Mainzer Ausflüge (2/5): Drachenfels und Erfttal (m. 58 B.) (Reiseberichte)

TD ⌂ @, Mittwoch, 18.03.2020, 18:10 (vor 69 Tagen)

Hallo zusammen,

willkommen zum zweiten Teil unserer Mainzer Ausflüge. Im ersten Teil waren wir entlang des Neckars und durch den Odenwald vom Bodensee nach Mainz gefahren.

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Im zweiten Teil bewegen wir uns entlang des Rheins nach Norden und besuchen verschiedene Stichstrecken links und rechts des Flusses. Tatsächlich sind wir mehrfach von Mainz aus ins Rheintal gestartet; da ich die Strecken aber nicht mehrfach beschreiben möchte, habe ich die Touren zu einer fiktiven Fahrt zusammengefasst.


Teil 2: Mainz – Koblenz – Königswinter – Drachenfels – Königswinter – Bonn-Mehlem – Bonn – Euskirchen – Bad Münstereifel – Bonn – Brohl

Wir starten am Mainzer Hauptbahnhof und fahren mit einem Intercity auf der linken Rheinstrecke nach Koblenz.

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Vom Sonnenstand her wäre allerdings die rechte Rheinstrecke besser gewesen, so dass ich aufgrund des Gegenlichts nur ein halbwegs vorzeigbares Bild aus dem Mittelrheintal habe. Wir blicken hier über den Rhein nach Lorch. Aber keine Sorge, in Teil drei gibt es dann mehr Bilder von der Rheinstrecke.
In Koblenz legen wir einen Zwischenstopp ein.

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Hier in einem Bahnforum werden die meisten Leserinnen und Leser mit dem „Deutschen Eck“ vermutlich etwas anderes verbinden und an die ÖBB denken – hier sind wir jedenfalls am anderen „Deutschen Eck“, nämlich der Landzunge an der Mündung der Mosel in den Rhein mit dem monumentalen Reiterstandbild. Am linken Bildrand sieht man schon unser nächstes Ziel...

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...aber zunächst wechseln wir noch die Perspektive. Links die Mosel, rechts der Rhein.

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Eigentlicher Grund für den Zwischenstopp in Koblenz ist aber dieses Verkehrsmittel: die Seilbahn. Die Seilbahn wurde 2010 anlässlich der Bundesgartenschau gebaut um die Rheinanlagen mit der Festung Ehrenbreitenstein zu verbinden. Die Seilbahn konnte sich damals als umweltfreundliche Alternative zu einem Bustransfer durchsetzen.

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Die Dreiseilumlaufbahn überwindet mit frei über den Rhein gespannten Seilen 112 Höhenmeter, sie hat eine Länge von 890 Metern. Verglaste Panoramakabinen bieten einen Blick aufs Deutsche Eck, auf Koblenz und ins Rheintal.

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Nach einer Fahrzeit von 4 bis 5 Minuten sind wir oben auf dem Plateau vor der Festung Ehrenbreitenstein angekommen. Hier der Blick von der Aussichtsplattform rheinabwärts.

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An der Bergstation treten wir dann die Rückfahrt an. Die Seilbahn wurde von der Firma Doppelmayr gebaut und wird von einer Tochtergesellschaft des Herstellers betrieben. Mit einer Kapazität von 3.800 Personen pro Stunde und Richtung hat sie die weltweit größte Leistungsfähigkeit.

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Ursprünglich war geplant, die Seilbahn im November 2013 wieder abzubauen. Als Hindernis für den Weiterbetrieb galt vor allem der Status des Oberen Mittelrheintals als UNESCO-Welterbe. Es gelang jedoch eine Verständigung mit der UNESCO, wonach die Seilbahn bis ins Jahr 2026 weiterbetrieben werden darf. 2026 erreicht die Seilbahn das Ende ihrer technischen Betriebsdauer.

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Bei der Einfahrt in die Talstation fällt der Blick auf die Basilika St. Kastor – und genau das ist ein Problem, da ein Denkmalpflege-Gutachten in der Talstation eine Störung der historischen Blickbeziehung der Basilika zum Mittelrheintal sieht.

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Vorbei am Kurfürstlichen Schloss laufen wir zurück zum Bahnhof. Das Schloss wurde Ende des 18. Jahrhunderts erbaut und war Residenz des letzten Erzbischofs und Kurfürsten von Trier.

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Der heutige Hauptbahnhof von Koblenz wurde 1902 in Betrieb genommen, damals noch unter dem offiziellen Namen Coblenz Centralbahnhof. Bis dahin gab es in der Stadt mit Mosel- und Rheinbahnhof zwei Bahnhöfe, wobei Reisende je nach Relation zu Fuß oder mit einer Droschke zwischen den Bahnhöfen wechseln mussten.
Mit der RB 27, der Rhein-Erft-Bahn, fahren wir nach Königswinter, zum Einsatz kommt ein Triebwagen der Baureihe 425.

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Über die Urmitzer Eisenbahnbrücke wechseln wir nun die Rheinseite. Die Brücke wurde zwischen 1916 und 1918 aus militärstrategischen Gründen errichtet und am Ende des Zweiten Weltkriegs gesprengt. Im Gegensatz zu ihren beiden Schwestern, der Ludendorf-Brücke bei Remagen und der Hindenburgbrücke bei Rüdesheim, wurde die Brücke nach dem Krieg wieder aufgebaut.

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Da die Fernverkehrszüge üblicherweise die linke Rheinstrecke befahren, kenne ich die andere Rheinseite noch nicht so gut – eine willkommene Abwechslung. Wer genau hinsieht, erkennt gegenüber den Eurocity 9 mit Panoramawagen.

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In Königswinter verlassen wir den Zug. Üblicherweise kommt das Bahnhofsbild bei meinen Reiseberichten erst bei der Weiterfahrt, allerdings werden wir Königswinter auf anderen Wegen verlassen und nicht mehr an den Bahnhof zurückkehren. Das Empfangsgebäude stammt im Kern aus den Jahren 1869/70, es steht als Baudenkmal unter Denkmalschutz.
Vom Bahnhof laufen wir...

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...zur Talstation der Drachenfelsbahn. Nach Zugspitzbahn, Wendelsteinbahn und der Zahnradbahn in Stuttgart können wir nun das Quartett der vier in Deutschland fahrenden Zahnradbahnen vervollständigen. Hier führend der älteste Triebwagen 2 aus dem Jahr 1955, hinten der jüngste Triebwagen 6 aus dem Jahr 1978.

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Die meterspurige Zahnradbahn führt von Königswinter aus dem Rheintal hinauf ins Siebengebirge zum Drachenfels. Die Drachenfelsbahn wurde 1883 als erste deutsche Zahnradbahn mit öffentlichem Personenverkehr eröffnet, sie wurde anfangs mit Dampflokomotiven betrieben.

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1953 wurde die Bahn auf elektrischen Betrieb umgestellt. Hier sind wir schon an der Mittelstation angekommen. Mit gut 1,5 Kilometern Gesamtstreckenlänge ist die Drachenfelsbahn auch die kürzeste der deutschen Zahnradbahnen.

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Und hier fahren wir auch schon in die Bergstation ein. Während der Fahrzeit von 8 Minuten hat die Bahn 220 Höhenmeter überwunden.
Oben angekommen können wir noch ein Innenbild nachholen. Obwohl es sich bei den Triebwagen um Zweirichtungsfahrzeuge handelt, haben sie nur auf einer Seite Türen.

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Der Drachenfels ist ein beliebtes Ausflugsziel, der Berg im Siebengebirge erlangte im Zuge der Rheinromantik im 19. Jahrhundert große Bekanntheit. Die markante Lage über dem Rheintal bietet einen Panoramablick über das Flusstal...

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...und die Hügel des Siebengebirges. Früher gab es hier mehrere Steinbrüche, so wurde Drachenfels-Trachyt auch beim Bau des Kölner Doms eingesetzt. Aufgrund zahlreicher Besucher aus den Niederlanden trägt der Drachenfels auch den Spitznamen „höchster Berg Hollands“.

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Der Drachenfels gilt auch als „meistbestiegener Berg Europas“ – dabei werden viele Besucher den Berg nicht zu Fuß besteigen, sondern mit der Drachenfelsbahn herauffahren. Entsprechend gehört die Drachenfelsbahn auch zu den meistgenutzten Zahnradbahnen Europas.

Für die Rückfahrt steht ET 3 aus dem Jahr 1957 bereit. Interessant ist auch die Farbgebung der Triebwagen: der Grünton entspricht der Hausfarbe der Parfürmmarke 4711, der Inhaber des Hauses 4711 war früher Eigentümer der Drachenfelsbahn.

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Diesmal legen wir einen Zwischenstopp ein und unterbrechen die Talfahrt an der Mittelstation. Hier blicken wir dem Triebwagen nach, der mit einer Geschwindigkeit bis zu 19 Stundenkilometern der Talstation entgegenfährt.

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Die Mittelstation befindet sich am Schloss Drachenburg, das Märchenschloss wurde im 19. Jahrhundert in nur drei Jahren von einem neureichen Börsenanalysten als repräsentativer Wohnsitz errichtet.

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Schließlich fahren wir mit dem nächsten Zug die letzten Meter bis zur Talstation nach Königswinter. Die Drachenfelsbahn hat insgesamt 5 Triebwagen, die maximale Neigung auf der Strecke beträgt 200 Promille. Im Jahr 2019 konnte die Drachenfelsbahn den dreimillionsten gefahrenen Kilometer vermelden.

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Von der Talstation laufen wir anschließend durch Königswinter...

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...zum Rheinufer. Unsere Tour soll auf der anderen Rheinseite weitergehen und so fahren wir mit der Fähre hinüber in den Bonner Stadtteil Mehlem. Das Fährschiff Königswinter IV ist ein sogenanntes Seitenpfortenschiff, dabei können Fahrzeuge ohne Rangieren seitlich auf die Fähre auf- und abfahren. Bei der Überfahrt bietet sich nochmals ein Blick auf den Drachenfels mit der Burgruine.

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Von hier aus ist auch der Petersberg zu sehen, bekannt ist der Gipfel des Siebengebirges vor allem für das Gästehaus der Bundesrepublik. Bis zur Verlegung des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin wurden zahlreiche Staatsgäste in dem weithin sichtbaren Hotelkomplex untergebracht, auch heute finden dort noch nationale und internationale Konferenzen statt. Mit der Petersbergbahn gab es von 1889 bis 1958 eine schmalspurige Zahnradbahn von Königswinter auf den Petersberg, zuletzt wurden Drachenfels- und Petersbergbahn gemeinsam betrieben.

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Vom Fähranleger am anderen Ufer ist der Fußweg bis zum Bahnhof Bonn-Mehlem nicht weit. Der Bahnhof ist heute ein unspektakulärer Durchgangsbahnhof; von 1949 bis 1990 hatte der Bahnhof jedoch einen besonderen Status als Station der amerikanischen Botschaft, da sich hier der Standort der Reise- und Repräsentationszüge der amerikanischen Hochkommissare befand.
Wir fahren nun mit der MittelrheinBahn nach Bonn, die RB 26 wird von trans regio mit Siemens Desiro ML-Triebzügen bedient.

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Von der kurzen Fahrt durch das Stadtgebiet von Bonn zum Hauptbahnhof habe ich keine Bilder. Der Zug kam schon mit etwas Verspätung in Mehlem an und unterwegs wird es nicht besser. Mit +12 erreichen wir schließlich Bonn Hauptbahnhof – schlecht, wenn man nur 9 Minuten Übergangszeit hat. Eigentlich wollten wir von Bonn weiterfahren nach Bad Münstereifel, dieser Anschluss ist nun weg.

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Von unserem Plan, zum Streckensammeln heute noch die Erfttalbahn befahren zu wollen, lassen wir uns dadurch aber nicht abbringen. Und so fahren wir mit dem nächsten Zug der Linie S 23 nach Euskirchen. Die Strecke gehört zum vareo-Netz, eingesetzt werden LINT-Triebwagen.

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Die Strecke führt über das Vorgebirge und die Ville in die Voreifel. Die offene Landschaft ist geprägt von Mais- und Getreidefeldern; nach Weißkohl halte ich allerdings erfolglos Ausschau, dabei wurde die Strecke im Volksmund doch Kappes-Express genannt. Weißkohl wird im Rheinland „Kappes“ genannt, das ist gar nicht so weit entfernt vom mir geläufigen süddeutschen „Kabis“.

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Unsere heutige Tour ist ja recht vielfältig was die Verkehrsmitteln anbelangt: Fernverkehr, Seilbahn, Nahverkehr, Zahnradbahn und Fähre hatten wir schon – jetzt also noch der Bus. Gut, auf den Bus hätte ich verzichten können, aber mit dem Bus können wir die Tour noch halbwegs retten. Von Euskirchen geht es jetzt nach Bad Münstereifel. Teilweise parallel zur Bahnstrecke fahren wir durch die Zülpicher Börde in die Eifel.

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Gibt es hier Heino-Fans? Der Sänger ist Ehrenbürger und wohl berühmtester Bewohner der 17.000 Einwohner-Stadt in der Eifel. Die Zeit, als Heino-Fans busweise nach Bad Münstereifel pilgerten, ist zwischenzeitlich vorbei – ein Besuch im mittelalterlichen Stadtkern lohnt aber dennoch. Wir betreten die Stadt durch das Werther Tor, das zur nahezu vollständig erhaltenen Stadtumwehrung aus dem 13. Jahrhundert gehört.

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Bad Münstereifel wird von der Erft durchflossen, auf einem Hang oberhalb des Flusses steht Burg Münstereifel aus dem 13. bzw. 14. Jahrhundert.

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Zu den Sehenswürdigkeiten des Eifelstädtchens gehören auch das Rathaus aus dem 14. Jahrhundert sowie die romanische Basilika St. Chrysanthus und Daria. Die Kirche wurde im 11. Jahrhundert erbaut, sie war die Stiftskirche eines Benediktinerklosters, in dessen Umfeld die Siedlung Monasterium in Eiflia entstand – das heutige Bad Münstereifel.

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Wir müssen uns etwas beeilen, denn durch den verpassten Anschlusszug in Bonn fehlt uns eine halbe Stunde. Also geht es nun entlang der Erft...

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...zum Bahnhof. In Bad Münstereifel ist der Endpunkt der Erfttalbahn, aus den ehemals umfangreichen Bahnanlagen mit Lok- und Güterschuppen sowie Güterbahnhof ist heute ein Haltepunkt geworden. Zu Bundesbahn-Zeiten setzte ein Niedergang der Strecke ein, der Güterverkehr ging zurück und wurde schließlich ganz eingestellt, 1975 wurde der Personenverkehr an Wochenenden ab Samstagmittag eingestellt, schließlich galt die Strecke als stilllegungsbedroht.

Heute verkehrt im Stundentakt die RB 23 bis Euskirchen, sie wird ab Euskirchen auf die S 23 nach Bonn durchgebunden. Somit treffen wir hier wieder auf einen vareo-Lint.

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Die Erfttalbahn ist 14 Kilometer lang, sie wurde 1890 erbaut. 1975 gab es für ein Jahr versuchsweise einen Kurswagen von Münster, ansonsten hat die Strecke einen reinen Nahverkehrscharakter. Über Erfttalbahn und Voreifelbahn fahren wir nach Bonn.

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Von Bonn aus fahren wir anschließend mit der MittelrheinBahn zurück nach Mainz. Hier im Reisebericht setzen wir den nächsten Teil aber gleich in Brohl an. Und so gibt es in den nächsten Tagen Teil 3 mit der Brohltalbahn und der Hunsrückbahn.


Viele Grüße

Tobias

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www.bahnreisefuehrer.de - Deutschland aus der Fahrgastperspektive
Der Weg ist das Ziel: Meine Bahnreiseberichte.

Mainzer Ausflüge (2/5): Drachenfels und Erfttal (m. 58 B.)

mrhuss ⌂ @, ICE 275, Mittwoch, 18.03.2020, 20:08 (vor 69 Tagen) @ TD
bearbeitet von mrhuss, Mittwoch, 18.03.2020, 20:09

Zunächst mal vielen Dank für den Bericht, ich freue mich auf die weiteren Teile!

...zur Talstation der Drachenfelsbahn. Nach Zugspitzbahn, Wendelsteinbahn und der Zahnradbahn in Stuttgart können wir nun das Quartett der vier in Deutschland fahrenden Zahnradbahnen vervollständigen. Hier führend der älteste Triebwagen 2 aus dem Jahr 1955, hinten der jüngste Triebwagen 6 aus dem Jahr 1978.

Es gibt in Deutschland noch eine fünfte Bahn mit Zahnstange, wenn auch keine klassische Zahnradbahn im eigentlichen Sinn, und zwar gar nicht mal so weit vom Ausgangspunkt Eurer Reise entfernt: Die Nerobergbahn in Wiesbaden ist eigentlich eine Wasserballast-Standseilbahn, hat aber zusätzlich eine Zahnstange nach System Riggenbach für die Bremszahnräder der beiden Wagen.

Mainzer Ausflüge (2/5): Drachenfels und Erfttal (m. 58 B.)

JanZ ⌂ @, Aschaffenburg, Mittwoch, 18.03.2020, 22:20 (vor 69 Tagen) @ TD

Danke auch von mir! Obwohl ich es nicht weit habe, habe ich die Attraktionen aus unterschiedlichen Gründen noch nicht ausprobiert: Die Seilbahn in Koblenz wurde zu spät gebaut, 2006 bin ich noch im Schweiße meines Angesichts zu Fuß zur Jugendherberge hoch. Die Drachenfelsbahn musste ich mir wegen einer Zugverspätung schenken, und für die Erfttalbahn hatte ich bisher noch keine Zeit bzw. keinen günstigen Sparpreis. Als „höchsten Berg Hollands“ kannte ich bisher nur den Kahlen Asten und das Deutsche Eck in Koblenz war mir deutlich früher bekannt als das bei Rosenheim :-).

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Im Volk, da ist sie sehr beliebt, unsere Eisenbahn,
Doch dort, wo's keine Schienen gibt, da hält sie selten an.

(EAV: Es fährt kein Zug)

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