Ein zukünftiger Bahnfanfuzzyfreak ... (Allgemeines Forum)

Blaschke, Osnabrück, Donnerstag, 11. April 2019, 22:20 (vor 10 Tagen)

Hallohallöchen,


der Auftrag lautet: Zähle in Ostbevern auf die Linie 419 auf 3 Touren die Fahrgäste und unterscheide nach "Normalfahrschein" und SBA-Freifahrt (Schwerbehinderte).

Das sind 3 Schulbusfahrten. Angefahren kommt Manfred, stolze 79 Lenze auf dem Buckel auf einer seiner letzten Fahrten; er will den Führerschein nicht nochmal verlängern. Als Bus gibt's einen herrlichen MAN NL 202(2) aus Ende der 1990er Jahre, laut Tacho 1,3 Millionen Kilometer auf dem Buckel. Einer meiner Lieblingsbaureihen´. Ich bin entzückt.

Dann geht es los, die ersten Schüler treffen ein. Manfred erklärt mir das Procedere: er fährt immer nur den Teil der Linie, wo auch Kinder aussteigen. Einsteigen wird unterwegs eh niemand. Und Schwerbehinderte werden wir keine haben. Ob ich wirklich immer mitfahren will? Nun, die Zeiten in Ostbevern abhängen, erscheint wenig reizvoll. Also juckele ich mit.

Auf jeder Runde haben wir so zwischen 15 und 25 Schüler im Bus. Grundschüler. Der große dicke schwarz gekleidete Mann mit DB-Bommel um den Hals verwirrt. Da muß nachgefragt werden. Kaja auf Runde 1 ist ganz kess: Warum ich so dick sei und welche Schuhgröße ich habe und warum ich in meinem hohen Alter eigentlich nicht Opa sei. Sie erschrickt, als ich ihr sage, dass ich nicht mal Vater bin. Wo doch ihr Vater, gerade mal 35 Jahre alt, schon Vater sei. Was, wie sie feststellt, eine gewisse Logik beinhaltet, er muss ja Vater sein, wenn es sie gibt. Nach Abfahrt fordert Manfred zum durchzählen auf. Klappt auch. Stolz berichten mir einige, dass sie schon bis 100 oder gar 1000 zählen können. Da kommt mir Genie ein Geistesblitz, wie ich die ganze Bande mal kurz ruhig bekomme. Ich frage sie also, wo denn das Ende ist, was die höchste Zahl ist! Es funktioniert, sie sind ruhig und denken nach, kommen aber auf keine Lösung; einer hat schon mal was von einer Million gehört ...

Später frage ich dann nach, was das für komische Behälter sind, die da herumstehen, ne Art Topf mit Zirkuszeltdach. Mir wird dann erklärt, dass das eine Biogasanlage ist und die Funktionsweise im Groben gleich mit. Und dass es überall Gülle gebe, im Überfluß.

Was mir auf allen Runden gefällt: unterwegs wartet nicht die besorgte Mama; ist die Haltestelle mal nicht direkt vorm Bauernhof, müssen sie laufen oder mit dem Fahrrad nach Hause.

Ratzfatz ist Runde 1 vorbei. Bei Runde 2 kennt ein Mädel den Türöffner draußen. Gibt mir was ab vom Schokoriegel und entsorgt den Inhalt des Mülleimers im Bus draußen in den an der Haltestelle. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Wieder sind die Kiddys irritiert wegen meiner. Manfred sagt zu einem im Spaß: hey, der will eure Tickets sehen. Der Herdentrieb funktioniert nicht nur im Kuhstall, sondern auch im Bus: nach und nach kommen alle an und zeigen mir den Fahrschein. Und das ist der Brüller: Gleich 5 Mal ist es die Wertmarke vom Vormonat, die mir unter die Nase gehalten wird. Und einmal die vom Dezember 2018. Wird ja sonst auch nie kontrolliert ... Einer ist sauer: "Das macht doch immer meine Mama!". Nun, jedenfalls stehen sie peinlich berührt und kleinlaut da - aber selbstverständlich nehmen wir sie mit und machen kein Fass auf. Dann geht's wieder los, der herrliche Sound vom alten MAN, die einsamen Feldwege im Nichts des Münsterlandes, dazu die Kiddys, in denen noch Leben jenseits von Computer und Leistung steckt und nebenbei beste Unterhaltung mit Manfred über die Welt und so. Mensch, was will man mehr. Und dafür gibt es noch Geld. Aber die meisten Kollegen halten mich für gaga: wie kannste denn so'n Quatsch fahren; lohnt doch gar nicht finanziell.

Zurück zur Fahrt - auf der Runde geschieht es: die Kiddys sitzen alle auf den hinteren Plätzen - bis auf einen Jungen. Der sitzt vorne beim Fahrer. Und will mit denen hinten auch nichts zu tun haben. Er nörgelt, dass die gleich wieder blöd rumsingen werden. Was dann auch geschieht; Mamma Lauda und ähnliches Liedgut. Er findet den Platz vorne viel besser. Dann überqueren wir auf einer Brücke die Rollbahn, auf der grad ein Güterzug durchrauscht. Und da wird er munter. Und erklärt mir die Eisenbahn. Dass so ein Güterzug meistens länger sei als ein Personenzug. Aber deswegen(sic!) langsamer. Trotzdem lauter. Auch wenn es schon leise Güterzüge gäbe. Eisenbahn sei toll. Trecker zwar auch, aber die Eisenbahn sei spannender! Ich war entzückt - das wird mal ein Nachfolger von mir! Bei den Treckern sei übrigens John Deere das beste Fabrikat - er ist aber völlig aus dem Häuschen, als ich ihm erzähle, dass mein Onkel einen PORSCHE-Trecker besaß, "äh, die bauen doch nur schnelle Autos?!". Das war jetzt interessiert für ihn - und so lernten wir beide was: Ich von ihm von der Eisenbahn und er von mir vom Treckerbau.

Viel zu schnell ging auch die zweite Fahrt vorbei. Es ging wieder zurück zum Schulzentrum. Die dritte Fahrt fuhr ich dann auch noch mit. Da wurde ich vor allem von einem Zwillingspärchen unterhalten. 2 Mädels aus besserem Elternhaus, 7 oder 8 Lenze alt, die mir erstmal erzählen, wieviele Autos es auf dem Hof gibt und dass die regelmäßig getauscht werden. Ihr Favorit ist ein schwarzer Mini-Cooper, der hat sogar einen Namen: Blacky! Ansonsten erzählen sie mir vor allem von ihrem Terminplan: Zumba, Judo, Reiten, Klavier spielen. Die Tage sind ausgelastet; Judo geht sogar bis 20:30 Uhr. Donnerstag nachmittags sei aber frei! Aus denen wird nochmal was. Und wenn ich dann noch lebe, rufe ich bei der BILD an und sage, dass ich sie auch mal für 20 Minuten in ihrem Leben begleitet habe.

Und dann endet das Spektakel, ich gehe eben noch lecker Essen fassen in Ostbevern, bevor ich wieder gemütlich zurück dümpele im eigenen Pkw nach Osnabrück. 5 Stunden aus dem Haus für 35 Euro bei 10 Euro Spritkosten - aber bekanntlich ist ja Geld nicht alles und die Erlebnisse unbezahlbar. That's life ...


Schöne Grüße von jörg


heute mal frei bevor es morgen mal wieder Brilon Marburg heißt und Kurhessenbahn - übrigens ein SEHR SYMPATHISCHES Unternehmen mit tollem Personal! Da könnte ich mir sogar eine Bewerbung vorstellen - aber bevor dort jetzt jemand Panik bekommt: noch plane ich nichts ... ;-)

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Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen! (Jean Paul Sartre)


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