NL: eine Sache von Access-Points. (Allgemeines Forum)

Oscar (NL) @, Eindhoven (NL), Mittwoch, 09. Januar 2019, 09:12 (vor 161 Tagen) @ Alphorn (CH)

gus78:

Was mir immer wieder auffällt, wie dicht das Netz ist.

In dieser Diskussion sieht man die unterschiedliche Definitionen von "dichtes Netz".

a. dichter Takt (darüber sind wir, glaube ich, alle einig)
b. relativ kurze Entfernung zu einem Access-Point (da schneiden andere Länder besser ab)
c. Anzahl der Access-Points pro Einheit Landoberfläche (da ist NL in Vergleich zu CH eher armutig)
d. wenn die Bahn streikt, ist das Netz selbstverständlich auch dicht...;).

Ein Access-Point kann ein vollwertiger Bahnhof sein oder eine provisorische Haltestelle; Hauptsache ist, man hat Zutritt zum System Bahn.
Zwar haben wir relativ wenige Access-Points, aber man kann auch die Frage stellen:

- wieviele Leute bedient ein Access-Point? (Utrecht Centraal etwas mehr als Uithuizermeeden)
- wie gross ist das Einzugsgebiet eines Access-Points? (Steenwijk eher gross, Almere Parkwijk eher klein)
- wieviele Reisemöglichkeiten bietet das Access-Point? (auch hier Utrecht Centraal etwas mehr als Arnemuiden)
- wie stehen diese drei Merkmale relativ zueinander da?

Alphorn (CH):

Die Niederlande haben 401 Bahnhöfe bei einer Fläche von 41'543 km², macht 9.6 Bahnhöfe pro 1000 km².
In der gleich grossen Schweiz haben allein schon die SBB 793 Bahnhöfe und Haltestellen, zusammen mit den (manchmal tramähnlichen) Privatbahnen werden es 2000! Macht also 17 bis 48 Bahnhöfe pro km². Und das, obwohl Teile der Schweiz unbewohnbar sind.
Deutschland hat mit 5560 Bahnhöfen auf 357'578 km² eine deutlich höhere Bahnhofsdichte als die Niederlande (15.5 Bahnhöfe pro 1000 km²).

Die Schweiz hat Bergketten, die Niederlande Wasserflächen. Beide sind relativ dünn besiedelt. Beide sind auch herausfordernd bezüglich Bahnbau.
Durch Bergketten muss man tunneln und man braucht teilweise Zahnstangen um Höhenunterschiede zu überwinden. Bei Wasserflächen braucht man Brücken und Viadukte. Zudem haben die Landflächen eines wasserreichen Landes einen butterweichen Boden, was der Bau von Bahntrassen erheblich erschwert (für die HSL-Zuid musste man zuerst eine 5-6-stellige Zahl an Betonpfeilern in den Boden schlagen, damit die Strecke nicht ins Schwimmen gerät).

Aber: Flachland kann man auch mit Bussen oder mit dem Fahrrad oder zu Fuss leicht bereisen, und auf Wasserstrassen kann man per Boot reisen (zwischen Dordrecht-Rotterdam verkehrt sogar ein "Wasserbus").
In Bergregionen (und erst recht in der Schweiz) kommt man nur mit der Bahn. Da ist man teilweise alternativlos.
Zudem hat wasserreiches Flachland noch ein Gegner: der Wind. Vor allem elektrifizierte Strecken sind bei Sturm ausfallbedroht. Nicht umsonst nehmen die Züge auf grossen Teilen des DK-Netzes und auf dem Damm auf Sylt ihre eigene Kraftwerke mit, anstelle die benötigte Energie aus einem Kupferkabel zu ziehen.

Interessant wäre der Vergleich mit Dänemark. Das ist so etwas wie die Provinz Zeeland in NL-Grösse. Wären Goeree-Overflakkee (Middelharnis und Umgebung), Schouwen-Duiveland (Zierikzee, Renesse usw.) und Zeeuws-Vlaanderen (Oostburg, Terneuzen, Hulst) in DK, dann hätten die wohl Bahnanschluss gehabt.

Die Stärke des NL-Netzes ist eine andere: Takt. Die langsamsten Züge sind wegen der grossen Haltestellenabstände vergleichsweise schnell, die schnellsten Züge sind wegen vmax=140 km/h vergleichsweise langsam. Das erhöht die Kapazität der Strecke enorm, weil sie sich weniger behindern, und ermöglicht hervorragende Takte. Diese sind in der Randstad auch nötig.

@Oscar, weisst Du, ob die Bahnhofsdichte zur Erreichung dieses Zustandes bewusst reduziert wurde oder war sie von Anfang an so?

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte NL eine ähnliche Bahnhofsdichte wie die Schweiz heute. Auch gab es viele Lokalbahnen, teilweise sogar meterspurig; heute würde man die Regio-Tram nennen. Gemert, die Geburtort meines Vaters, 10 km von Helmond und 20 km von Eindhoven, hatte zum Beispiel eine Trambahn. An der Strecke Eindhoven-Venlo gab es auch Bahnhöfe in Eeneind, Griendtsveen und America. Es gab zwei Bahnstrecken ab Eindhoven nach Valkenswaard: eine direkt via Waalre und eine andere via Geldrop. Ab Valkenswaard gingen beide Strecken weiter nach Neerpelt (BE), ein Bahnknoten mit Strecken von/nach drei weiteren Richtungen: Weert, Hasselt und Antwerpen.
Umso erstaunlicher, dass Aigle (CH), ein Ort mit weniger Einwohnern als Gemert, auch heute noch ein Tramnetz von drei Linien hat! Die drei Schmalspurbahnen die in Aigle starten, haben im Ort eine Art Tramfunktion.

Ein erster Rückschlag war die Wirtschaftskrise in den 1930ern, aber der grosse Rückschlag war der 2. Weltkrieg. Viele Strecken und Bahnhöfe wurden von entweder der Besatzungsmacht oder Widerstandskräften abgebaut und nachher nicht mehr wiederhergestellt. Bahnhofseinstellungen nach 1945 erinnere ich mich nur eine: die von Soestduinen. Sonstige Strecken wie Boxtel-Veghel-Uden wurden nur noch einiger Zeit für Güterverkehr verwendet. Aber hier gab es den Aufmarsch des Lastkraftwagens. Das NL-Bahnnetz verlor zwischen 1960-1985 75-80% der Betriebsanschlüsse weil LKWs wirtschaftlicher waren als Wagenladungtransporte per Bahn.

Zwar sind für die weggefallenen Bahnhöfen neue gekommen, aber die sind meist in der Nähe von bereits existierenden Bahnhöfen gekommen: Eeneind, Griendtsveen und America gingen, dafür kamen dann Helmond Brouwhuis, Helmond 't Hout und Helmond Brandevoort. Eine Folge von Verstädtung ("Urbanisation") unseres Landes. Dorfbahnhöfe wurden als überflüssig betrachtet; Bus war wirtschaftlicher, und ab 1970 wurde das Auto populär.

In diesem Sinne ebenso erstaunlich, dass NL keine echten S-Bahnen hat wie BE (GEN Brüssel), FR (RER/Transilien), ES (Cercanias, Rodalies), DE/CH/AT/DK, SE (Storstockholms Lokaltrafiken, Västtrafiken) obwohl die allermeisten Länder weniger oder deutlich weniger dicht besiedelt sind. De Sprinter sind eher halb-RB, halb-S.
Andererseits kann man die Sprintern in der Randstad auch als S-Bahn bezeichnen. Und Systeme wie Randstadrail sind ähnlich wie S-Bahn Karlsruhe oder die FR-Tram-Trains. Die Zoetermeer- und Hofpleinstrecke, auf denen jetzt Tram- und Metrofahrzeuge verkehren, waren ja auch ehemalige Vollbahnen.


gruß,

Oscar (NL).

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Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Verkehrsstaus müssen etwas Tolles sein, sonst würden nicht alle mitmachen.

Schienenstrangen enden nicht bei einer Staatsgrenze, sondern bei einem Prellbock.


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