Eine etwas andere Reise München - Berlin. Teil 1/2 (Reiseberichte)

Krümelmonster @, München, Sonntag, 02. Dezember 2018, 16:05 (vor 13 Tagen)

Hallo liebes Forum,

ich nutze mal die Winterzeit, um bei meinen Reiseberichten etwas aktueller zu werden. ;-)

Ich fahre ja regelmäßig von München nach Berlin. Für den 29.04.17 hatte ich mir eine etwas andere Route herausgesucht. Gesetzt waren als schöne Strecke der Prager Semmering und als exotischer Bahnhof Bayerisch Eisenstein. Das ist nur nordwärts an einem Tag machbar, mit sehr langen Umsteigezeiten: über 30 min an der Grenze, fast 1 h in Beroun, 2:07 h in Prag, letzteres ist wahrscheinlich bei 2-h-Takt genau 1:59 h mehr als die MÜZ.^^
Nachdem ich zwei Monate im Voraus gebucht hatte, schaute ich drei Wochen vorher nochmal in den Fahrplan und sah SEV von Dobřany nach Pilsen. Drei Tage vor Abfahrt schaute ich mir nochmal die Baustelleninfos an, die ja nur in der Weltsprache Tschechisch verfügbar sind: Komplettausfall des Prager Semmerings, als Ersatz wurde auf die Tram verwiesen! Info per E-Mail kam übrigens keine, das habe ich von den ČD auch schon anders erlebt (damals wegen Bauarbeiten bei Landshut die Abfahrtszeit München – Prag um mehr als 30 min vorverlegt, ich erhielt eine automatische Mail). Ob dieser schlechten Nachrichten schmiss ich mein Programm um: Mit dem SEV konnte ich leben, statt des Prager Semmerings schaute ich mir Pilsen an.

Äußerst früh am Morgen nahm ich nach Anreise per Nachtbus den Alex um 4:55 Richtung Prag. Kurz nach halb sechs stieg ich in Landshut schon aus, um mit dem Mops nach Plattling zu fahren. Es war der erste Isar-Donau-Express und so früh am Morgen, dass dieser noch nicht ab München fuhr. Als ich einsteigen wollte, drückte ich den Türknopf, während die Tür gerade zuging. Daraufhin ging sie wieder auf. So weit, so gut. Doch nun ging sie nicht mehr zu.^^ Sie ging in Dauerschleife unter widerborstigem Piepen fast zu und gleich wieder auf. Zur Kulisse des Türpiepens (bald stimmte auch eine weitere Tür ins Konzert ein) gesellte sich bald das nicht minder eindrucksvolle niederbayrische Fluchen des Tf. Der Glatzkopf in seinen 30ern machte sich unter Ausstoß von Wörtern, die ich diesem freundlich wirkenden Menschen gar nicht zugetraut hätte, an den Türen zu schaffen. Irgendwann war er erfolgreich, und mit + 11 begann der Ritt entlang der Unterisar. Die eingleisige Strecke hatte für imaginäre Zugkreuzungen massig Puffer, schnell war die Verspätung komplett aufgeholt, Plattling wurde pünktlich erreicht.
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1 TGV ohne Pfeiler in der Fresse. Der Zug steht ja die ganze Nacht in der Bahnhofshalle. Ab wann ist eigentlich der Zustieg möglich?
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2 International Nahverkehr
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3 Morgennebel
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4 Mops in Plattling nach überwundener Türstörung
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5 Hier herrscht dichter Zugverkehr^^

In Plattling hatte ich 20 min Aufenthalt bis zur Abfahrt der Waldbahn, der ein einteiliges Regioschüttel ausreichte. Es überquerte die Donau und tauchte kurz darauf in den Morgennebel des Bayrischen Waldes ein. Der Abschnitt zwischen Deggendorf und Gotteszell muss bestimmt landschaftlich richtig schön sein, die Strecke gewinnt dort mit einer weiten doppelten Kehrschleife an Höhe, aber leider sah man nicht viel. Weiter oben lichtete sich der Nebel wenigstens etwas.
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6 Die Waldbahn (die heißt wirklich so^^)
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7 Überquerung der Donau
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8 Hier hat man normalerweise bestimmt ein schönes Panorama
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9 Schöne Aussicht. Nicht…
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10 Nein, heute heißt der Niederschlag Nebel…

Auch das Schüttel erreichte pünktlich sein Ziel: den deutschen Teil des Grenzbahnhofs Bayerisch Eisenstein/Železná Ruda-Alžbětín. 1878 wurde der Bahnhof mit dem Mittelteil seiner Empfangshalle genau auf die Grenze zwischen Bayern und damals noch Österreich gebaut. Zur Zeit des Eisernen Vorhangs blieb war der tschechische Teil ungenutzt, Stacheldrahtzaun wurde über die unterbrochenen Gleise gespannt, selbst im Empfangsgebäude war der Grenzverlauf mit einer Mauer markiert. Mittlerweile herrschen andere Zeiten: Man kann grenzüberschreitend reisen; im deutschen Teil des Gebäudes hat der Naturpark Bayerischer Wald das Museum NaturparkWelten eingerichtet. Samstagmorgen war es leider noch geschlossen. Eine Dreiviertelstunde hatte ich an diesem exotischen Ort Aufenthalt. Anbei ein Bilder der Grenzerfahrung Bahnhof:
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11 Schüttel am Ziel
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12 Das weiße Schild rechts der Bildmitte neben der schwarzen Tafel weißt unmissverständlich auf die Staatsgrenze hin
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13 Bei genauem Hinschauen erkennt man die rote Linie, die mitten über den Bahnsteig verläuft und die Grenze markiert
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14 Grenzstein auf dem Bahnsteig
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15 Es muss doch bestimmt irgendwelche Regeln geben, zu welchem Land diese Tür gehört^^
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16 Blick Richtung Nordosten auf die Rückseite des schmucken Gebäudes auf tschechischer Seite. Darin ist eine Gaststätte untergebracht. Deutschland ist gar nicht auf diesem Bild.
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17 Von der gleichen Stelle Blick Richtung Südwesten. Die Linie im Kopfsteinpflaster im Vordergrund markiert den Grenzverlauf
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18 Blick Richtung Nordosten. Die Grenze verlässt das Gebäude kurz vor der Stelle, wo links im Bild das Autoheck zu sehen ist. Am rechten Bildrand ruht sich das Schüttel aus.
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19 Letztes Bild der Grenze: Sie trifft unter dem Bahnsteigdach aufs Gebäude und verläuft quer hindurch. Unter dem Baldachin versteckt sich das Schüttel.

Auf tschechischer Seite stand schon ein Zug mit einem Monster von Diesellok bereit. Die Wagen waren vorsintflutlich, wenigstens konnte man die Fenster öffnen. In Bayerisch Eisenstein konnte man schon sehen, dass weiter oberhalb noch etwas Schnee liegt. Aber ich staunte nicht schlecht, als ich im weiteren Verlauf der Fahrt noch eine geschlossene Schneedecke sah – am 29. April! Es war eine landschaftlich sehr schöne Strecke, immer wieder gab es schöne Ausblicke, und diesmal sah man auch etwas.^^ Nach dem Scheiteltunnel hinter Špičák begann die Abfahrt, und der Schnee schmolz rasch. Mehrere der Bahnhöfe lagen in der völligen Pampa, und – untypisch für Tschechien – dort stieg tatsächlich niemand ein oder aus. Mein Ticket First Minute Evropa hatte ich erst ab Hamry-Hojsova Stráž lösen können, deshalb hatte ich bis dort noch ein extra Inlandsticket. Das wollte ich dem tschechischen Zub so auf Slowakisch erklären, und nur weil mir nicht schnell genug der Genitiv von Hamry-Hojsova Stráž einfiel (nach + Ort --> Ortsname immer im Genitiv), wechselte er in ein Englisch, das bestimmt nicht besser war als mein Slowakisch – hmpf… In Klatovy gab es einen längeren Aufenthalt, dort wurde der Diesel-Dino durch eine E-Lok ersetzt, die man am freundlichsten mit „altehrwürdig“ beschreiben kann.
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20 Dieses Monster bringt mich weiter
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21 Nein, das ist kein Museumszug^^
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22 Klischee pur: Gleich hinter der Grenze gibt’s Schnee :p
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23 So viel Schnee am 29.04.!
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24 Zugkreuzung in Špičák, dem höchstgelegenen Bahnhof der Strecke
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25 – 27 Winterwunderland
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28 Haltepunkt in der Wildnis
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29 Nochmal Schnee
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30 – 31 Hier hatte ich mein Ticket gesplittet^^
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32 Der Schnee wird weniger
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33 Und das Wetter scheint sich etwas zu bessern
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34 Landschaft im Böhmerwald
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35 Fast schon Frühlingsidylle
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36 Gegenzug in Klatovy
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37 Das Dieselmonster trollt sich von dannen…
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38 …und wird abgelöst von einem nicht weniger modernen Gefährt

Weiter ging es auf einer wenig spektakulären Strecke, mit größter Mühe gewann ich den Kleinkrieg gegen den Schlaf. Bei Ankunft in Dobřany war bereits alles gut organisiert: Drei Busse standen bereit, der Zub passte auf, dass alle in die Busse verfrachtet wurden, und fuhr auch selbst mit. Eigentlich war die Strecke ja nur zwischen Plzeň zast. und Plzeň hl. n. (Hbf.) gesperrt, aber ab Dobřany über die Schnellstr. war viel schnellerer SEV möglich. Der Zug fuhr von Dobřany auch weiter bis Plzeň zast., wer wollte, konnte natürlich mitfahren. Ich fuhr SEV zum Hbf. und war nicht Zug bis zast., weil ich am Hbf. meinen Koffer lassen konnte und ihn nicht durch die Stadt schleppen wollte. Der dicke, schwer atmende SEV-Fahrer hatte eine Warnleuchte im Bus einfach abgeklebt, damit sie nicht nervt. Und die ganze Fahrt über ertönte ein monotones Piepen, das er ebenso lange gekonnt ignorierte. Immerhin fuhr er nicht wie von der Tarantel gestochen, sondern in Ordnung.^^ Plzen hl. n. wurde 9 min nach planm. Ankunft des Zuges an anderen Daten erreicht. Auch interessant: Der Tarif der Gepäckaufbewahrung in Pilsen-Hbf. berechnete sich nach Gewicht.^^

Es geht gleich weiter…

Das Krümelmonster

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Was ist Ironie?
Stell dir vor, dein Zug bleibt in der Pampa liegen. Die Steckdosen gehen nicht mehr. Dann gibt die Klimaanlage den Geist auf. Usw. Nach einer Weile gibt's Freigetränke für alle. Und 10 min später fallen die WCs aus...
Das ist Ironie!


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