Warum fahren Schweizer mehr Bahn als andere Europäer? (Allgemeines Forum)

Oscar (NL) @, Eindhoven (NL), Freitag, 14. September 2018, 10:01 (vor 61 Tagen)

Hallo ICE-Fans,

ich wollte ursprünglich eine Antwort schreiben auf diesem Beitrag, war aber so weit vom Originalthema abgewichen, dass ich ein neues Thema starten möchte.

Alle behaupten, die schweizer Bahn sei die beste wegen das und das und das.
Ich denke, der Unterschied ist eher Selbstvertrauen vs. Angst.
Und diese Eigenschaften gehören nicht einer Bahn, sondern denjenigen, die eine Bahn benutzen.

Im verknüpften Beitrag wird ein Übergang von 10 Minuten zwischen EC und Nachtzug als komfortabel betrachtet. Offenbar aus schweizer Sicht. Sorry, aber lediglich 10 Minuten Übergang für einen Nachtzug der nur 1x am Tag verkehrt, das finde ich als Niederländer nicht gerade komfortabel.

Wenn ich von Amsterdam nach Wien reisen möchte, wird mir eine nightjet-Verbindung via Düsseldorf vorgeschlagen. Ankunft ICE 221 20:46, Abfahrt NJ 40421 20:54. Gut, das sind dann 8 Minuten, aber die zwei Minuten extra sind für mich nicht ausschlaggebend. Dann fahre ich lieber 2 Stunden vorher los.

Ich glaube, der Grund warum Schweizer viel mehr Bahnfahren als andere Europäer ist eher psychologisch als technisch/wirtschaftlich. Der Schweizer hat einfach viel mehr Selbstvertrauen im System Bahn, während Deutsche und andere Europäer eher Angst haben, dass etwas schief geht.

Sozusagen: wenn die Pünktlichkeitsquote 90% wäre, plant Roger (CH) seine Reise mit der Gedanke, dass er in 90% der Fälle sein Ziel wie geplant erreicht. Otto und Jan planen dagegen soviel Zeitpuffer ein, damit man nahe an die 100%-Marke kommt, weil man befürchtet, zu diesen 10% zu gehören, die sein Ziel nicht wie ursprünglich geplant erreicht.

Was auch noch dazu beiträgt: 90% aller Berichterstattung über die Bahn in Sozialmedien (Gesichtbuch, Fingerknipsplauderei und so) handelt sich um diese 10% an Missgeschicken. Vielleicht ist das Verhältnis noch extremer.

Dann kann man noch so viele Züge und noch so einen dichten Takt haben (NL), noch so schnelle Züge haben (FR/ES/IT/TR), noch so komfortable Züge und Lounges haben (DE) oder die Drehscheibe Westeuropas sein (BE), wenn man diese Angst nicht loswird (und stattdessen diese von Generation auf Generation überträgt), wird es immer schwerer für die Bahn zu wählen.

Zugleich wird das Auto hochgelobt, als sei es eine Schöpfung unseres lieben Gottes (in NL wird es sogar "die heilige Kuh" genannt). Etwas, dass immer verfügbar ist und niemals versagt. Ja, im Strassenverkehr gibt es auch Staus und Baustellen. Unterschied mit Verspätungen und Zugausfällen ist allerdings nur, dass man Staus und Baustellen gesellschaftlich und sozial akzeptabel gemacht hat. Zugleich gelten Bahnverspätungen als "falsche Verkehrsmittelwahl" oder sogar "unerwachsenes Verhalten", sobald man das Mindestalter der Führerscheinausbildung überschritten hat.


gruß,

Oscar (NL).

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