"Mein Gemach". (Ein Text vom gemütlichen Reisezugwagen.) (Allgemeines Forum)

martarosenberg @, Deutschland -- Mitte-Ost und Nordwest., Mittwoch, 09. Januar 2019, 13:26 (vor 7 Tagen)
bearbeitet von martarosenberg, Mittwoch, 09. Januar 2019, 13:27

Geschrieben von meiner Mutter. Nach der Erfahrung vom Mitfahren.


Mein Gemach

Langsam nähert er sich dem Bahnhof. Ich stehe hinter der Schranke und denke, er kommt aus Österreich. Unten Olivgrün, darüber grau mit einem orangefarbenen Streifen. In großen Lettern „ALEX“. Ist es die österreichische Bahn? Ein älteres Modell, schon in die Jahre gekommen.
Nix Österreich. Bayrische Privatbahn, früher Reichsbahn, sagt die Schaffnerin.
Die Waggons sind in 6-er Abteile im alten Stil unterteilt. Die komfortabel gepolsterten Sitze sind ausziehbar, bezogen mit weichem Stoff in anthrazit. Möchtest du dich hinlegen, klappst du die einfach die Armlehnen hoch, denn zwischen den Sitzen sind nur sehr feine schmale Ritzen. Ziehst du die dunkelblauen Vorhänge am Fenster zu und löschst das Licht – das geht per Hand – kannst du gemütlich schlummern. Du kannst auch die Leselampe einschalten.
Aber vorher hast du schon deinen großen Koffer auf die sehr stabile stählerne Gepäckablage gehievt, auch deine Taschen und die deiner Mitreisenden finden darauf Platz. Darunter auf der schmalen legst du deinen Kleinkram ab. An die Doppelhaken, die auch aus Stahl sind, hängst du deinen Mantel und solltest du im Traum daran mal ziehen und zerren werden sie nicht abbrechen. Deinen Brotkasten und die Trinkflasche stellst du auf den kleinen Tischchen unter den Fenstern ab. Falls dir jetzt zu kalt oder zu warm ist, kannst du den Drehschalter darunter bedienen und dir eine gemütliche Wärme einstellen. Hast du kalte Füße, stellst du sie auf den Heizkörper unter dem Fenster. Ach ja, du willst nicht von den Lautsprecheransagen gestört werden? Dann reguliere doch einfach die Lautstärke mit dem Hebel über der Tür. Und damit du nicht erstickst, schiebe die Luftklappe an der Tür so, dass durch das perforierte Blech ein wenig Luft in dein Gemach kommt. So, nun ist alles perfekt. Aber halt: Noch eben pinkeln gehen. Es ist vollbracht, und du säuberst die schon in die Jahre gekommene Schüssel mittels Fußhebel, sodass die Klappe nach unten aufgeht und Wasser nachspült. Und jetzt das Fenster öffnen! Du gehst zurück zum Abteil, aber jetzt musst du dich durchquetschen, denn mehrere Sitze auf dem Gang sind besetzt. Vorher hast du gar nicht bemerkt, dass sich unter jedem Fenster zwei Klappsitze befinden. Du hast es geschafft, betrittst dein Gemach und dir fällt jetzt auf, dass es in Mintgrün gestrichen ist und auf dem Boden blaues Linoleum liegt, Ton in Ton mit den blauen Tischchen und den dunkelblauen Vorhängen. Du schaust noch in den kleinen Spiegel unter der Hutablage und lächelst dir zufrieden zu.
Nun aber gute Nacht. Du schaltest die Deckenlampe aus und ein schwaches Nachtlicht sorgt für Gemütlichkeit. Eine Weile hörst du noch das dir vertraute und beruhigende gleichmäßige Geräusch deines alten Zuges d-dm, d-dm....


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