Sehr weit außerhalb geschlossener Ortschaften: Corrour (Reiseberichte)

micha_k, Dresden, Freitag, 09. März 2018, 21:38 (vor 105 Tagen)

Da nebenan der einzigartige Bahnhof Corrour angesprochen wurde, möchte ich mal an einem Bericht versuchen:

Zunächst ein paar Fakten: Der Bahnhof liegt in den Schottischen Highlands an der West Highland Line Glasgow – Fort William – Mallaig. Er ist 11 bzw. 12 km von den nächsten Siedlungen entfernt und nicht über öffentliche Straßen erreichbar. Zur Entstehungsgeschichte gibt es verschiedene Versionen. Einerseits schuf der Bahnhof eine Kreuzungsmöglichkeit auf der langen eingleisigen Strecke, andererseits war der Bahnhof eine willkommene Anbindung der Ländereien von Sir John Stirling-Maxwell, 10. Baronet von Pollok und Ritter des Distelordens. Dieser veranstaltete dort regelmäßig Hirsch- und Moorhuhn-Jagden. Der Bahnhof bot fortan den Jagdgästen eine direkte Bahnanbindung. Der Bahnhof wurde als Kreuzungsbahnhof ausgelegt und erhielt ein mechanisches Stellwerk.

Im Oktober 2015 habe ich auf einer Großbritannien-Rundfahrt diesen Bahnhof mit einem Freund besucht. Die Tagesetappe sollte uns von Broadford auf der Insel Skye nach Corrour führen. Vorgesehen war, dass wir nach einer kurzen Busfahrt die Fähre von Armadale nach Mallaig nutzen. Von dort wollten wir mit dem Museumszug »The Jacobite« (auch bekannt aus den Harry-Potter-Filmen als »Hogwarts Express«) nach Fort Williams fahren, um von dort mit einem ganz gewöhnlichen Zug Corrour zu erreichen.

In Armadale stellten wir dann aber fest, dass der Fährverkehr wegen schlechten Wetters „bis auf weiteres“ eingestellt war. Also blieb uns nichts anderes übrig, als die Insel wieder so zu verlassen, wie wir sie erreicht hatten – über die einzige Brücke mit dem Bus nach Kyle of Lochalsh. Nach einer Zugfahrt nach Inverness und einem hektischen Sprint zum Busbahnhof haben wir gerade so noch einen Bus nach Fort Williams erreicht. So konnten wir in der Dämmerung noch einen Blick auf Loch Ness erhaschen. Nessie ließ sich aber nicht blicken.

In Fort Williams war der geplante Zug natürlich längst weg. Ein Zug stand aber noch im Plan: Der »Caledonian Sleeper« nach London! Dieser hat auch einen Bedarfshalt in Corrour. Die Zugbegleiterin schaute uns sehr mitleidig an, als wir nach dem Sitzwagen fragten. Nachdem wir erklärt hatten, dass wir dort nicht die Nacht verbringen wollen, hellte sich ihre Miene wieder etwas auf.

[image]
Bild 1: Caledonian Sleeper – die Zuglok 67009

[image]
Bild 2: Caledonian Sleeper – unser Wagen

Der Sitzwagen entpuppte sich als Halbgepäckwagen an der Zugspitze. Der Haltewunsch wurde dann vom Zugführer per Lampe dem Triebfahrzeugführer signalisiert. Vor dem Ausstieg mussten wir dem Zugführer glaubhaft versichern, dass wir eine Unterkunft haben.

Da es ja schon dunkel war, gibt es von der Ankunft keine Bilder. Vom Bahnhof waren es dann noch 1,8 km Fußweg über eine unbeleuchtete Schotterstraße zur Jugendherberge »Loch Ossian Youth Hostel« am gleichnamigen See. Dank Taschenlampe war das aber kein Problem.

Die Jugendherberge – die kleinste, die ich jemals gesehen habe, besteht aus einem Hauptgebäude mit einem feuerbeheizten Aufenthaltsraum, zwei Schlafsälen und zwei kleinen Waschräumen. Plumpsklos gibt es im Nebengebäude. Über ein Windrad und Solarzellen erfolgt eine spärliche Stromversorgung. Eine Anbindung an irgendwelche öffentlichen Netze gibt es nicht.

[image]
Bild 3: Der Loch Ossian

Am anderen Ende des Sees befindet sich das alte Jagdanwesen Corrour Lodge. Einst hat wohl sogar ein Dampfboot die Jagdgäste über den See befördert.

[image]
Bild 4: Die Jugendherberge

[image]
Bild 5: Auf dem Weg zum Bahnhof: Ein Blick zurück

[image]
Bild 6: Der Bahnhof taucht in der Ferne auf...

Das Bahnhofsgebäude dient inzwischen als Hotel und Restaurant.

[image]
Bild 7: Bahnhofsgebäude: Landseite

[image]
Bild 8: Die Bestätigung: Außer der Jugendherberge ist hier wirklich nichts. Die Wegangabe ist falsch – hier hat man wohl Meilen und Kilometer verwechselt.

[image]
Bild 9: Eine Übersicht über den Bahnhof.

[image]
Bild 10: Das Bahnhofsgebäude, von der anderen Seite.

Das mechanische Stellwerk wurde in den 80er Jahren außer Betrieb genommen, blieb aber erhalten. Damals wurde es gerade saniert. Inzwischen steht es als Unterkunft zur Verfügung.

[image]
Bild 11: Stellwerk.

Der Bahnhof ist nicht nur einer der abgelegensten, sondern auch der höchste Bahnhof an einer britischen Hauptstrecke. Nahe dem Bahnhof befindet sich der Scheitelpunkt der West Highland Line.

[image]
Bild 12: Ein Hinweisschild auf den Scheitelpunkt. Es befindet sich in einem jämmerlichen Zustand, man mag es als Mahnmal auf das katastrophale Ende der Firma Railtrack sehen.

Danach setzten wir unsere Reise mit dem Morgenzug nach Glasgow fort, dieser hielt als einziger Zug regulär (nicht nur bei Bedarf) in Corrour. Denn der Halt diente einer besonderen Funktion: Der Zugführer tauschte mit einem Mitarbeiter des Jagdanwesens die Post aus.

Es gibt auch das eine oder andere schöne Video aus Corrour auf Youtube:
https://youtu.be/ALd-ApLeIxQ (hier das Original, wem die Anspielung nichts sagt: https://youtu.be/xtbS_PdA198)

https://youtu.be/zgc3cQeSKOc

Ich hoffe, mein Erstling hat euch gefallen.


gesamter Thread:

 RSS-Feed dieser Diskussion

powered by my little forum