Schweiz-Runde, Teil 3 (mit 23 Bildern) (Reiseberichte)

Krümelmonster @, München, Sonntag, 11. Februar 2018, 18:08 (vor 186 Tagen) @ Krümelmonster

Nach Umrundung des Brienzersees wurde pünktlich (sic! :p) Interlaken-Ost erreicht, wo der Adler verendete. Hier stieg ich bahnsteiggleich in den IC um. In der 4er-Gruppe neben mir saßen drei Inder, die laut einen indischen Film auf dem Tablet schauten. Ich war ganz froh, dass sie in Interlaken-West ausstiegen. Aber mal ganz ehrlich, warum zum Geier zahlt man 2,20 CHF à drei Personen, um nach mehr als 5 min Wartezeit eine Strecke von 1,9 km innerhalb eines Ortes zurückzulegen? Das wäre wahrscheinlich schon zu Fuß schneller gegangen, vom Preis ganz zu schweigen. :D Die Fahrt führte dann entlang am Südufer vom Thunersee, was landschaftlich natürlich immer noch sehr schön war, aber doch hinter das Panorama vom Brienzersee zurücktreten musste. Mit der Zeit wurde der Schnee weniger. Der SBB-Zub kam, ich zeigte ihm meine Freifahrt, in der Reiseverbindung war die Verbindung via Delémont (nur als Zwischenhalt, nicht direkt erkennbar) eingetragen, die Wegevorschrift zeigte nur „Interlaken 1088 Basel-SBB“. Ich fragte, ob ich für eine Umwegkarte zahlen müsse. Er meinte, Umwegkarten seien unmöglich, wenn das Ziel im Ausland ist. Darauf fragte ich, was denn passiert, wenn er als Ziel der Umwegkarte einfach Basel Bad. Bhf. einträgt. Daraufhin machte er sich ziemlich lange an seinem MT zu schaffen und bestätigte mir schließlich, dass ich nur via Delémont fahren dürfe, weil das Ticket ja so gelöst sei. Hätten wir das auch geklärt.^^
Ab Thun nahm der Zug die direkte Strecke in die Bundesstadt. Das war mal etwas Anderes: Mit 160 Sachen (in der Schweiz ist das ja mit Ausnahme einer Strecke das höchste der Gefühle im Freien) ging es schnurgerade durchs Alpenvorland, rückwärts sitzend konnte man beobachten, wie sich die weißen Gipfel immer weiter entfernten. Dafür kamen die wenig ansehnlichen Vororte der Nicht-Hauptstadt näher. Nach kurzweiliger Fahrt war Bern erreicht, wo ich ausstieg und die Wuchtbrumme 460 an der Spitze des Zuges sowie die berühmte Welle begutachtete.
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85 Dekadentes Interlaken

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86 Panorama vom Thunersee

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87 In die andere Richtung geknipst

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88 Wir nähern uns Spiez

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89 Such den See

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90 Skandal!!! Wo bleibt der wütende Mob, die brennenden Barrikaden, die Revolution!?!!??!!!???

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91 Auch hinter Spiez ergeben sich noch ein paar schöne Aussichten auf den Thunersee, z B diese

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92 Dieses Gefährt hatte mich und ein paar Wagen nach Bern gezogen, bevor es sich rückwärts Richtung Basel auf den Weg machte

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93 – 95 Welle in dreifacher Ausführung

Nach 21 min ging es im KISS weiter nach Biel/Bienne. Der Ort ist offiziell zweisprachig, 2/3 sprechen Deutsch und 1/3 Französisch. So waren auch alle Ansagen im Zug zweisprachig, Zub gab’s keinen. Nach der Ausfahrt aus Bern über die Brücke mit hübschem, aber gegenlichtigem Stadtblick ging es Richtung Nord/Nordwest über eine gerade, gut ausgebaute Strecke durch anspruchsloses Terrain, jedoch durchweg nur mit 100 bis max. 120 km/h. Als Deutscher scharrt man da nervös mit den Füßen und sagt: „So fahr doch zu!!!“. Wie muss es erst den Franzosen gehen?^^ So dauerte es eine knappe halbe Stunde bis Biel.
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96 Der mittlere Teil vom Bhf. Bern ist ein finsteres Loch, hier mein Zug nach Biel

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97 Die Brücke vor dem Bhf. mit Blick auf die Stadt und einem gewissen Grünling

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98 Schweizer Provinz, links hinten der Jura

Auch im Bhf. Biel/Bienne gab es ebenfalls zweisprachige Ansagen, s. i. w. sogar zuerst auf Französisch und dann auf Deutsch trotz mehrheitlich deutschsprachiger Bevölkerung und zahlreichen Zügen in die Deutschschweiz. Meine neigende Grinsebacke via Delémont nach Basel stand schon bereit, zuvor fuhr noch die Grinsebacke aus Genf nach Zürich ab. Wir folgten ihr mit kurzem Abstand bis Grenchen (auf Französisch klingt das nicht wie „Grongschong“, sondern tatsächlich wie „Grenchen Nort“ mit gerolltem R, das -ch- klingt wie im Wort „Dach“, obwohl es diesen Laut im Französischen gar nicht gibt; und Laufen wurde fast genauso wie auf Deutsch ausgesprochen, obwohl der Ort auf Französisch offiziell „Laufon“ heißt). Ab Grenchen Nord fuhren wir durch einen langen Tunnel (nicht ungewöhnlich für die Schweiz: dies war der schnellste Abschnitt der Fahrt^^) durch den Jura-Kamm unter der Sprachgrenze hindurch, um uns danach mit recht niedriger Geschwindigkeit durch felsige Jura-Täler zu schlängeln. Ich bin nicht der größte Freund der Neigetechnik, aber ich meide sie auch nicht um jeden Preis. Wenn ich in einem Neigezug sitze, gebe ich in der ersten Kurve ein Geräusch von mir, das ungefähr wie „oouuurrnngkh“ klingt, aber meistens hab ich mich nach drei bis fünf Kurven dran gewöhnt.^^
Die Landschaft hier im französischsprachigen Teil des Jura war hübsch, die Architektur unterschied sich nicht von der Deutschschweiz. Lediglich der einzige halbwegs große Ort Delémont hatte einen ganz leichten französischen Touch. Hier stand der Zug 5 min zum Kopfmachen. Ich versuchte ihn zu beruhigen: „Mach dir keinen Kopf, das wird schon“, aber er verstand wohl nur Französisch… Danach ging es nicht mehr ganz so felsig weiter bis Basel. Die Sprachgrenze zurück in die Deutschschweiz war nur anhand der Ortsnamen erkennbar. Das mächtige und häufige Neigen konnte nicht ändern, dass die Fahrt in Schlängellinien sehr gemächlicher verlief – trotzdem erreichte der Zug pünktlich Basel SBB.
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99 Grinsebackenspiegelung. Ebensolch ein Gefährt rechts im Bild brachte mich sodann mit doppelter Überquerung der Sprachgrenze nach Basel.

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100 Im Jura

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101 Fotografisch sicher kein Meisterwerk, aber es zeigt gut die Landschaft, die ich vorfand

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102 Fahrtrichtungswechsel in Delémont

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103 Kurvig geht es weiter

Hier stand der ICE Richtung Berlin schon bereit. Kurz vor Abfahrt konnte ich noch beobachten, wie dutzende Liter Wasser an der Seite aus dem Speisewagen liefen. Hat das schon einmal jemand gesehen oder kann es sich erklären?
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104 Huch, was machst du denn in Basel?

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105 Nein, das ist kein Museumsstück, das ist ein normaler IC. Dahinter meine Grinsebacke aus Biel.

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106 Speisewagen beim Wasserlassen, und das nicht zu knapp! Weiß jemand, was es damit auf sich hat?

Die geplante Abfahrt verstrich, und es tat sich: nichts. Nach ein paar min setzte sich der ICE in Bewegung, erst dann informierte der Zub, dass wir wegen Warten auf Anschlussreisende 8 min Verspätung haben (WTF!? Ich dachte, wenn tatsächlich einmal der extremst unwahrscheinliche Fall eintritt, dass durch einen Alienangriff, nuklearen Unfall o. ä. ein Schweizer Zug verspätet ist, dass die SBB selbst dann niemals Anschlüsse abwartet!?). Der Badische Bhf. wurde mit 5 min Verspätung verlassen. Noch eine verspätete Fahrt in der Schweiz für die Statistik, muhaha. Hinter uns folgte EC 8 aus Interlaken nach Hamburg, dem von den Helvetiern nicht weniger als 18 min Abfahrtsverspätung in Basel aufgebrummt wurden! Das Ende der Welt naht!!!
Hinter Basel machte sich der Zub an die Fahrkartenkontrolle. In der Nähe von mir saß eine alleinreisende ältere Dame aus Afrika, die gerade wahrscheinlich ohnehin schon den Kulturschock ihres Lebens hatte und auf die Frage „Sprechen Sie Deutsch?“ verwirrt mit „Sorry, Eengleesh please“ antwortete. Der Zub inspizierte ihre Fahrkarte und fragte vorsichtig: „Are you going to Freiburg in Germany or Fribourg in Switzerland?“. Die Dame erfreut: „Sweetzerland!“, und alle drumrum machten reichlich betretene Gesichter… Der Zub erklärte ihr freundlich auf Englisch, dass der nächste Halt Freiburg in Deutschland sei und wie sie schnell zurück nach Basel komme. Geld hat er ihr – aus meiner Sicht fairerweise – nicht abgeknöpft, die Dame war doch schon genug gestraft…
Hinter Offenburg waren wir wieder pünktlich. Nachdem ich ja im Allgäu und der Schweiz Glück mit dem Wetter gehabt hatte, lag nun der Schwarzwald leider völlig im Dunst, südlich von Offenburg sah man rein gar nichts, weiter nördlich konnte man allenfalls erahnen, dass dort ein Gebirge steht.
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107 Beweisbild: Da ist der Schwarzwald (versteckt)

So, und jetzt nochmal zum Mitschreiben die Chronik des Unmöglichen:
Der ICE verließ die Schweiz verspätet, weil er auf Anschlussreisende aus einem verspäteten Schweizer Zug gewartet hatte! Es kommt noch unmöglicher: Ein nicht bahnsteiggleicher 6 min-Anschluss zwischen zwei Zügen von DB Fernverkehr hat funktioniert, und das im Gedränge SO Nachmittag und – jetzt kommt’s – in Mannheim, in einem Bhf., wo selbst offiziell Anschlüsse nie länger als 2 min abgewartet werden! Und ich machte Augen wie Untertassen
Vom Zug nach München habe ich im Gedränge kein Foto geschossen. Wie ein ICE 1 aussieht, sollte ja hier bekannt sein. :p
Insgesamt waren es 1.280 km, davon 15 in Österreich und 445 in der Namensgeberin des Berichts, bei einer Fahrtzeit von 16 h 19 min, davon 1 h 26 min Zwischenhalte. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit hat sich also nicht so sehr über die Tour gefreut wie ich.^^

P. S.: Sowohl im ICE Basel – Mannheim als auch im ICE Mannheim – München hatte ich zufällig Wagen 7 Pl. 71 reserviert. Nur vier Tage später, bei meiner nächsten Tour, waren wieder bei einer Umsteigeverbindung Wagen- und Platznummer gleich, allerdings nicht im ICE.
Dazu mehr im nächsten Bericht. ;)

Es grüßt,
das Krümelmonster

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Was ist Ironie?
Stell dir vor, dein Zug bleibt in der Pampa liegen. Die Steckdosen gehen nicht mehr. Dann gibt die Klimaanlage den Geist auf. Usw. Nach einer Weile gibt's Freigetränke für alle. Und 10 min später fallen die WCs aus...
Das ist Ironie!


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