Hallo Forum,

letzte Woche war ein Foto in den „Nürnberger Nachrichten“, und sicher nicht bloß dort: Bundespräsident Horst Köhler mit Fahrrad wirbt mit Rosi Mittermaier und Christian Neureuther für ein längeres und gesünderes Leben – Deutschland bewegt sich!

Dagegen ist ja nichts einzuwenden. Rosi Mittermaier war Olympiasiegerin 1976, Christian Neureuther hat auch seine Verdienste na und der Herr Bundespräsident hat selbige sowieso.

Interessant ist die Botschaft. Leute, bewegt Euch mehr. Kauft Euch Stöcke und macht Nordic- Walking, kauft Euch ein Fahrrad und radelt los, macht sonst was. Die Industrie steht schon in den Startlöchern, bereit, die gesamte Palette an Frau und Mann zu bringen. Alle klagen über den Teuro, aber wenn es um den perfekt gestalteten Körper geht, ist nichts zu teuer.

Das finde ich seltsam, und noch mehr, daß auf die naheliegendste Variante offenbar keiner kommt. Leute, fahrt öfters mit der Bahn! Da werden alle Muskelgruppen trainiert. Man muß es nur schlau genug anstellen!

Kleines Beispiel für Einsteiger: Pfingstsonntag, München Hbf, Bahnsteig 22, gegen 18 Uhr 50. In fünf Minuten soll der ICE 524 nach Dortmund fahren. Entsprechende Anhäufungen Reisender sind auf dem Bahnsteig bereits zu beobachten. Einzig es fehlt der Zug. Der kommt dann 18 Uhr 50, weil die beiden Einheiten getauscht werden mußten. Erste Schwierigkeit: Die Wagen 21 – 28 und 31 – 38 identifizieren. Zweite Schwierigkeit: Umgekehrte Wagenreihung. Naja, für Einsteiger eine Schwierigkeit zuviel, das gebe ich zu.

Im Grunde gibt es noch eine dritte Schwierigkeit – es wird nämlich von Schwierigkeit 1 und 2 per Lautsprecheransage am Bahnsteig erst Kunde getan, als beide Zugteile am Bahnsteig stehen.

Wer wie ich sich gerade einen Kaffee gezogen hat und am Bahnsteig stehend das Treiben anschaut, bekommt richtig was geboten. Zuvorderst: Bewegung! Alle Leute in Erwartung ihres Wagens beginnen hektisch von vorn nach hinten und von hinten nach vorn zu rennen – mit Rucksäcken, das geht ja noch, mit Koffern und Fiffis (Trolleys), das ist schon interessanter. Kollisionen auf dem Bahnsteig, an den Türen und vor allem in den Gängen sind unvermeidlich. Also werden Fiffis gezerrt und Koffer gewuchtet, was das Zeug hält. Irgendwer feuert irgendwen an. Irgendwie erinnert mich das an Sport. Deutschland bewegt sich – zieh! Los doch, und wenn es den Fiffigriff kostet, aber ziiiiiieeeeeehhhhh!

Die Leistung ist rekordverdächtig. Um 18.57 geht die Fuhre los. Alle sind drin, was noch nicht heißt, daß auch alle an Ort und Stelle sind. Zeit zum Sortieren gibt es zwischen Allach und Dachau. Der 524 hält „wegen spielender Kinder im Gleis“.

Da kam mir eine Idee, die beide Strömungen bedient – die Pünktlichkeit der Bahn und „Deutschland bewegt sich“. Es wird eine Art Bonus- System installiert. Wer die wirklich unmöglichen und nicht fahrplanmäßigen Anschlüsse schafft, bekommt Bonus- Punkte. Natürlich in verschiedenen Leistungsklassen – mit 10, 30, 50 oder 70 Kilo Gepäck, unterteilt nach zurück zu legender Wegstrecke und Anschlusszeit. Zugegeben – sehr schwierig. Aber hatten wir nicht vor Jahren mal die Diskussion über IT- Spezialisten mit der Green- Card – nun, die hätten hier ein interessantes Betätigungsfeld. Wer es damit in einen nicht fahrplanmäßigen Anschluß schafft oder den fahrplanmäßigen Anschlußzug wegen Verspätung der Vorleistung gerade noch kriegt, erhält Bonus- Punkte gutgeschrieben und wird namentlich im Zug begrüßt. „Meine Damen und Herren, neben allen Zusteigern begrüßen wir [...] in der 10 Kilo- Gepäck- Klasse, bitte einen Applaus.“

Zum Beispiel. Der/die Beapplaudierte ist zwar noch zu keinem Interview fähig, macht aber nichts – Maske bitte und am Ende der Tour sollte es für ein Foto unter der Rubrik „Anschlussreisender des Tages“ reichen.

Da die Bahn im Prinzip nicht daran interessiert sein kann, Bonus- Punkte auszustellen, für die sich der Reisende am Ende der Saison zum Beispiel eine Freifahrt aussuchen kann, selbiger aber genau das will, kommt es zum ehrlichen wie spannenden Wettkampf. Es gewinnen beide, die Bahn, weil sie noch pünktlicher fährt, und die Reisenden, weil sie echten sportlichen Einsatz zeigen.

Naja, alle, die den unmöglichen Anschluß nicht schaffen, sollten auch bedacht werden. Ganz nach dem olympischen Prinzip: Dabei sein ist alles. Eine textbausteinbasierte Lautsprecherdurchsage am Bahnsteig würde allen, die wehmütig den Schlusslichtern des abfahrenden Zuges nachschauen, wieder neuen Mut geben. Motivation ist alles. „Meine Damen und Herren am Gleis [X], in der Leistungsklasse [Gepäck, zu überbrückende Distanz, Zeit] sind Sie heute zweiter Sieger! Wir gratulieren. Ihre nächste Reisemöglichkeit nach [...]: [Zugnummer, Uhrzeit, Gleis].“

Da ist Potenzial vorhanden, und solche Ansagen kommen allemal besser, als Heerscharen bepackter Reisender zum Service- Point latschen zu lassen.

Und auch der Bahn- Comfort- Service hätte nicht mehr so viel zu tun. Die Kunden wären motivierter, an sich zu arbeiten und nicht immer nur an der Bahn rumzunörgeln. Die Textbausteine müßten vielleicht etwas angepaßt (upgedated) werden. Kleinigkeit, nicht wahr? Es könnte zum Beispiel künftig heißen: Sehr geehrte(r) [...], betreffs Ihres verpaßten Anschlusses möchten wir Sie ersuchen, Ihr persönliches Trainingsbuch einzureichen...

Ja, genau, die Bahn fährt pünktlich und nur die Besten schaffen auch den Zug. So einfach.

In fünf Jahren finden vielleicht die ersten Deutschen Meisterschaften statt – im Den- nicht- fahrplanmäßigen- Anschluß- kriegen (ein griffiges englisches Wort müßte vielleicht erfunden werden...) und wer weiß – in zwanzig Jahren wird das, mangels Bewegungsfähigkeit der Mehrheit der jüngeren Weltbevölkerung, in die Olympischen Spiele aufgenommen, im Sommer und im Winter, und Deutschland wäre wieder Vorreiter. Wozu Marathon auf der Straße, wenn der wirkliche Marathon auf den Bahnhöfen in Berlin, Nürnberg und Gießen viel spannender ist! Wozu 50 km Langlauf, wenn 400 Meter Bahnsteig nebst Unterführungen, Irrungen und Wirrungen und 50 kg Gepäck eine praxisnähere Belastung darstellen? Für die Wintervariante zum Beispiel könnte das Schneeräumen auf den Bahnsteigen eingestellt werden. Das spart Geld und schafft identische Bedingungen, vorausgesetzt, es schneit überall auch identisch. Na schön, ein paar Überraschungen muß es schließlich geben. Wer auf die Nase fällt, hat nicht genug trainiert.

Frau Gesundheitsministerin (heißt sie dann etwa immer noch Ulla Schmidt?) lächelt andächtig.

Wer also auf der Straße auf Menschen trifft, die mit zwei Koffern in der Hand einen steilen Berg rauf rennen...

Wer Eisenbahner mit der Uhr in der Hand die Umsteigenden anfeuern sieht...

Wer blöde angeguckt wird wegen eigener Untätigkeit – also Nicht- Rennen und Nicht- Gepäck...

...Dann ist klar: Deutschland bewegt sich richtig.

Seit drei Wochen treiben mein Kollege und ich das Spielchen jeden Tag – ganz die „Einsteiger“: 7.30 aufstehen, ganz entspannt zum Bahnhof gehen (sehr schnell, aber nicht rennen!), 7.51 fährt ab Ansbach der IC 2061 nach Nürnberg, planmäßig an 8.18 Uhr. Zwei Minuten später und 5 Gleise weiter geht es Richtung Nürnberg- Ost.

Vorigen Freitag war der IC 8:19:40 an Gleis 15. 20 Sekunden sind eine faire Chance, meint mein Kollege, und wir sprinten los. Und wie wir an Gleis 20 die Treppen raufstürmen, heulen die Motoren des 614 auf, was heißt, daß der Zug weg ist.

Nun kommt das Aber: Statt Fluch und Hölle zu schreien, sinken wir an der Oberstufe der Treppe nieder, klopfen uns gegenseitig auf die Schulter und sagen:

Ja, ja, ja – wir haben alles gegeben. Wir sind gut! Oh Mann sind wir guuuuuut! Aber der Zug ist weg, also sind wir noch nicht gut genug für diese Deutsche Bahn. Trotzdem wird die Ulf- Kirsten- Faust geballt.

Ja, ja, ja!

Zug weg, und dennoch motiviert. Montag ist die nächste Gelegenheit.

Viele Grüße aus Ansbach
Frank

Von Frank Augsburg

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