FAZ:Warum Provinz-Fürsten für ihr Dorf 'nen ICE-Halt möchten (Allgemeines Forum)

Castro92, Dresden, Donnerstag, 12. Februar 2009, 13:07 (vor 3753 Tagen) @ sappiosa

Hallo Castro,

Eigentlich bietet das (im Thread angesprochene) japanische Nozomi-Hikari-Kodama-System gute Chancen, mit dieser Lage umzugehen.


In Japan mag dies funktionieren in Deutschland funktioniert es aufgrund der Unternehmenspolitik der Deutschen Bahn und der Struktur Deutschlands im Moment nicht.


Warum? Was tut die Unternehmenspolitik der Deutschen Bahn Deiner Meinung nach dagegen?
Ein Hikari oder Kodama ist ja nicht mit einem IC oder IR gleichzusetzen. Er nimmt schon die Schnellstrecken und könnte durchaus von ICE-Fahrzeugen bedient werden.

Ich hab die Bedienung von kleineren Halten eher allgemeiner verstanden und nicht nur auf den HGV bezogen.

Was die Struktur Deutschlands angeht: Siehe unten.

Das wiederum wird in Deutschland immer wieder torpediert von Kirchturm-Politikern und Sensations-Medien, die sich weigern zu akzeptieren, dass es zwischen "alle halten hier" und "keiner hält hier" Mittelwege gibt.


Nein die gibt es ja in Deutschland eben nicht. Entweder man hat den ICE oder man hat nur eine RB oder ähnliches.


Aber "man hat den ICE" muss doch nicht heißen, dass nicht zugleich andere ICE durch- oder vorbeifahren könnten, oder?
An Lyon fahren zahllose TGV vorbei - und Lyon käme niemals auf die Idee, vom TGV-Netz abgehängt zu sein.

Aus meiner Sicht besteht dafür in Deutschland kein ausreichendes Potenzial. Frankreich ist aufgrund seiner zentralistischen Struktur mit Deutschland auch nicht vergleichbar.
Mit dem Wissen dass für so eine zweistufige Bedienung im Fernverkehr für die DB kaum rentieren dürfte würde ich als Kommunnalpolitiker auch um jeden ICE streiten.

Die Deutsche Bahn und die Politik des Verkehrsministeriums haben den IR als ein solches Produkt ja aussterben lassen.


Sehe ich auch als Fehler. Hat aber mit dem Thema m.E. höchstens am Rande zu tun. Der Artikel der FAZ bezog sich ausdrücklich aufs Hochgeschwindigkeitsnetz.

Die Poltik mit dem IR ist aber symptomatisch für den kompletten Fernverkehr in Deutschland und die Bereitschaft auch kleinere Städte an den Fernverkehr anzubinden. Man muss auch beachten dass in deutschland der Fernverkehr nicht nur auf NBS stattfindet sondern auch auf normalen Strecken.

Im übrigen: Was hat Trier davon, einmal am Tag einen ICE statt des IC zu sehen, mit der gleichen Fahrzeit, aber sogar höheren Preisen? Trotzdem will sich Trier stolz ICE-Halt nennen.

Was auch an der Unternehmenspolitik der DB liegt den ICE als das einzig Wahre zu präsentieren und ihn als das einzig zukunftstaugliche Konzept im Fernverkehr darzustellen.

Ich kann mich daran erinnern, dass es die Schlagzeile gab "Aachen soll abgehängt werden", als die DB darüber diskutierte, einen (und nur einen!) ICE Köln-Brüssel in Aachen durchfahren zu lassen.


Wenn ich OB in Aachen wäre würde ich dagegen auch protestieren. Wer hindert die DB dann daran den nächsten ICE durchfahren zu lassen?


Vielleicht die Nachfrage der Aachener Fahrgäste selbst? Wenn der Halt so wichtig ist, sollte die DB doch gar kein Interesse daran haben, den Halt abzuhängen.

Es geht dem OB in diesem Fall ja nicht darum ob sich der Halt lohnt oder nicht. Es geht ihm darum seine Stadt möglichst häufig in den Fahrplänen der DB zu sehen. Der ICE ist eben auch ein Prestige-Objekt.
Man möchte natürlich als Bürgermeister möglichst versuchen jegliche Überlegungen zum Abhängen seiner Stadt im Vorneherein zu unterbinden.

Solch eine Reaktion ist aufgrund der schlechten Erfahrungen mit der DB nachvollziebar.


Nein, solch eine Reaktion zeigt, dass man die Bahnreform nicht verstanden hat (oder aus Populismus nicht verstanden zu haben vortäuscht).

Man hat sie bestimmt verstanden. Man hat aber auch festgestellt dass die DB bei Weiten noch nicht so unabhängig von der Politik ist wie oft vorgegeben. Diesen Einfluss dann auch zu nutzen ist völlig legitim.
Ob die Bahnreform in dieser Form es überhaupt Wert ist akzeptiert und verstanden zu werden ist eine andere Frage. Logisch ist sie nämlich nicht.

Die DB fährt den Fernverkehr eigenwirtschaftlich. Es fährt, was sich für die DB lohnt; und wenn ein Halt nicht mehr bedient wird, heißt das, die Nachfrage lohnt den Halt nicht. Statt auf die böse DB zu schimpfen (die haargenau das tut, was ihr die Politik seit 1994 aufträgt), sollte ein Aachener OB also lieber an die Aachener appellieren, mehr Bahn zu fahren.

Wieso sollte dass ein Aachener OB machen? Die DB ist politisch noch so beeinflussbar dass solche Proteste meist erfolgreich sind. Daran ist die DB aber selbst schuld.

Dementsprechend wenig ausgelastet wären Autobahn-SFS in Deiutschland. Auf den einzelnen Relationen reicht einfach dass Fahrgastpotenzial nicht für diese Schnell-Langsam-Bedienung aus.


Doch, das denke ich schon. Auf der KRM wird es i.W. jetzt schon so gemacht.
Und die Schnellstrecke Würzburg-Hannover wird im Abschnitt Fulda - Sorsum (Abzweig nach Hildesheim) von drei Linien pro Stunde bedient; hier würde die Nachfrage für einen stündlichen Nozomi Frankfurt-Hannover-Hamburg (Halt nur in diesen Städten) allemal reichen. Von den Fahrgästen, die ab Frankfurt den ICE Richtung Hamburg nehmen, steigt meiner Erfahrung nach mindestens die Hälfte nicht vor Hannover aus.

Und hier siehst du schon dass mit so einem Konzept für Städte wie Kassel oder Göttingen einige Direktverbindungen in dichtem Takt verloren gehen würden wenn man nicht die Anzahl der Züge erhöht. Das ist aus Sicht dieser Städte nicht akzeptabel.

Aber solch ein Nozomi lohnt sich eben nicht, wenn er in Fulda, Kassel und Göttingen zwar nicht hält, aber durchbummeln muss.

Deswegen ist so ein Konzept illusorisch. Die Städte werden es wohl kaum zulassen am Rande ihres Stadtgebietes eine Umfahrung bauen zu lassen ohne etwas davon zu haben. Hätte man diese Strecke von Anfang an so gebaut wäre es kein Problem. Ganz billig dürfte das ganze auch nicht werden.


In einem Land wie Deutschland mit seinen differenzierten Verkehrsbedürfnissen wäre ein einheitlich geplanter ITF wichtiger als eine NBS durch den Thüringer Wald mit einer Fahrzeit von ITF-untauglichen 70 Minuten.


Ich sehe das als Sowohl-als-Auch´

Natürlich, Bedingung ist ein Hochgeschwndigkeits-ITF.


Übrigens: Unterschätze nicht die Investitionen in die Infrastruktur, die ein echter ITF erfordert. Köln Hbf z.B. wäre derzeit überhaupt nicht in der Lage, den Verkehr eines ITF-Knotens abzuwickeln. Auch die SBB hat das nur unter immensen Kosten hinbekommen.

In solchen Städten wie Köln wäre als erstes eine Fernverkehrstaktknoten von Nöten. Der Nahverkehr ist aufgrund des relativ dichten und in Zukunft noch dichteren Taktes bei einem Taktknoten eher zu vernachlässigen. Gleiches würde zum Beispiel weitgehend für Berlin gelten. Man kann auf der Stadtbahn keinen Taktknoten einrichten. Im Nord-Südtunnel könnte man einen Taktknoten einrichten. Auch ein Diesel-Taktknoten in Berlin-Lichtenberg wäre sinnvoll.
Der größte Taktknoten dürfte so oder so der in Frankfurt werden.

Aber Italien nimmt auch eine Menge Geld dafür in die Hand, und es wird ja immer wieder kolportiert, FS stehe vor der Pleite...


Viel Geld auszugeben und dann vor der Pleite zu stehen halte ich nicht für so einen Widerspruch.


Stimmt. Hatte mein Satz anders geklungen?

Ich dachte du wolltest dort einen Widerspruch erkennen.


Schöne Grüße aus Frankfurt nach Dresden
Daniel (aka Sappiosa)

Viele Grüße aus Dresden zurück


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