 Jetzt 80 min Pause in Urgantsch
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258 Neues Monster
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259 Begegnung mit dem internationalen Zug nach Wolgograd. Übrigens steht auch dieser 80 min unmotiviert rum in Urgantsch. :D
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260 Und ab in die Wüste!
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261 – 262 Ankunft in Buchara
Fast als Punktlandung, nur 2 min nach Plan, erreichten wir den weit außerhalb der Stadt gelegenen Bahnhof von Buchara. Hier starteten zwei Taxi-Fahrer beinahe eine Klopperei um uns. Der eine meinte: „Sorry, my friend is a little bit crazy.” Das klang gut, wir nahmen den crazy Typen für die 15 km zum Hotel. Falls sich crazy auf den Fahrstil beziehen sollte, hatte der Kollege definitiv Recht.^^

Auch dieses Kapitel war kürzer als gewohnt, aber so hat immerhin jedes Kapitel seine eigene Zugfahrt.^^

Wie gewohnt geht es in ein paar Tagen weiter. ;-)

Es grüßt
Das Krümelonster

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Danke!

JanZ, Aschaffenburg, Mittwoch, 14.10.2020, 21:16 (vor 10 Tagen) @ Krümelmonster

Danke auch für diesen Teil!

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243 Der Fahrplan. Die Angabe der Standzeiten ist teilweise bloß Deko. :D Aufgeführt sind auch Züge, die nur in Urgantsch halten und gar nicht hier.^^

Interessant, dass „Zug“ anscheinend auf Usbekisch auch „poyezd“ heißt :-).

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Im Volk, da ist sie sehr beliebt, unsere Eisenbahn,
Doch dort, wo's keine Schienen gibt, da hält sie selten an.

(EAV: Es fährt kein Zug)

Danke!

Krümelmonster, München, Donnerstag, 15.10.2020, 20:10 (vor 9 Tagen) @ JanZ

Danke auch für diesen Teil!

Bidde bidde...

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243 Der Fahrplan. Die Angabe der Standzeiten ist teilweise bloß Deko. :D Aufgeführt sind auch Züge, die nur in Urgantsch halten und gar nicht hier.^^


Interessant, dass „Zug“ anscheinend auf Usbekisch auch „poyezd“ heißt :-).

Interessant auch, dass es oben Poyezd (mit y in der Mitte) und unten nur Poezd geschrieben wird. Das ist Usbekistan. :D
Oben ist zudem erkennbar, dass Bahnhof "Vokzal" heißt. ;-)

Aber auf Türkisch heißen die beiden Worte ja auch nur tren bzw. gar. ;-)

Es grüßt
Das Krümelmonster

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